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Allzu billiges Erdöl schadet uns allen

Russland und Saudiarabien stemmen sich gegen den Ölpreisverfall. Gut so. Denn das billige Öl droht die Welt in eine neue Finanzkrise zu stürzen.

Was haben ein Haus in Florida und ein Fass Erdöl in Texas gemeinsam? Ganz einfach: Es gibt viel zu viel davon, und Schuld daran haben auch die Banken an der Wall Street. Der größte Unterschied: Die amerikanische Immobilienblase ist bereits geplatzt, die Ölblase ist noch prall gefüllt. Denn während sich die Welt in den vergangenen Jahren gegen die Rezession stemmte, haben die Investmentbanker ein kleines Vermögen in amerikanische Ölfirmen gepumpt und damit den Grundstein für den Schiefergasboom gelegt. Energie wird immer gebraucht, so ihre simple Logik. Und irgendwo muss all das Geld ja hin.

Doch leider, leider scheint auch diese Wette nicht aufzugehen. Die Welt braucht zwar mehr Energie – und auch Erdöl – als je zuvor. Aber sie bezahlt dafür kaum mehr etwas. Binnen eineinhalb Jahren fiel der Preis für ein Fass Erdöl von über hundert auf unter zwanzig Dollar. Was europäische Autofahrer freuen mag, löst in weiten Teilen der Welt langsam Panik aus. Venezuela steht kurz vor der Staatspleite, Russland muss das Tafelsilber verkaufen, und selbst im Budget von Saudiarabien klafft ein 100-Milliarden-Dollar-Loch. Die zaghafte Ankündigung der Länder, die Ölproduktion wenigstens nicht noch weiter zu steigern, wird sie nicht retten.

Das sind schlechte Nachrichten, auch für Europa. Um das zu sehen, muss man kein eingefleischter Grüner sein, der das Ende der Energiewende fürchtet. Geht den Ölproduzenten das Geld aus, verlieren Europas Exporteure ihre besten Kunden. Ohne Petrodollar fehlt sowohl den Saudis als auch den Russen das notwendige Kleingeld, um Maschinen und Anlagen made in Austria zu kaufen. Der positive Effekt, den sinkende Energierechnungen natürlich auf die Industrienationen haben, kann das gerade einmal ausgleichen.

Die größere Bombe für die Weltwirtschaft tickt allerdings jenseits des Atlantiks. Denn an der Wall Street weckt der Ölpreissturz mittlerweile Erinnerungen an die Finanzkrise. Wie damals wurde auch hier eine Branche lang mit billigen Krediten gefüttert. Schätzungen zufolge stehen die US-Ölfirmen mit 500 Milliarden Dollar in der Kreide. Wie damals dürfte ein großer Teil davon niemals zurückbezahlt werden.

Jedes dritte Ölunternehmen wird das heurige Jahr nicht überleben, schreiben die Berater von Deloitte in einer Studie. Besonders die USA fürchten sich vor der Pleitewelle. Sind hier doch die Ölfirmen nur der erste Dominostein. Der nächste könnten schon (wieder) die Banken sein. Alte Bekannte wie JP Morgan Chase, Wells Fargo, Citigroup und die Bank of America mussten im vergangenen Quartal deshalb Hunderte Millionen Dollar abschreiben. Aber nicht nur auf die Banken selbst kommen Unannehmlichkeiten zu. Auch Versicherer und Pensionsfonds investierten große Summen in die scheinbar so beständige Energiebranche. Auf dem hoch riskanten Markt für Junk-Bonds hat sich der Anteil der Energiefirmen seit 2008 mehr als verdoppelt. Auch die berüchtigte Praxis, schlechte und gute Kredite zu zerteilen und neu gebündelt teuer zu verkaufen, feiert ein Comeback. Unter dem Namen CMBS (Commercial Mortgage-backed Security) werden Industrieimmobilien stückchenweise verhökert – darunter auch die Geisterstädte, die das schnelle Geld der Wall Street rund um ein paar Bohrlöcher hat entstehen lassen.

Die Lage sei nicht vergleichbar, versichern die Banken. Sie seien vorsichtiger geworden, die Risikopuffer dicker. Die Kredite an Energiefirmen würden nur wenige Prozent des Kreditportfolios ausmachen. Verglichen mit den US-Immobilienkrediten sind die Kredite an Ölfirmen tatsächlich nur eine bessere Fußnote.

Zumindest soweit wir das heute wissen. Denn klare Daten, wie hoch das Kreditausfallrisiko wirklich ist, gibt es nur vereinzelt. Wer auf giftigen Papieren sitzt – und wem er sie jetzt noch unterjubelt –, werden wir wohl wieder erst danach erfahren. Ein wenig Skepsis schadet also nicht, denn lässig waren die Banken vor dem Platzen der Immobilienkrise auch.

All das ist Grund genug, ausnahmsweise auf steigende Ölpreise zu hoffen. Es müssen ja nicht gleich 100 Dollar sein. Aber 50 Dollar pro Fass halten auch Österreichs Autofahrer aus und lassen dem Rest der Welt ein wenig Luft zum Atmen.

E-Mails an: matthias.auer@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2016)