Wie sich Araber in Bosnien einkaufen

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(c) APA/AFP/FAYEZ NURELDINE (FAYEZ NURELDINE)

Investoren aus den Golfstaaten und Saudiarabien lassen Häuser und Ferienanlagen in Zentralbosnien bauen. Die Einwohner fürchten den radikalen wahhabitischen Einfluss. Eine Reportage.

Sarajewo. Weitläufige Parks durchziehen das Gelände. Im Sommer fahren Fiaker entlang einer von alten Bäumen gesäumten Allee hin zur Quelle des Bosnaflusses, wo am Rande des Igman-Bergmassivs das Wasser aus dem Gestein sprudelt und einen Fluss bildet. Mehmed Alicehajic liebt diesen Ort: Ilidža vor den Toren Sarajewos. Bei Wanderungen durch die fast unberührten Wälder „kannst du jetzt aber Überraschungen erleben“, sagt der 82-jährige ehemalige Germanistikprofessor.

Kamen im 19. Jahrhundert die Damen und Herren aus Wien und Budapest in die Hotels und Kuranlagen, sind es nun vornehmlich arabische Familien. Die nach dem letzten Krieg renovierten Kurhotels, wie das Hotel Hungaria oder Bosna sind seit Jahren mit Touristen aus den Golfstaaten und aus Saudiarabien ausgebucht, zumal die traditionellen Sommerfrischen in Syrien und dem Libanon seit dem Krieg unsicher geworden sind. Mit Zuwachsraten von bis zu 30 Prozent ist Bosnien und Herzegowina zum Touristenland geworden.

Jannah lautet das arabische Wort für Paradies. „Jannah“, rief auch der Großinvestor Ismail Ahmed von der Firma Buroj Property Development aus Dubai aus, als er im Hochplateau von Dejčići die Aussicht auf das von Schnee bedeckte Massiv des Treskavica genoss. Seine Firma hat das Hochplateau gekauft und will 2,2 Milliarden Euro in das Projekt stecken. Eine für Bosnien nahezu unvorstellbare Dimension. Hier sollen 2000 Villen, 60 Hotels, 186 Mehrfamilienhäuser, ein Krankenhaus, Einkaufszentren und Restaurants entstehen.

Die Investition wird sich nach dem Kalkül der Firma rechnen, denn die Baupreise in Bosnien sind niedrig. Zement und Baumaterialien werden im Land produziert. Die Firma rechnet mit einem Drittel der Baukosten im Vergleich zu Projekten in der Heimat. Schon im April soll mit den Bauarbeiten begonnen werden. Auch andere arabische Firmen sind in Zentralbosnien aktiv. Während die Superreichen aus den Golfstaaten in London investieren und den Sommer in Chalets in Kitzbühel oder der Schweiz verbringen, ist es hier eher die Mittelschicht, die nach preiswerteren Alternativen sucht.

Typisch gemischte Dörfer

Die von Schnee und Eis bedeckte Straße schlängelt sich den Berghang zum Dorf Osjenik hinauf. Unten im Tal ist noch der Ort Pazarić zu erkennen. Bereits von den ersten Häusern des Dorfes aus bietet sich ein einmaliger Blick auf die umliegende Bergwelt. Auf dem Bjelašnica-Massiv locken die 1984 angelegten olympischen Pisten noch täglich Tausende Skifahrer an.

Der ehemalige Professor Alicehajic deutet auf den muslimischen Friedhof, anschließend auf den christlichen Friedhof mit den eingravierten Bildern der Verstorbenen auf den Grabsteinen. Die Moschee und die Kirche verraten, dass dieses Dorf zu den für Zentralbosnien typischen gemischten Dörfern gehört, in denen seit Jahrhunderten Menschen verschiedener Religionen zusammenleben.

