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Theater bei den Oukels in Kairo

(c) Karim El-Gawhary
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Der Taubenschlag auf dem Balkon beschäftigt nicht nur die Familie, sondern auch die Nachbarn. Und Hamdy, den Herrn im Haus, nervt der Schleiertick seiner Gattin.

Was tun, wenn die Tauben Eier legen, aber nichts dabei herauskommt? Das unfruchtbare Gelege des Taubenschlags auf dem Balkon ist das neueste Problem, das Hamdy Oukels Familie im Kairoer Armenviertel Dar al-Salam dieser Tage beschäftigt.

Eigentlich war Hamdy dagegen, als sein zweitältester Sohn Muhammad vor drei Monaten zunächst mit einem halben Dutzend Tauben ankam. Er wollte nicht schon wieder die kleine Zweizimmerwohnung mit seiner siebenköpfigen Familie auch noch mit Haustieren teilen. Erst vor zwei Jahren, als das mit der Vogelgrippe begann, hatte Hamdy den Flatterzauber auf seinem Minibalkon beendet und seinem Sohn Muhammad, den sonst alle bei seinem Kosenamen „Hamasah“ rufen, jegliche weitere Taubenzucht untersagt. Aber Hamdy hat ein gutes Herz, das mit der Vogelgrippe verschwand aus den Schlagzeilen und wurde von neuen erschreckenden Nachrichten über die Mexikanische Grippe ersetzt – und sein 24-jähriger Sohn blieb hartnäckig.

Was Tauben halt so tun. Also wurde erneut ein hölzerner Taubenschlag gezimmert, der fast ein Drittel des Balkons einnimmt. Dass die Nachbarn sich zunächst beschwerten, weil die Tauben artgerecht alles vollgeschissen hatten, trug die Familie mit typisch ägyptischer Gelassenheit – weit fliegen die Vögel eh nicht, meist nur aufs Dach oder auf den Balkon des Nachbarn in der engen Gasse gegenüber.

Und jetzt hat sich noch der Nachbarssohn einen Stock tiefer mit dem Taubenzuchtfieber angesteckt. Letzte Woche half ihm Hamasah, seinen Schlag zu zimmern. Mit einem Hamdy, der seinen Taubenwiderstand aufgegeben hatte, einer Nachbarschaft, die erfolgreich ausgesessen bzw. selbst auf die Seite der Taubenzüchter gezogen wurde, wäre die Welt Hamasahs eigentlich in Ordnung, wär da nicht die Sache mit den unfruchtbaren Eiern. Seit drei Wochen tut sich nix im Taubenschlag.

Besuch vom bösen Blick. Des Rätsels Lösung war für die Familie keine Frage: Ein Nachbar hat den „bösen Blick“ auf die Tauben geworfen. „Hassad“ – „das Auge des Neiders“ – ist ein im ägyptischen Volksglauben fest verankertes Konstrukt. Wenn irgendwas gut gelaufen ist und plötzlich nicht mehr funktioniert, dann muss das teuflische Auge im Spiel sein! Also konzentrierte sich die Debatte in Hamdys Haus darauf, wie man den bösen Blick wieder vom heimischen Federvieh abwenden kann.

Eine Methode, den bösen Zauber des Neiderblicks loszuwerden, ist so zu tun, als wolle man das Objekt der Begierde verkaufen. Im Moment verhandeln Hamdy und sein Sohn noch, wie das am besten zu handhaben sei. Hamdy ist für die Billigvariante: Muhammad solle einfach einen Freund herbeizitieren, der dann hörbar für die Nachbarschaft von Straße zu Balkon ein Gespräch über den Verkauf der Tauben beginnt, mit anschließendem detaillieren Feilschen um den Preis. Das sollte reichen, glaubt Hamdy.

Hamasah ist nicht überzeugt. Er vermutet, dass nur ein wirklich radikaler Schritt den Zauber brechen kann und will seinen Taubenschlag vor den Augen der Nachbarn auf den Dachgepäckständer eines der schwarz-weißen Kairoer Taxis schnallen, um am Freitag zum Tiermarkt zu fahren. Viel zu aufwendig und viel zu teuer, sperrt sich Hamdy noch. Ob sich Vater diesmal durchsetzen kann? Fortsetzung folgt.

Wohl zu viel Koran-TV gesehen! Apropos nicht durchsetzen: Seit über einem Jahr trägt Hamdys Frau Naima nun den Niqab, den Vollschleier, der nur ihr aufgewecktes Augenpaar freilässt. Das habe ihr ein Fernsehscheich in einem der Koran-Programme eingeredet, klagtihr Ehemann. Der TV-Prediger habe sie überzeugt, dass das ihre islamische Pflicht sei. Seitdem huscht sie immer schnell ins Hinterzimmer, wenn ein Fremder an der Haustür klingelt, und zieht ihren Schleier über.

Auch eine Nachbarstochter trage schon Vollschleier und schwarze, armlange Handschuhe, seitdem sie einen dieser Bärtigen geheiratet habe, der seinen Fernseher als „Teufelsinstrument“ aus seinem Haus verbannt habe, schüttelt Hamdy den Kopf. Die Nachbarstochter Amira sei im selben Haus praktisch mit ihm aufgewachsen und sei als Mädchen auf seinem Schoß gesessen. „Jetzt schüttelt sie mir nicht einmal mehr die Hand“, erzählt er.

Alles hat ein Ende. Oder? Aber viel mehr wurmt ihn das mit seiner Frau. „Die Tradition der Vollschleier ist von Saudiarabien auf Ägypten übergeschwappt“, sagt er. Obwohl er selbst gottesfürchtig ist, meint er, das habe nichts mit dem Islam zu tun, ein Kopftuch reiche doch völlig. Er kann sich aber in dieser Frage nicht gegen den Willen seiner Frau durchsetzen. „Hoffentlich geht das vorbei“, sagt er.

Zwischen dem unfruchtbaren Taubenschlag auf dem Balkon und seiner in der Öffentlichkeit schwarz verschleierten Naima – manchmal ist das Leben in einem Kairoer Armenviertel komplexer, als man sich das vielleicht im geregelten Europa vorstellen kann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2009)