Mirjam Unger: „Ein Gefühl von Freigelassensein“

Mirjam Unger.
Mirjam Unger.(c) Christine Ebenthal
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Mirjam Unger verfilmte Christine Nöstlingers Roman „Maikäfer flieg“: Die Zeit des Kriegsendes in Wien, wahrgenommen von einem Kind.

Ein Fototermin auf einer Balearen-Insel? Oder Madeira? An der Algarve? Es wäre ja argumentierbar gewesen, für einen Fototermin mit Mirjam Unger zu diesem Beitrag kurz einmal den Ferienflieger zu besteigen. Nicht wegen eines besonderen Faibles der Wiener Filmemacherin für mediterrane Gefilde oder Sisi-Kurorte, sondern um die Bildebene witterungsmäßig auf den Titel ihres neuen Films abzustimmen: „Maikäfer flieg“ heißt dieser nämlich, und er wird am 8. März die Diagonale, das Festival des österreichischen Films in Graz, eröffnen, um kurz danach in heimischen Kinos anzulaufen.

Ein Herzensprojekt. Es wurde dann doch ein rauer Februarwind statt des milden Frühlingslüftchens, und zwar wehte der allen Beteiligten auf einer Fußgängerbrücke oberhalb der Westbahntrasse um die Ohren. Und so ein urwienerischer Ort passt noch viel besser zum „Maikäfer“, weil es sich bei Ungers neuer Arbeit ja nicht um eine mitteleuropäische Blumenwiesenvariante des „Dschungelbuchs“ handelt, sondern, das werden viele anhand des Titels gleich erkannt haben, um die Verfilmung eines Buchs von Christine Nöstlinger – nämlich der sehr persönlichen und ergreifenden Darstellung der letzten Kriegstage, wie sie Christine Nöstlinger selbst im Alter von neun Jahren erlebte.

Familienbande. Christine Nöstlinger und ihre Familie erlebten das Kriegsende in einer Villa in Neuwaldegg.
Familienbande. Christine Nöstlinger und ihre Familie erlebten das Kriegsende in einer Villa in Neuwaldegg.(c) Filmladen/kgp

„Bei Gesellschaftsspielen gibt es oft die Altersbezeichnung ,von 9 bis 99‘, und dieses Buch ist wirklich genau so. Es spricht Kinder und Erwachsene gleichermaßen an. Weil Christine Nöstlingers eigene Geschichte dahintersteht, was es besonders berührend macht“, beschreibt Mirjam Unger den Charakter des Werks, das unter Nöstlingers erwachsenengerechten Kinderbüchern (oder umgekehrt) eine Ausnahmestellung einnimmt. Ungers Idee, „Maikäfer flieg“ zu verfilmen, geht zurück auf eine erneute Auseinandersetzung mit Christine Nöstlinger, die 2012 ihren Ausgang nahm – und zwar im Rabenhoftheater. Dort wurde der Gedichtband „Iba de gaunz oamen Leit“ als Elektronikoper gegeben, und zwei der Hauptdarsteller in Mirjam Ungers aktuellem Film, Ursula Strauss und Gerald Votava, spielten in der Bühnenfassung. „Ich war bei der Produktion ständiger Zaungast“, erinnert sich Unger. „Und darum bin ich auch auf den Gedanken gekommen, wieder einmal etwas von ihr zu lesen.“ Nach dem Wiederaufsuchen altvertrauter Kinderliteratur stand Unger aber nicht unbedingt der Sinn, und so begann sie, in Buchhandlungen wieder nach Nöstlinger-Büchern Ausschau zu halten.

So stieß sie erstmals, und erst als Erwachsene, auf „Maikäfer flieg“. Veröffentlicht im dritten Jahr von Nöstlingers Publikationstätigkeit, 1973, doch schon als elftes Werk in ihrer Bibliografie gelistet (was bezeichnend ist für die sagenhafte Produktivität der Autorin), greift der „Maikäfer“ die Geschehnisse in Wien im Frühling 1945 auf. Der wesentliche Teil der Handlung spielt in einer Villa in Neuwaldegg, in die Christine Nöstlingers Mutter (im Film gespielt von Ursula Strauss) mit ihren beiden Töchtern durch persönliche Verbindungen ziehen konnte. Später stößt auch der Vater (Gerald Votava) zu ihnen: Er muss sich vor den Nazis verstecken, weil er aus dem Lazarett geflohen ist und als Deserteur gilt, andererseits vor den Russen, die später die Villa okkupieren und Seite an Seite mit der Familie leben, den Umstand verbergen, dass er als Soldat der Wehrmacht in Russland stationiert war.

Zaungast. Zita Gaier spielt die neunjährige Christine Nöstlinger.
Zaungast. Zita Gaier spielt die neunjährige Christine Nöstlinger.(c) Oliver Oppitz

„So plastisch hatte mir das Kriegsende noch niemand erzählt“, sagt Mirjam Unger. „Meine Mutter ist zwar selbst im Zweiten Weltkrieg geboren und hat mir viel aus dieser Zeit erzählt, aber meist nur den traumatisierenden Part.“ Über bange Stunden in Luftschutzkellern, Armut und Entbehrung, Furcht vor dem Danach und Ähnliches hatte Unger schon gehört, doch Nöstlingers Buch – obwohl es diese Aspekte keineswegs ausklammert – eröffnete für sie eine neue Dimension, und zwar aus dem Blickwinkel eines neunjährigen Mädchens.

