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Coen & Coen: „Die schlimmsten Skandale blieben uns erspart“

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Coen-Brüder(c) APA/AFP/TOBIAS SCHWARZ (TOBIAS SCHWARZ)
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Der neue Film der Regie-Brüder Joel und Ethan Coen, „Hail, Caesar!“, spielt in der goldenen Ära der US-Filmindustrie.

Im Jahr 1991 porträtierten die Coen-Brüder in „Barton Fink“ das alte Hollywood als einen Friedhof der Träume, bevölkert von Heuchlern und Verrückten. In ihrer neuen Komödie „Hail, Caesar!“ wirft das Regieduo einen weiteren, für ihre Verhältnisse relativ milden Blick auf die goldene Ära der US-Kinoindustrie. Im Zentrum steht Eddie Mannix (Josh Brolin), der neben seinem Produktionsleiterjob bei Capitol Pictures als „Fixer“ tätig ist: Er sorgt dafür, dass die Skandale seiner Stars unter dem Teppich bleiben. Als der Hauptdarsteller eines prestigeträchtigen Sandalenfilms (George Clooney im Blödelmodus) von einer Zelle kommunistischer Drehbuchautoren entführt wird, muss Mannix das Schlimmste verhindern. Auch wenn „Hail, Caesar!“ nicht zu den stärksten Werken der Coens gehört, besticht er stellenweise durch pointierten Humor, gewitzte Gastauftritte großer Namen und augenzwinkernde Hollywood-Hommagen in Form von Filmen im Film, die vom Western bis zum Musical etliche Genres abdecken. Bei der Berlinale präsentierten sie den Film – und beantworteten einige Fragen.

 

Was ist Ihnen lieber – Cannes oder Berlin?

Joel Coen: Das Wetter in Cannes ist für gewöhnlich schöner.

Ethan Coen: Wir sind gerne in Berlin, es ist unser drittes Mal hier. Und wir mögen Dieter Kosslick (den Berlinale-Direktor, Anm.)

 

Sehen Sie hier viele Filme?

Joel: Wir geben mehr Interviews, als wir Filme sehen. Als Regisseur beim einem Festival hat man kaum Zeit, Arbeiten von Kollegen zu sehen.

 

„Hail, Caesar!“ zeugt von Ihrer Liebe zur goldenen Ära Hollywoods, artikuliert aber auch Ihre Zweifel daran.

Ethan: Das Projekt erwuchs aus unserer Verehrung der Filme dieser Zeit. Es hat uns gereizt, dem Publikum eine Stichprobe klassischer Genres zu präsentieren.

 

Der Film parodiert diese Kinogenres – Western, Sandalenfilme – und stellt sie stilistisch nach. Hatten Sie beim Schreiben den Drehaufwand im Hinterkopf?

Ethan: Das ist oft unser Problem – wir schreiben etwas und kommen dann drauf: Mein Gott, jetzt müssen wir das auch noch drehen! Es war nicht einfach: Jede Woche ein neuer Film. Normalerweise sind die Ausstattung und die Kostümabteilung nur auf einen Stil eingestellt. Wir brauchten an einem Tag Pferdetrainer, ein paar Tage später einen Wassertank für Synchronschwimmer.

 

Wenn Sie einen dieser Filme fertigdrehen könnten, welchen würden sie wählen?

Ethan: Den mit dem singenden Cowboy – definitiv nicht das Wasserballett.

 

Der Film bietet altmodische Unterhaltung, hat aber auch politische Untertöne. Sie sprechen etwa die kommunistischen und antikommunistischen Tendenzen in Hollywood in den Fünfzigern an.

Joel: Sie attestieren uns mehr intellektuelles Kalkül, als wir selbst in unsere Arbeit investieren . . .

Ethan: Meist brauen wir einen Eintopf aus nicht ganz ausgegorenen Ideen. Der Handlungsstrang mit den kommunistischen Drehbuchautoren rührt nicht von politischem Interesse her, sondern von dramaturgischer Notwendigkeit. Ein großer Filmstar wird gekidnappt, und der „Fixer“, ein kreuzbraver katholischer Kapitalist, muss die Sache bereinigen. Da passen Kommunisten als Widersacher gut – besonders im Jahr 1951.

 

Haben Sie selbst schon einmal einen „Fixer“ engagiert, um Starskandale unter den Tisch zu kehren?

Ethan: Nein, die schlimmsten Skandale sind uns glücklicherweise erspart geblieben.

 

Haben Sie für diesen Film viel zur Geschichte der Traumfabrik recherchiert?

