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Erbitterte Schlacht um Grenzkorridor im Norden Syriens

TURKEY-SYRIA-UNREST
(c) APA/AFP/BULENT KILIC
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Analyse. Kurden, Türken, Syriens Rebellen und Regime ringen um strategisch wichtiges Gebiet.

Die Worte des türkischen Premiers waren deutlich: Sollten die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) weiter vorrücken, hätten sie mit „härtesten Reaktionen“ zu rechnen, warnte Ahmet Davutoğlu am Montag. Zugleich feuerte türkische Artillerie den dritten Tag in Folge auf Stellungen der YPG nahe der Stadt Azaz im Norden Syriens. Die Volksverteidigungseinheiten haben dort den Militärflughafen Menagh eingenommen und stehen in der Stadt Tal Rifaat. „Wir werden nicht zulassen, dass auch Azaz fällt“, sagte Davutoğlu und drohte den YPG sogar mit Luftangriffen.

Seit Syriens Regimetruppen mit russischer Luftunterstützung eine Großoffensive gegen die nordsyrische Stadt Aleppo gestartet haben, wurde in der Region eine gefährliche militärische Dynamik in Gang gesetzt. Denn das Gebiet ist für mehrere Streitparteien von großer strategischer Bedeutung.

YPG-Volksverteidigungseinheiten. Sie sind die Streitkräfte der de facto autonomen Kantone Efrin, Kobane und Cizire im Norden Syriens, in denen vor allem Kurden leben. Dominierende politische Kraft ist hier die Partei der Demokratischen Union (PYD) – eine Schwesterorganisation der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die einen Untergrundkrieg in der Türkei führt.
Efrin im Westen Syriens ist von den beiden anderen Provinzen weiter östlich durch Gebiete getrennt, die vom Islamischen Staat (IS) und von syrischen Rebelleneinheiten kontrolliert werden. Die Volksverteidigungseinheiten wollen diese Territorien einnehmen. Damit würden sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Zum einen würde der IS endgültig von seinen Nachschubwegen in die Türkei abgeschnitten. Zum anderen könnte Efrin mit den östlichen Kantonen verbunden werden.

Die Gegend um Azaz, in die die YPG vorstießen, gehört ebenfalls zu diesem strategisch wichtigen Grenzstreifen. In dem schmalen Gebiet hat nicht der weiter östlich stehende IS das Kommando, sondern mehrere Rebellengruppen. Zu ihnen zählen neben moderateren Brigaden auch islamistische und jihadistische Einheiten, die zuletzt immer wieder das Kurdengebiet bei Efrin angriffen.
Durch die Offensive der syrischen Regimetruppen gegen Aleppo sind die Rebellen unter massiven Druck geraten. Und die YPG-Volksverteidigungseinheiten nutzen die Gunst der Stunde. Mit ihrem Vorstoß unterstützen sie de facto den syrisch-russischen Vormarsch. Zugleich wollen sie offenbar aber auch rechtzeitig den Grenzstreifen einnehmen, bevor das die von Süden her anrückenden syrischen Truppen tun.

YPG und PYD befinden sich in einer günstigen diplomatischen Lage. Seit ihrem Widerstand gegen den IS in Kobane erhalten sie US-Luftunterstützung. Washington ist klar, dass die kurdischen Truppen die schlagkräftigste Waffe gegen den IS in Syrien sind. Zugleich will auch Russland die Volksverteidigungseinheiten unterstützen – unter anderem, um der Türkei zu schaden. Denn seit dem Abschuss eines russischen Jets herrscht zwischen Moskau und Ankara diplomatischer Kriegszustand.

(c) Die Presse


Türkei. Ankara will vermeiden, dass das Autonomieexperiment in den mehrheitlich kurdischen Kantonen in Nordsyrien von Erfolg gekrönt ist. Deshalb hat die Türkei auch zunächst verhindert, dass Hilfe in die vom IS belagerte Stadt Kobane gebracht wird. Die türkische Regierung fürchtet die Vorbildwirkung auf die Kurden im eigenen Land und will verhindern, dass die syrischen Schwesterorganisationen der PKK an Macht gewinnen. Zudem wirft Ankara den Volksverteidigungseinheiten und der PYD vor, mit Syriens Assad-Regime unter einer Decke zu stecken.

Für Ankara ist das Gebiet nördlich von Aleppo aber auch aus einem anderen Grund wichtig. Hier verläuft der letzte Verbindungsweg der von Ankara unterstützten syrischen Rebellen in die Türkei.


Syrisches Regime. Sollte dieser Verbindungsweg abgeschnitten werden, wäre das ein schwerer Rückschlag für den Aufstand gegen Machthaber Bashar al-Assad. Deshalb versuchen die Regimetruppen und ihre russischen Helfer mit aller Macht, zuerst Aleppo einzunehmen und dann weiter zur Grenze vorzustoßen. Von hier aus könnten sie sich – sofern sie das anstreben – gegen den IS weiter östlich wenden.

Zugleich würden sie nach wie vor einen Keil zwischen die kurdisch kontrollierten Kantone treiben – für den Fall, dass Damaskus nach einem Sieg über die Rebellen dann doch auch noch die Autonomie in Nordsyrien zerschlagen will.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2016)