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Notlandung: Den Absturz überleben

(c) AP (Ivan Sekretarev)
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Viele Menschen glauben, dass es keine Chance gibt, einen Crash oder eine Notlandung heil zu überstehen. Doch mit dem richtigen Verhalten lässt sich die Überlebenswahrscheinlichkeit im Unglücksfall drastisch erhöhen.

Papa, wir sind ins Wasser gefallen.“ Mit diesen Worten schilderte Bahia Bakari ihrem Vater am Telefon die dramatischen Ereignisse. Die 12-Jährige ist die einzige Überlebende des Flugzeugabsturzes vor den Komoren vom vergangenen Dienstag. Nach dem Crash hatte sie sich zwölf Stunden lang an einem im Wasser treibenden Wrackteil festgeklammert, bis Rettungskräfte sie fanden. Ein „Wunder“ – so wurde ihre Rettung bezeichnet.

Im konkreten Fall mag dieser Griff zur Metaphysik gerechtfertigt sein, doch die Statistik zeigt ein völlig anderes Bild: Die Überlebensrate bei Flugzeugabstürzen beträgt 95,7 Prozent. Diese Zahl berechnete das amerikanische National Transportation Safety Board, das alle Flugzeugunfälle zwischen 1983 und 2000 analysiert hat.

Das Todesrisiko bei einem zufällig gewählten Flug liegt laut dem Mathematiker Arnold Barnett vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) bei eins zu sechzig Millionen. Zum Vergleich: Bei einer Fahrt mit dem Auto beträgt das Risiko etwa eins zu neun Millionen, ist also etwa siebenmal größer. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung spielen solche Zahlen kaum eine Rolle. Der Passagier geht davon aus, dass es bei einem Absturz ohnehin keine Überlebenden geben wird.

Dieser „Mythos der Hoffnungslosigkeit“, wie es der US-Journalist und Autor des Buchs „Wer überlebt?“ bezeichnet, ist auch eine der größten Gefahren, sollte es tatsächlich einmal zu einem Absturz oder einer Notlandung kommen. Denn weil die Menschen glauben, in einem solchen Fall ohnehin keine Chance zu haben, nichts für ihre Rettung tun zu können, beschäftigen sie sich erst gar nicht mit jenen Dingen, die ihr Leben retten könnten.

Gerade das Wissen, wo sich die Notausgänge befinden, wie viele Sitzreihen man von ihnen entfernt ist, ist hilfreich, wenn man nach einem Crash durch dichten Rauch nach einem Fluchtweg sucht. Laut der Federal Aviation Administration (FAA), der US-Luftaufsichtsbehörde, liegt genau in diesem Unwissen das größte Sicherheitsrisiko. 60 Prozent der Flugreisenden, so das Ergebnis einer Studie, geben zu, den Sicherheitshinweisen der Flugbegleiter nicht zuzuhören oder die Infoblätter nicht zu lesen – bei Vielfliegern sei es am schlimmsten.


Negative Panik. Diese Vorbereitung ist wichtig, weil das Gehirn im Unglücksfall derartige Informationen nicht mehr aufnehmen kann. Dann kann es zur sogenannten „negativen Panik“ kommen – die Menschen sitzen wie angewurzelt auf ihren Plätzen und tun nichts, um sich zu retten. Schlicht und einfach, weil sie eine derartige Situation noch nie erlebt haben und nicht wissen, wie sie reagieren sollen. Sie warten auf Anweisungen – doch kommen diese vom Bordpersonal nicht, erstarren sie in Bewegungslosigkeit.

Im besten Fall weiß die Crew genau, was zu tun ist – und gibt den Passagieren klare Befehle. „Alle Mann zu den hinteren Notausgängen“ – Kommandos wie diese und die Anweisung, das Flugzeug ruhig zu verlassen, können Leben retten, wie beim Absturz der Air-France-Maschine 358 am 2.August 2005, die in Toronto bei einem Gewitter über die Landebahn hinausrutschte. Obwohl ein Feuer ausbrach, wurden alle Passagiere gerettet. Sogar jene, die ihr Handgepäck auf der Flucht mitnahmen – ein Verhalten, das die Überlebenschancen minimiert, denn Taschen verlangsamen die Flucht.

Auch vor einem Absturz oder einer Notlandung kann man etwas für sein Überleben tun – nämliche die „Brace-Position“ einnehmen. Der Passagier beugt sich nach vorn, bis er mit der Stirn den Vordersitz berührt, die Hände liegen rechts und links neben dem Kopf, und die Füße stehen möglichst weit vorn flach auf dem Boden. Durch diese Haltung wird die Kraft des Aufpralls minimiert. Wichtig dabei: Der Sicherheitsgurt muss straff sitzen.

Der sicherste Platz. Bleibt die Frage, ob der Sitzplatz einen Unterschied macht. Eine Analyse von Bruchlandungen durch Popular Mechanics im Jahr 2007 ergab, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit im Heck um 40 Prozent höher ist als in den vorderen Reihen. An der University of Greenwich kam man zum umgekehrten Ergebnis, dass nämlich vorne die Chancen besser stehen. Viel hängt einfach davon ab, mit welchem Teil das Flugzeug zuerst auf dem Boden aufschlägt. Was die Überlebenschancen auf jeden Fall hebt, ist ein Platz nahe beim Notausgang – fünf Reihen sind die Grenze, in denen die Wahrscheinlichkeit zu überleben am höchsten ist.

Bei aller Vorbereitung ist aber am wichtigsten, entspannt zu bleiben. Ben Sherwood schließt sein Kapitel über Flugzeugabstürze mit dem Hinweis, dass es wahrscheinlicher ist, an einem durch Stress ausgelösten Herzinfarkt zu sterben, als mit dem Flugzeug eine Bruchlandung zu erleben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2009)