Gesundheitsökonomie: „Kein wirklicher Sparwille erkennbar“

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Laut Statistik Austria stiegen die Gesundheitsausgaben auf einen neuen Höchststand. Gleichzeitig erwarten die Krankenkassen bis 2018 ein immer höheres Defizit.

Wien. Vor Kurzem hat der Internationale Währungsfonds (IWF) Österreich kritisiert – angeprangert wurden unter anderem die hohen Ausgaben für die Pensionen und für das Gesundheitssystem. So seien die Gesundheitsausgaben um ein Fünftel höher als im Durchschnitt des Rests der entwickelten Welt. Trotzdem bekommen die Österreicher laut IWF für diesen Preis wesentlich schlechtere Leistungen, als es die hohen Kosten vermuten lassen würden. Bei den Pensionen will die Regierung bis zum 29. Februar ein Reformpaket vorlegen.

Auch bei der Gesundheit besteht Handlungsbedarf. Denn hier sind die Ausgaben zuletzt auf einen neuen Höchststand gestiegen, wie die in der Vorwoche veröffentlichten Zahlen der Statistik Austria zeigen. Die Statistik Austria verschickte dazu keine Presseaussendung. Daher blieb bislang eine öffentliche Diskussion über die Kostensteigerungen aus.

Wegen der vielen Akteure im Gesundheitssystem liegen erst jetzt die Zahlen für 2014 vor. Die Details für 2015 sollen im Februar 2017 veröffentlicht werden.

Konkret kletterten 2014 die öffentlichen und privaten Gesundheitsausgaben um 1,1 Milliarden Euro auf 36,253 Milliarden Euro. Die jährlichen Steigerungsraten sind wesentlich höher als das allgemeine Wirtschaftswachstum. „Im Zeitraum von 1990 bis 2014 stiegen die österreichischen Gesundheitsausgaben im Durchschnitt um fünf Prozent pro Jahr“, schreibt die Statistik Austria auf ihrer Homepage.

Besonders stark erhöhten sich die laufenden öffentlichen Gesundheitsausgaben. So gaben der Staat und die Sozialversicherungsträger 2014 für den Gesundheitsbereich um 873 Millionen Euro mehr aus. In Summe kletterten die Ausgaben in diesem öffentlichen Bereich auf 25,642 Milliarden Euro. Somit gab es 2014 eine stärkere Steigerungsrate als im Jahr 2013, als die öffentlichen Ausgaben um 378 Millionen Euro zulegten. „Ein wirklicher Sparwille ist hier nicht erkennbar“, sagt Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer.

 

Mangelnde Reformbereitschaft

Seit Jahren kritisieren Experten, das österreichische Gesundheitssystem sei zu spitalslastig. So verfügt Österreich pro tausend Einwohner über 60 Prozent mehr Spitalsbetten als der Durchschnitt aller OECD-Staaten. Trotzdem stiegen 2014 wieder die Kosten für die Spitäler. Konkret gaben der Staat und die Sozialversicherungsträger für die stationäre Gesundheitsversorgung 11,8 Milliarden Euro aus. Das ist im Vergleich zu 2013 ein Plus von 457 Millionen Euro.

Arthur Wechselberger, Präsident der österreichischen Ärztekammer, meinte jüngst im „Presse“-Gespräch, dass im Gesundheitssystem zu wenig auf die Wirtschaftlichkeit geachtet werde. „Die Krankenhäuser sind interessiert, ihre Betten zu füllen. Viele Patienten könnte man ambulant behandeln, doch für die Spitäler ist es ein Geschäft, wenn an sich ambulante Patienten auch über Nacht bleiben“, so Wechselberger.

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Laut Rechnungshof können im Spitalswesen 4,75 Milliarden Euro eingespart werden. Der Betrag könnte für alternative, insbesondere ambulante Behandlungsformen verwendet werden. Doch für die Spitäler sind die Bundesländer zuständig. Und diese sind gegen eine grundlegende Reform. Der Rechnungshof kritisiert, dass der Bund hier zu wenig Einflussmöglichkeiten hat – wie beispielsweise bei der Krankenhausplanung. Viel Geld fließt in die Verwaltung. Laut Statistik Austria stiegen 2014 die öffentlichen Ausgaben für die Verwaltung der Gesundheitsversorgung von 708 Millionen Euro auf 723 Millionen Euro. Nur in einem Bereich gab es 2014 bei den öffentlichen Ausgaben einen Rückgang – und zwar bei den Kosten für die häusliche Pflege (inklusive Pflegegeld). Hier wurden 50 Millionen Euro eingespart.

Indes nehmen die Krankenkassen wegen der angespannten Arbeitsmarktlage weniger Beiträge ein. Am Montag wurde bekannt, dass sie im Vorjahr ein Defizit von 21,5 Millionen Euro machten. Heuer soll das Minus auf 93,6 Millionen Euro steigen. 2017 sollen es 234 Millionen Euro sein, und für 2018 rechnet man mit Verlusten von 425 Millionen Euro. Die Wirtschaftskammer urgiert nun Reformen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2016)

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