Nach wenigen Hundert Metern ist die Hochebene erreicht. Zweistöckige Mehrfamilienhäuser umschließen ein Terrain, wo ein künstlicher See angelegt werden soll. Darauf weist das am Eingang zum Gelände angebrachte Schild hin, auf dem die geplante Anlage der aus Kuwait stammenden Firma Gulf.doo grafisch dargestellt ist. Manche der Häuser sind erst halb fertig, daneben werden von Baggern Gruben ausgehoben. Überall wird gearbeitet. Es wird ein Einkaufszentrum geben, eine Moschee, Restaurants und Cafés. Betreten darf man das Gelände noch nicht. Immerhin lässt der bosnische Wachmann durchblicken, dass schon im Sommer die ersten Touristen kommen sollen. In den 160 Häusern werden mehr als 1000 Touristen aus den Golfstaaten und Saudiarabien ihren Urlaub verbringen können.

Viele Männer aus der Region hätten jetzt Arbeit, ungelernte Hilfsarbeiter bekämen zwar nur umgerechnet 15 Euro am Tag, aber „besser, als arbeitslos herumzuhängen“, sagt Alicehajic. Der frühere Professor ist ein Teil der Raja, der traditionsbewussten Bildungsschicht aus dem multinationalen Sarajewo. Religiös sei er nicht, sagt der Bosniake. Er fürchte aber um den Bestand des traditionellen, toleranten bosnischen Islam. „Wahhabismus und Salafismus gehören nicht hierher“, grummelt er. „Was bedeutet dieser radikale arabische Islam für die muslimische Dorfbevölkerung? Nicht zu sprechen von den Christen“, kritisiert er.

Die Investoren hätten das Land von der Gemeinde gekauft, denn nach dem Krieg und der Unabhängigkeit fiel das im sozialistischen Jugoslawien staatliche Land in den Besitz der Gemeinden in Bosnien und Herzegowina, erzählt Alicehajic. „Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, welche Korruption das bei Bürgermeistern und politischen Parteien nach sich zieht. Und die Wahhabiten werden versuchen, die muslimischen Politiker auf ihre Seite zu ziehen.“ Nach dem Ausflug auf das Plateau kehrt er in ein Restaurant in Pazarić ein, auf dem Tisch vor ihm stehen Bohnensuppe, Kräutertee und der Birnenschnaps Kruska.

Der rundliche Besitzer des Lokals hat Alicehajic' Thesen zugehört. „Moment, so einfach ist das nicht. Die Araber haben im letzten Sommer viel Geld ausgegeben“, sagt er. Er baue das Restaurant jetzt aus, im Sommer sollen Dutzende Gäste draußen am Bach sitzen können. Geld komme nun in die Region, allen werde es besser gehen. Aber darf er dann noch Alkohol ausschenken? „Ach was, die arabischen Gäste haben letzten Sommer schon viel Wein, Bier und Schnaps getrunken, bei uns ist das erlaubt. Die freuen sich über unsere bosnisch-muslimische Lebensweise.“

Plakate auf Arabisch

Im Zentrum Ilidžas ist eine neue Welt entstanden. Die arabischen Immobilienfirmen, die sich um das nach dem Jugoslawien-Krieg gebaute Hotel Hollywood herum angesiedelt haben, preisen ihre Objekte auf Arabisch an. In der Cafeteria des Hotels sitzen bei Tee und Softdrinks mehrere Gruppen von Männern, Araber und Bosnier, eng zusammen und wälzen Papiere.

Auch Emir möchte mit den Arabern verhandeln. Der junge Bosnier aus Mostar hat sich einen Bart wachsen lassen. Er will mit den großen arabischen Investoren über die Lieferung von Fleisch verhandeln. „Die Lebensmittel für die Araber müssen halal sein, argentinisches Fleisch können wir denen nicht liefern.“ Hat sich Emir nur aus Geschäftsinteresse einen Bart wachsen lassen? Oder geht er wirklich in Richtung des „Neuen Islam“? Alicehajic ist sich unschlüssig. Emir zeigt sich bereit, über Glaubensfragen zu diskutieren, kritisiert die oberflächliche Konsumwelt des Westens: „Nur Partymachen ist langweilig.“

Emirs Auftreten gefällt einer Begleiterin, einer bosnischen Muslima, jedoch gar nicht. „Er wollte mir als Frau nicht die Hand geben, wir sind doch nicht in Arabien“, zeigt sie sich brüskiert. „Fehlt noch, dass sie von uns bosnischen Frauen fordern, uns zu verschleiern.“