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Tief hinter die Maske der Scham schauen

Klaus Pumbergers ungewöhnlicheDoppelgeschichte eines Hauses und der Familien, die vor und nach der Arisierung darin lebten.

Meist reicht eine Familiengeschichte, um die Brüche, Verwerfungen und Abgründe des 19. und 20. Jahrhunderts zu zeigen; so auch bei Klaus Pumberger. Seine Vorfahren kommen aus Südtirol. Das bedeutet: Erster Weltkrieg, Kriegsgefangenschaft in Sibirien, Bauernleben als Stallknecht, Verlust des Bauernhofes nach dem Tod des Großvaters für einen Teil der Familie, Italianisierung im Faschismus unter Mussolini, Optierung für das Deutsche Reich; Auswanderung in die Ostmark inklusive und die Übernahme eines arisierten Hauses. Nicht zu vergessen sind Stalingrad und die Bewachung von KZ-Häftlingen durch den Volkssturm noch 1945. Am Ende wird eine „Fremde in der Fremde“ begraben, wie es am Grab von Maria Eppacher formuliert wird.

Doch dem 1961 in Braunau am Inn geborenen Politologen Klaus Pumberger reicht dies nicht, und er adoptiert eine Geschichte, nämlich die der Familie Beer, da seine Familie von der Arisierung des Hauses in Wesenufer in der Nähe von Schlögen über dem oberen Donautal profitiert hat. In seinem umfangreichen und detailverliebten Buch erzählt er folglich zwei Geschichten, und alles fügt sich zu einer großen österreichischenund europäischen Geschichte.

Die Familie Beer umfasst den Hutmacher in Pressburg, der im Ghetto gewohnt hat, den Sohn Louis, der mit seinen Kommentaren im Börsenteil der „Neuen Freien Presse“ das Börsengeschehen und die politische Entwicklung begleitet hat und dessen Sohn Ludwig, der sich als Tischlerlehrling über den Sport politisiert hat, 1937 zum ersten Mal verhaftet wird, als Kommunist im Spanischen Bürgerkrieg kämpft und im KZ Dachau stirbt.

Fast scheint es, als würde der Kitt der Geschichte, der alles zusammenhält, das Schweigen sein. Der mit Andeutungen und Mythen umschwiegenen Geschichte begegnet der Autor in beiden Familien, und das stachelt ihn an, die Leerstellen erzählend zu ersetzen. Diese Überwindung, mit Nachfragen, Recherche und Begegnungen, ist in diesem Buch als dritte Ebene vertreten und dem jeweiligen Kapitel in kursiver Schrift beigefügt. Was so viel bedeutet, dass dieses Buch auch selektiv gelesen werden kann.

So kann die Geschichte einer Familie durch Überblättern verfolgt werden oder im ersten Schritt nur die Dokumentation der Erinnerungs- und tatsächlichen Reisen nachvollzogen werden. Ganz egal, wie man sich diesem Kompendium nähert, es ist lohnend, und Geschichte wird begreifbar. Nach dem Motto: vom Besonderen zum Allgemeinen. Das Beispiel der Geschichte Eppacher/Beer kann auch als Handlungsanweisung für eigene Recherchen gelesen werden, da Pumberger die Leserschaft an der Genese seines Wissens teilhaben lässt, jeden Schritt und jedes Gespräch dokumentiert hat und auch die persönliche, psychologische und psychotherapeutische Dimension nicht ausspart, was es heißt, hinter die „Maske der Scham“ blicken zu wollen. Ein selbstkritisches Buch, da Pumberger immer wieder auch beschreibt, wie er selbst über Jahre hinweg den familiären Mythen aufgesessen ist und so auch an der Viktimisierung der eigenen Geschichte mitgewirkt hat, während die Geschichte der Opfer an den Rand gedrängt wurde.

Geschichte löst zuweilen ein Schwindelgefühl aus, als Vorbote von Verwirrung. Familiäre Verwicklungen haben so ihre Tücken. Der Leserin und dem Leser sei geraten, das familiäre Geflecht in beiden Geschichten großzügig zu betrachten, wenngleich der Autor sich um Klarheit bemüht, sind die Beziehungen nicht immer ganz zu durchschauen, abschrecken lassen sollte mansich dadurch jedoch nicht.

Der Versuch der Strukturierung lässt sich allein schon an der Tatsache ermessen, dass es für jedes Kapitel gleich vier auch typografisch unterschiedliche Überschriften gibt. Man könnte meinen: Weniger wäre mehr. Doch wer kann von sich schon behaupten, zwei Familien erforscht zu haben und alle Stationen zwischen Südtirol, Spanien, Dachau und den USA auch bereist zu haben – 370 Seiten und 1200 Fußnoten inklusive? In diesem Sinn ist dies mehr als ein Geschichtsbuch, ein Journal, das in der richtigen Stimmung zur Hand genommen mehrere Welten erschließt. ■

Klaus Pumberger

Worüber wir nicht geredet haben

Arisierung, Verdrängung, Widerstand. Ein Haus und die Geschichte zweier Familien. 376 S., geb., 30 SW-Abb., € 24,90 (StudienVerlag, Innsbruck)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2016)