Fühlen, schauen. Und: Denken!

Islam und Europa, eine lange Geschichte: hier die mittelalterliche Alhambra in Granada, Spanien
Islam und Europa, eine lange Geschichte: hier die mittelalterliche Alhambra in Granada, Spanienwww.BilderBox.com

Der Geist der Aufklärung: In der aktuellen Debatte rund um Islam, Islamismus, Islamisierung trägt ihn bald einmal einer vor sich her. Aber was bedeutet Aufklärung eigentlich? Hinweise eines reinrassigen Europäers.

Ich bin ein reinrassiger Europäer. Anhand von Kirchen- und Grundbüchern kann ich beweisen, dass mein patrimonialer Stammbaum bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurückreicht und an ein und demselben Bauernhof verwurzelt ist. Soweit ich die Kirchenbücher kenne, muss ich auch in den Nebenlinien kaum mit fremden kulturellen Einflüssen rechnen.

Am ehesten könnte sich noch in der Familie meiner unehelich geborenen Urgroßmutter ein böhmischer Arbeiter eingeschlichen haben. Sie lebte in einem nicht unweit von meinem Heimatdorf gelegenen Bergbaugebiet, wo damals erfahrungsgemäß mit Siedlern aus dieser Fremde zu rechnen war; zu beweisen ist das aber nicht. Genauso wenig wie die naheliegende Vermutung, dass meine Vorfahren in direkter Linie schon mehrere Jahrhunderte lang vor dem Einsetzen der Matrikenbücher auf den Vorläufern meines Elternhauses festgesetzt waren.

In einer oberflächlichen Rückschau taucht erst wieder die Völkerwanderung vor mehr als 1500 Jahren als potenzieller Anlass für ethnische Vereinigungen unter meinen Vorfahren auf. Es könnten sich damals Menschen mit slawischem (also immerhin noch europäischem) Migrationshintergrund mit solchen vermischt haben, die bis zu mir die deutsche Sprache und die sonst noch notwendigen genetischen Grundlagen für die Identifikation als Ureinwohner meiner Heimat vererbt haben. Aber auch ohne diese Spekulationen, nur aufgrund der Evidenz dervergangenen 250 Jahre, behaupte ich mit Fugund Recht, dass das Blut meiner Vorfahren und der Boden, auf dem sie lebten und leben, eine innige Symbiose eingegangen sind. Manchmal schiele ich neidvoll auf Zeitgenossen mit migrationsbedingt aufregenden Biografien in der Ahnenschar.

Die wiederholte Erfüllung der gesellschaftlichen Konvention, sich katholisch und verheiratet, denselben Hof bewirtschaftend, zu vermehren und die materiellen Güter einem namenserhaltenden männlichen Abkömmling zu übertragen – eine mit dem Erbhofschild stolz zur Schau getragene Tatsache –,dieses geradlinige Verhaltensmuster meiner Vorgängergenerationen empfinde ich manchmal wie eine Blutverkrustung auf der Haut, deren Loslösung Schmerzen bereitet. Aber dasist eine andere Geschichte. Diese Geschichte hier kann jedenfalls erzählen, dass ich wahrhaft ein indigener Europäer bin.

Apropos indigen: Der Stamm der Cherokee hatte seit Jahrhunderten in den südlichen Appalachen gelebt, als seine Mitglieder in der Mitte des 18. Jahrhunderts zwischen die Fronten jener indigenen Europäer gerieten, die sich – aus dem fernen Osten kommend – in der Hoffnung auf eine bessere Existenz anschickten, das Siedlungsgebiet zuerst ihrer Herkunftsstaaten und wenig später der neuen Vereinigten Staaten zu erweitern, als deren Gründerväter sie in die Geschichte eingingen. Die Konfrontation mit der neuen Einwohnerschaft, die sich zunehmend nicht nur aus Einwanderern, sondern auch aus Natives formierte, forderte die früher Eingeborenen so sehr heraus, dass sie ihre Identität an die der später Dazugekommenen anzugleichen versuchten: im Handel und in den Kriegstechniken, in der Kommunikation und in der Politik; erstmals entwickelten sie sogar eine Schrift und nutzten diese aber auch, um die eigene Geschichtezu tradieren und auf Rechte zu pochen. Hautfarbeund „heidnische“ Religiosität hielten sie in den Augen der neuen Siedler dennoch auf dem Status von Unzivilisierten. Mit dieser Sicht auf die Cherokee fiel es den Dahergekommenen leichter, ihrem Expansionsdrang zum Durchbruch zu verhelfen. Denn wo sie herkamen, hatte die Aufklärung bereits ein Feuer entfacht und dieser geistige Fortschritt zwang sie, nicht einfach barbarisch über das zwar früher dagewesene, aber für sie dennoch fremde Element in ihrem Land herzufallen.

