Warum man sich mit Neuengagements in nächster Zeit zurückhalten und bei Unternehmensanleihen besonders aufpassen sollte.
Die Aktienmärkte sind in den vergangenen Tagen in eine Phase eingetreten, die vorsichtige Anleger alarmieren sollte: Die großen Indizes kommen nicht mehr so recht vom Fleck, die Kurse sind fühlbar volatiler geworden. Der seit März anhaltenden imposanten Rally droht nun, die Luft auszugehen.
Insgesamt sind die Experten zwar noch immer „bullish“ und rechnen weiter mit zweistelligen Kurszuwachsraten für das Gesamtjahr. Kurzfristig dürfte es aber bestenfalls seitwärts, eher nach unten gehen. Das ist erst einmal kein ideales Umfeld für Neuengagements.
Wie es läuft, hat man in dieser Woche gesehen: Schlechte Arbeitsmarktzahlen in den USA haben die Wallstreet kräftig gedrückt – und die europäischen Börsen noch mehr. Wenn die derzeit alles bestimmenden US-Börsianer morgen, Montag, aus dem verlängerten „Independence Day“-Wochenende zurückkommen, wird es erst so richtig spannend. In der kommenden Woche beginnt nämlich die Berichtssaison für das zweite Quartal. Und die dürfte wenig erfreuliche Ergebnisse bringen. Schließlich ist die Konjunktur auch in den USA noch nicht wirklich am Boden angekommen. Das bedeutet weiter sinkende Gewinne – also reines Gift für die ohnehin schon ein wenig verunsicherten Börsianer.
Besonderes Augenmerk sollten Anleger in nächster Zeit auf die Banken legen – und zwar nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande, wo sich nämlich die nächste Krise zusammenbraut: Derzeit leiden die Banken (auch in Österreich) schon sehr stark unter dem schlechten Zustand vieler Produktionsunternehmen. Eine Reihe von stillen Ausgleichen, bei denen die Financiers auf 60 bis 80 Prozent ihrer Forderungen verzichten, um die Kreditnehmer nicht umzubringen, drückt auf die Margen. Das dürfte sich nach dem Sommer noch verschärfen – und die rasant steigende Arbeitslosigkeit wird dann auch viele private Kreditnehmer in Schwierigkeiten bringen. Dazu kommt noch das nach wie vor hohe Ostrisiko.
Die Bilanzierungsregeln erlauben den Banken derzeit noch, einiges unter der Decke zu halten. Im zweiten Quartal wird es demgemäß noch nicht so dramatisch aussehen. Aber in einigen Monaten werden wir sicher die nächste Banken-Kapitalisierungsrunde haben. Bis dahin sollte man sich von Bankaktien eher fernhalten.
Und sonst? Demnächst wird es, wie gesagt, eher seitwärts oder nach unten gehen. Die Tiefstände vom März werden wohl nicht mehr erreicht, mit Neuengagements kann man sich jetzt aber ruhig Zeit lassen: Da wird es in den nächsten Wochen wohl bessere Einstiegskurse geben.
Bei den bestehenden Positionen heißt es aufpassen und ein bisschen auf technische Signale schauen. Die vergangenen zwei Jahrzehnte haben ja gezeigt, dass es keinen Sinn macht, der Ideologie von der Langfristanlage in Aktien nachzuhängen und bei der Fahrt in den Keller zuzuschauen, wie die Gewinne wieder dahinschmelzen. Das heißt im Notfall Ausstieg oder Absicherung durch Put-Optionen. Letzteres sollten sich aber nur geübte Anleger zutrauen.
Besonders gilt das für Papiere, die sehr hoch geklettert sind. Etwa die „Presse am Sonntag“-Empfehlung Stec, deren Kurs sich in drei Monaten mehr als verdreifacht hat. Sollten starke technische Verkaufssignale auftreten, was derzeit noch nicht der Fall ist, gilt da wohl die Devise, dass an Gewinnmitnahmen noch keiner verarmt ist. Auch wenn man in diesem Fall mit dem Finanzamt teilen muss.
Auf jeden Fall aus dem Depot muss die „Presse am Sonntag“-Empfehlung Integralis. Wie schon in der Vorwoche berichtet, hat das Münchener IT-Unternehmen ein Übernahmeangebot von einer NTT-Tochter erhalten, das so gut wie fix ist. Es hat hier keinen Sinn, auf „Nachschläge“ zu spekulieren, der Deal ist praktisch gelaufen. Das Papier hat seit der „Presse am Sonntag“-Empfehlung in vier Wochen 42 Prozent „gemacht“ – und die sollte man jetzt ernten.
Sehr gefragt sind momentan bei heimischen Anlegern Unternehmensanleihen. Die jüngsten waren in kurzer Zeit weg – und notieren schon mit deutlichen Kursaufschlägen. Wer hier zugreift, sollte sich aber auf wirklich erstklassige Schuldner konzentrieren. Denn die Insolvenzwelle – und damit auch das Totalverlustrisiko – ist erst im Anrollen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2009)