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Pop

Jazzfest Wien: Am besten ist sie mit Pistole im Koffer

(c) EPA (Gustavo Cuevas)
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Marianne Faithfull in der Staatsoper: majestätisch, oft berührend, aber mit einer viel zu braven Band.

„Wenn ich mit Keith Richards zusammen bin“, schrieb Marianne Faithfull in ihrer Autobiografie, „habe ich das Gefühl, wir sind die letzten überlebenden Bewohner eines lang untergegangenen Königreiches, die die alten Sitten noch nicht aufgegeben haben.“

Ob man die Sechzigerjahre nicht erlebt hat oder sich nicht an sie erinnern kann – man kann sich der Aura nicht erwehren, die diese heute 62-jährige, mit ihrer stolzen blonden Mähne, in ihrem edlen schwarzen Hosenanzug majestätisch wirkende Frau sich aus dem Königreich (ihrer Jugend) bewahrt hat. So war die Rührung groß, als sie das durch persönliches Drogenschicksal aufgeladene „Sister Morphine“ sang, auch wenn sie den Text einmal falsch von Blatt las. Noch größer bei „As Tears Go By“, dem Song über spielende Kinder, den Mick Jagger und sie einst, als sie selbst fast noch Kinder waren, mit wunderbar frühreifem, altklugem Pathos gesungen hatten.

 

Die Leichtigkeit, die steht ihr nicht

Heute hat der Rückblick alle Tändelei verloren, ist schwer und ernst geworden, wie der letzte Song, den Faithfull in Wien sang: „Sing Me“ mit dem Refrain „Please take me away and turn back the years: Sing me back home before I die“. Das ist Nostalgie ohne billigen Trost, ohne Leichtlebigkeitsattitüde, wie im Titelsong ihres neuen Albums „Easy Come, Easy Go“: So virtuos sie ihn mimte, dieser Swing passt ihr nicht.

Am besten ist Marianne Faithfull wie eh und je im bitteren, tragischen Fach: in „Times Square“, in dem sie mit einer Pistole im Koffer umherirrt, in Randy Newmans unheimlicher, Besinnlichkeit heuchelnder Kindermörderballade „In Germany Before the War“, in der altertümlichen Bilderwelt von „Children of Stone“, im zornigen „Why'd Ya Do It“, in dem Faithfull in der Rage der Rache ihre aristokratische Kinderstube vergisst und u,a. von einer „barbed-wire pussy“ halluziniert.

 

Viel zu „gepflegter“ Rahmen

Die Band begleitete auch solche Wanderungen durch Abgründe nuancenreich und routiniert, virtuos und wohlklingend – Schlimmeres kann man über die sieben Musiker nicht sagen, aber das reicht. Man hätte sich ein raueres, weniger perfektes, nicht mit allen Wässerlein gewaschenes Ensemble gewünscht, einen Schlagzeuger, der nicht in jeder Sekunde genau die passenden Schläge appliziert, einen Gitarristen, der nicht in einem Song mehr richtige und geschmackvolle Töne findet als Keith Richards während einer ganzen Tournee.

In das Ambiente einer „Gala“ in der Staatsoper passte das vielleicht, aber das ist ja überhaupt ein Problem: Faithfull, die ihre aktuelle Setlist für diesen Wiener Auftritt deutlich gekürzt hatte, wirkte wie gehemmt, sagte die längste Zeit nur Verbindlichkeiten, als wolle sie den Spiritus loci nicht kränken. Dieser im Sommer unerträglich schwüle Spielort, der angeblich das Atout des – heuer besonders beliebig und fad programmierten – Wiener Jazzfests ist, hat längst seinen Reiz als Festival-„Location“ verloren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2009)