Der endgültigen Vertreibung der Cherokee in den 1830ern, bekannt geworden als „Trail of Tears“, ging ein jahrelanges Prozedere voraus, in dem die beteiligten Gruppierungen öffentliche Meinungsmache betrieben, Rechte am Gerichtsweg abzuklären versuchten, Präsidentenwahlen schlugen und Parlamentsdebatten sowie Vertragsverhandlungen mit möglichst breiter Basisbeteiligung führten. Der Geist der Aufklärung wehte allerdings nicht in alle Ecken dieser verwinkelten Vorgänge; permanente Warnungen der Regierung an die Cherokee vor Repressalien durch die eigenen Bürger, ein Vertragsabschluss ohne ausreichende Legitimation auf Seiten der Indianer und schließlich dessen Durchsetzung mit militärischem Druck beendete ihre Ureinwohnerschaft völlig. Aber auch ihr neues „Stammesgebiet“ blieb gegen Ende des 19. Jahrhunderts nicht von der Ausbreitung der Natives verschont und wurde schließlich vor rund hundert Jahren aufgelöst.

Der Geist der Aufklärung wurde in der aktuellen Islam/Islamismus/Islamisierungsdebatte schon häufig beschworen. Wie weiland das Rutenbündel von den römischen Beamten wird sie von jedem vor sich hergetragen, der den einen klaren und simplen Standpunkt vertritt: Der „Westen“ befindet sich in einem Krieg mit „dem Islam“, und seine Mitglieder, also „die Moslems“, gefährden die Errungenschaften der europäischen Zivilisation. Punkt.

Selbst in linksliberal konnotierten Feuilletons neigte man – freilich unter dem Schock der Anschläge von Paris – zu solch eindimensionaler Sichtweise. Im gleichen Fahrwasser winkte Michael Ley wortgewaltig mit dem Zaunpfahl der Überfremdung durch Moslems, die er in eine Dystopie des untergegangenen Abendlandes münden sieht (im „Spectrum“ vom 20. Juni 2015). „Die Aufklärung“ wirkt in diesen Statements aber nicht als bedrohter Schatz, den es zu beschützen, jedoch vor allem in seiner eigentlichen Bedeutung einzusetzen gelte. Nein, vielmehr gleicht sie dort den schon zitierten Beilen der römischen Magistrate, den fasces, die namengebend für den italienischen Faschismus waren, übrigens aber auch als Symbol für so unverdächtige, urdemokratische Institutionen wie den US-Senat herhalten müssen. So verwendet wie in der aktuellen Diskussion verkommt die epochemachende geistige Haltung zu einem grauen Star einer sich im Untergang wähnenden Kultur.

