Das schmutzige Geheimnis der Abschaffung des Fünfhunderters

Mit der 500-Euro-Banknote wird zwar nicht die Kriminalität verschwinden, aber die Enteignung der Sparer noch wirkungsvoller werden.

Es war ein bemerkenswerter und aufschlussreicher Moment, als Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) im herbstlichen Wiener Wahlkampf vor laufender Kamera einer privaten Fernsehstation in die Tasche seines Sakkos griff, um etwas Geld herauszunehmen, aber irrtümlich plötzlich ein weißes, mit Banknoten – darunter auch in der Denomination 500 Euro – gefülltes Kuvert in der Hand hatte. Was man als sozialdemokratischer Spitzenpolitiker halt so bei sich hat. Eine anmutige Demonstration satten Wohlstandes. Und eine für das Milieu des Bürgermeisters überraschende Affinität zum Baren, die in dieser Form wohl bald nicht mehr möglich sein wird.

Denn die Europäische Zentralbank (EZB) wird wohl demnächst die violetten 500-Euro-Banknoten aus dem Verkehr ziehen, weniger aus eigenem Antrieb der angeblich so unabhängigen Notenbank (sonst hätte sie diesen Schein ja nicht eingeführt), sondern eher auf Druck der Regierungen der Eurozone.

Den meisten Österreicherinnen und Österreichern, die nicht zufällig grad Wiener Bürgermeister sind, wird das vermutlich völlig egal sein. Die Bezieher durchschnittlicher Einkommen sind ja eher selten in der Verlegenheit, mit dem violetten Schein zu zahlen. Denen wird nach dem Ende des 500ers auch nichts abgehen.

Ziemlich bedenklich ist die Abschaffung dieser Banknote trotzdem. Denn die Behauptung der europäischen Regierungen, es ginge um die Bekämpfung der Kriminalität und des Terrors, ist offensichtlich nur ein ziemlich durchsichtiges Täuschungsmanöver, um die tatsächlichen Gründe für diesen Schritt zu vernebeln.

Wie wenig der gegen Geldwäsche, Steuerhinterziehung und andere Delikte hilft, könnten die Verantwortlichen der EZB mittels einer kurzen Studienreise in die USA ganz leicht feststellen. Dort wird seit Jahrzehnten der 100-Dollar-Schein als größte Banknote ausgegeben, was bekanntlich nicht wirklich zu einem Verschwinden jener Kriminalität geführt hat, um die es angeblich geht. (Ganz abgesehen davon, dass sich Gauner nach dem Ende des 500ers ja jederzeit des eleganten schweizerischen 1000-Franken-Scheins bedienen können, der mehr als 900 Euro wert ist – und von dem weltweit mehr als 30 Millionen Exemplare im Umlauf sind.)

Warum dann das Ganze, wenn die Kriminalität damit ganz offenkundig nicht bekämpft werden kann? Dass sich ein biederer Gebrauchtwagenkäufer künftig halt ein Bündel der gelben 200er von der Bank holen muss, ist ja noch nicht eben ein zivilisatorischer Fortschritt.

Zu befürchten ist eher, und das geht auch all jene Österreicher an, die meinen, von dieser Causa nicht betroffen zu sein: Für die EZB ist das Verbot der großen Scheine ein Hilfsmittel, um die Enteignung aller Geldhalter mittels Negativzinsen noch effizienter durchführen zu können.

Denn solange Sparer, aber auch Finanzinstitutionen die Möglichkeit haben, Geld in Form von Barem im Safe oder der Schreibtischlade zu verwahren, ist es nicht so einfach, Negativzinsen auf Einlagen durchzusetzen, wie das die EZB schon jetzt gegenüber den Banken handhabt. Doch je unpraktischer es wird, große Bargeldbeträge physisch aufzubewahren, um so weniger können die unseligen Geldbesitzer den Negativzinsen entkommen. Die „finanzielle Repression“, wie das in Fachkreisen heißt, beißt dann noch unerbittlicher zu.

Dazu kommt, dass ein Verbot größerer Scheine auch ein Schritt in Richtung auf Abschaffung oder zumindest weitgehendes Zurückdrängen jeglicher Arten von Bargeld geht. Dieses gilt ja den meisten Regierungen Europas mittlerweile als eine Art Widerstandsnest im Kampf um die so dringend notwendige totale und allumfassende Kontrolle des Bürgers, um ihn endlich umfassend und alternativlos vor sich selbst, seinen gesellschaftlich unerwünschten Verhaltensformen beschützen zu können. Natürlich zu seinem Besten.

Der 500-Euro-Schein wird, wenn er demnächst abgeschafft werden wird, kaum jemandem abgehen. Die Freiheiten, die in der Folge sukzessive verloren gehen werden, hingegen schon, und nicht nur dem Wiener Bürgermeister.

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Zum Autor:

Christian Ortner ist Kolumnist und Autor in Wien. Er leitet „ortneronline. Das Zentralorgan des Neoliberalismus“.