Glückliche Tage. Wie nur sehr wenige Autoren versteht sich Christine Nöstlinger darauf, ganz selbstverständlich aus der Perspektive eines Kindes zu erzählen und damit Dinge zu relativieren. Oder besser, sie durch diesen Blickwinkel in ein anderes, neues – vielleicht vergessenes – Licht zu rücken. Auch für Mirjam Ungers Wunsch, das Buch zu verfilmen, war das ein wichtiges Argument: „Der Krieg ist vorbei, es gibt noch keine neue Regierung, eigentlich herrscht Anarchie. Es gibt weder neue Regeln noch neue Gesetze, und man weiß eigentlich überhaupt nicht, wie es weitergeht“, beschreibt sie die Stimmung, die sie filmisch einzufangen versuchte. „Das Interessante an den Schilderungen von Christine Nöstlinger, aber auch von anderen, ungefähr Gleichaltrigen, ist Folgendes: Viele sagen, dass für sie das Kriegsende die schönste Zeit ihres Lebens war, ein Gefühl von Freigelassensein transportierte. Die Eltern waren beschäftigt mit Wiederaufbau, die Kinder hatten alle Arten von Freiheit.“

Dialekt, ja oder nein? Wenn es ohnehin schon eine Herausforderung darstellt, ein Buch zu verfilmen, zu dem viele Kinobesucher ihre eigenen Kopfbilder mitbringen, dann stellte sich hier das Casting der Hauptrolle als besonders knifflig heraus. Schließlich musste Unger ein Kind finden, das die Autorin als Neunjährige spielen sollte. „Wir hatten schon ein Mädchen gefunden, dann zog sich aber die Finanzierung so lang hin, dass sie aus der Rolle der jungen Christine herausgewachsen ist.“ 2015 sollte der Film endlich gedreht werden, und die Zeit begann zu drängen, als Mirjam Unger zufällig auf die Schwester eines bereits gecasteten Buben – Lino Gaier spielt Christine Nöstlingers Jugendfreund Gerald – stieß: „Ich erinnere mich noch, wie ich am 29. Dezember 2014 zu ihnen nach Hause gegangen bin, und Zita Gaier mir die Tür aufmachte. Da wusste ich gleich, das ist meine Christl.“

Vertraut. Auch Zita Gaiers Bruder Lino spielt in Ungers Film.
Vertraut. Auch Zita Gaiers Bruder Lino spielt in Ungers Film.(c) Oliver Oppitz

Eine weitere wichtige Entscheidung betraf die Umgangssprache der Akteure. Die erwachsenen Hauptdarsteller – Strauss und Votava als die Nöstlinger-Eltern, Heinz Marecek als Großvater und Krista Stadler als Großmutter – sprechen den Wiener Dialekt. „Bei den Kindern“, räumt Unger ein, „hört es aber auf, das stimmt. Wir haben viel darüber disktuiert, doch Kinder sprechen heute auch in Wien zum Teil reines Hochdeutsch, sodass es uns am sinnvollsten erschien, sie auch im Film ihre heutige Sprache sprechen zu lassen.“

Im besten Fall, meint die Regisseurin, deren Film das Potenzial hat, Generationen von Nöstlinger-Lesern ins Kino zu locken, könnte er heutigen Kindern einen neuen Zugang zu ihren Büchern ermöglichen. Sie sieht außerdem Bezüge zum aktuellen Geschehen: „Als wir zu drehen begannen, haben wir mit den Kindern besprochen, was es bedeuten könnte, Hunger zu haben wegen eines Kriegs, oder kein Dach über dem Kopf. Währenddessen sind genau solche Bilder und Vorkommnisse uns immer näher und näher gekommen. Beide Ebenen verschränkten sich so sehr, dass es fast unheimlich war.“

Erste Reaktionen von Nöstlinger-Kennern – auch solchen, die „Maikäfer flieg“ schon als Kinder gelesen haben – hat Mirjam Unger bereits gesammelt. Eine Pianistin etwa, die Klaviermusik bei der Vertonung einspielte, bestätigte ihr, dass „der Film weitgehend den Bildern entspricht, die sie selbst im Kopf hat. Das hat mich dann ehrlich gestanden beruhigt, weil ich mich natürlich frage, ob Nöstlinger-Leser mit meinen Bildern einverstanden sind.“ Die Autorin selbst hatte den Film zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht gesehen. Mirjam Unger ist einerseits gespannt, andererseits voll der Zuversicht: „Sie hat uns von Anfang an gesagt: Ihr macht etwas aus meinem Buch, das euch gehört, und erzählt ausgehend davon eure eigene Geschichte.“ Dass Christine Nöstlinger der Film, der wenige Monate vor ihrem 80. Geburtstag anläuft und „auch ein bisschen als Geburtstagsgeschenk gedacht ist“, gefallen möge, ist ungeachtet dieser Vertrauenserklärung ein großer Wunsch von Mirjam Unger.

Zipp

„Maikäfer flieg“. Mirjam Unger führte Regie bei der Verfilmung von Christine Nöstlingers 1973 erschienenem Roman. In den Hauptrollen spielen Zita Gaier, Ursula Strauss, Gerald Votava, Krista Stadler und Heinz Marecek. Kinostart am 11. 3. maikaeferflieg.derfilm.at

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