Ethan: Nur während der Dreharbeiten – da mussten wir ziemlich spezifische Recherchen anstellen, um herauszufinden, wie man die Dinge damals technisch umgesetzt hat.

Joel: Ansonsten haben wir uns auf unser Allgemeinwissen über Hollywood verlassen. Ein Story-Detail basiert aber auf der historischen Anekdote, dass die Schauspielerin Loretta Young die Adoption ihrer eigenen unehelichen Tochter arrangierte, um einen Skandal zu vermeiden.

 

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, würden Sie im alten Studiosystem arbeiten wollen?

Ethan: Schwer zu sagen. Die digitale Wende hat produktionstechnisch einiges erleichtert, aber das Studiosystem hatte eine Armee äußerst fähiger Techniker und Handwerker, mit denen man auf höchstem Niveau arbeiten konnte. Andererseits fragt man sich als Künstler, ob man in einem so rigiden System wirklich florieren hätte können – auch wenn einiges daran verlockend war: Das Studiosystem war eine wundersame Maschine, die reihenweise Filme ausspuckte – viele Regisseure drehten an die 40, 50 Filme, was heute kaum mehr vorkommt.

 

Wie stehen Sie den gegenwärtigen Verhältnissen in Hollywood gegenüber?

Ethan: Einerseits sind wir Teil des heutigen Systems, andererseits auch wieder nicht. Wir entwickeln unsere Drehbücher unabhängig.

Stimmt es, dass „Hail, Caesar!“ eines Ihrer ersten Drehbücher ist?

Ethan: Nein, aber es stimmt, dass wir die Idee schon vor langer Zeit mit George Clooney besprochen haben.

 

Wir sehen oft Figuren in Ihren Filmen, die die Bürde einer ganzen Welt – in diesem Fall jener Hollywoods – auf ihren Schultern zu tragen scheinen.

Ethan: Uns gefiel die Parallele, dass es um den Dreh eines Jesus-Films geht, während die Hauptfigur als „Fixer“ mit den Sünden anderer beschäftigt ist.

 

Gibt es ein Coen-Leitmotiv?

Ethan: Nicht, dass wir wüssten. Wir versuchen, immer etwas Neues zu machen – wenn es Gemeinsamkeiten zwischen unseren Filmen gibt, dann sind sie nicht gewollt.

 

Sie sind mit Ihrem Drehbuch für Steven Spielbergs „Bridge of Spies“ für den Oscar nominiert und haben das Skript zu „Suburbicon“, der nächsten Regiearbeit George Clooneys, geschrieben. Wie unterscheidet sich Ihr Schreibprozess, wenn Sie für andere Regisseure arbeiten?

Joel: Das Drehbuch, das wir für George verfasst haben, ist schon knapp 30 Jahre alt.

Ethan: Für Steven Spielberg haben wir ein bestehendes Drehbuch überarbeitet. Wenn man so einen Auftrag bekommt, hat man die Aufgabe, etwas auf bestimmte Art für einen bestimmten Regisseur zu gestalten. Da fragt man sich nicht: Wie hätten wir das gemacht?

Joel: Man versucht, den Absichten des Auftraggebers gerecht zu werden.

 

Bei der Pressekonferenz hier in Berlin wurden Sie und George Clooney mit einigem Nachdruck gefragt, was Sie konkret gegen die Flüchtlingskrise unternehmen. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür, dass Menschen heutzutage so aggressiv auf Unterhaltung reagieren?

Joel: Uns ist das alles schleierhaft. Man präsentiert eine Komödie mit einer Tanzeinlage und wird gefragt, warum sie nichts mit Flüchtlingen zu tun hat. Wie soll man auf eine derart irregeleitete Frage antworten? Da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll.

DIE COEN-BRÜDER

Joel und Ethan Coen. Die 1954 und 1957 in Minneapolis geborenen Brüder drehten schon als Kinder Filme aus dem Fernsehen nach. Joel arbeitete nach seinem Filmstudium als Produktionsassistent, Ethan studierte Philosophie in Princeton. Seit seinem Filmdebüt („Blood Simple“, 1984) macht das Regie- und Drehbuchduo („Fargo“, „The Big Lebowski“, „No Country for Old Men“) regelmäßig mit verschrobenen Geschichten und ironischer Distanz zum Hollywood-Mainstream auf sich aufmerksam. „Hail, Caesar!“ mit u. a. Josh Brolin und George Clooney läuft heute im Kino an.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2016)