Ihr Einsatz als Totschlagargument zeugt von einem verklärten Sehvermögen und dem Unvermögen, sie zu ihrem wahren Zweck einzusetzen: die Phänomene dieser Welt durch scharfe sowie – bei aller Betroffenheit – kritisch distanzierte Beobachtung und Beschreibung möglichst weitgehend aufzudecken, um mit einem klaren Blick in Verbindung mit dem Grundwert Toleranz Problemlösungen zu finden. Oder, um es mit den Worten des israelischen Philosophen Omri Boehm zu sagen, der sich dabei auf Kant beruft: „Um selbst zu denken, muss man versuchen, über die Perspektive seiner eigenen Bindungen hinauszugehen und aus der kosmopolitischen ,Stelle jedes anderen‘ urteilen.“ In der Debatte über den Islam, den Islamismus und die Islamisierung sowie in der Auseinandersetzung mit den damit eng zusammenhängenden globalen Fluchtbewegungen würde dies zunächst erfordern, die Augen zu öffnen für die komplexen (macht- und global-)politischen, wirtschaftlichen, sozialen, anthropologischen, psychologischen et cetera Ursachen der Entwicklungen in Nahost und Afrika samt ihrem Übergreifen nach Europa, anstatt sich – wovon sich leider auch die seriösen Medien schwer lösen – auf den Religionsaspekt zu fixieren. Jeder gewaltsame Konflikt, dem von innen und außen der Mantel „Religionskrieg“ umgehängt wird, birgt zweifellos profane Dimensionen. So gab es etwa im Dreißigjährigen Krieg mitunter auch Bündnisse zwischen katholischem Kaiser und protestantischen Fürsten, wenn es opportun war, und so werden im Syrienkrieg auch Moslems von Moslems ermordet und vertrieben. Man sieht, wie schnell Erklärungsversuche in die Sackgasse münden, die ausschließlich auf – rational ohnehin nicht durchdringbare – Religiosität fokussieren. Mit den in den westlichen Medien so beliebten Diskussionen darüber, ob der Koran das aktuelle Geschehen nun überhaupt zulasse oder nicht, wird wertvolle Sendezeit vergeudet, die dafür verwendet werden könnte, der nach Aufklärung lechzenden Gesellschaft mit relevanten Informationen aus den Konfliktzentren die Augen ein Stück weiter zu öffnen. Und angesichts der jüngeren (ganz schnell zum Krieg erklärten) Terrorakte in Paris und den Ereignissen in Köln müssen wir vermeiden, unsere Wut, Angst und Trauer im Entrüstungspathos verpuffen oder in generalisierende Hassattacken münden zu lassen. Nein, wir müssen fühlen, schauen und denken. Fühlen, schauen und denken.

Erst wenn das Bild der Konflikte Klarheit bekommt – was angesichts der hochentwickelten Methoden des westlichen (Sozial-)Wissenschaftsbetriebs im Verein mit den aufgeklärten Kräften in den Krisenherden gar nicht so schwierig sein sollte –, kann an die Lösung mit dem Blick der Toleranz herangegangen werden.

Ein Rückgriff auf den „heiligen“ Text der Aufklärung, Lessings „Nathan“, ist dabei allerdings unter Umständen gar nicht so hilfreich. Einerseits wird das Drama in der öffentlichen Debatte so inflationär zitiert, dass es schon wieder romantisch verklärte Illusionen heraufbeschwört. Andererseits hat der Stoff noch die Vorstellung von abgrenzbaren ethnischen und religiösen Gruppen vor Augen, deren Übertragung auf die komplexe moderne Realität kontraproduktiv wirken könnte. Die Toleranz müsste sich vielmehr aus der Anerkennung der historischen Fakten speisen. Diese suggerieren zwar durch eine bestimmte Evidenz von abstammungs- und sprachgeschichtlichen Daten, dass wir Mitglieder einer bestimmten Gruppe sind, die sich schon „seit jeher“ durch diese Merkmale von anderen unterscheiden lässt. In Wahrheit müssen wir in den Biografien unserer Vorfahren immer mit Veränderungen der kulturellen Einflüsse durch Verbindungen zwischen ethnisch verschiedenartig kategorisierbaren Menschen rechnen. Diese Veränderungen prägen letztlich auch unser gegenwärtiges Dasein. Wer sich diese – an sich banale – Erkenntnis immer bewusst vor Augen hält, sollte eigentlich mit größerer Gelassenheit anstehende kulturelle Veränderungen annehmen können. Kriege entstanden immer nur durch radikale Abgrenzungs- oder Vereinnahmungsversuche, nicht durch kulturelle Transformationsprozesse.

Wenn wir einen Verlust der errungenen geistigen, materiellen und persönlichen Freiheit vermeiden wollen, dürfen wir die Aufklärung nicht als Kampfbeil schwingen. Die Vorzüge des friedlichen Mit- oder auch Nebeneinanderlebens lassen sich nur dann wirksam in die Köpfe einpflanzen, wenn wir unseren grauen Star mit den modernen Mitteln der Erkenntnis behandeln, uns den Problemlösungen mit klarem Blick zuwenden und uns damit frei von diffusen Ängsten den Veränderungen stellen können. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2016)