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Wolfgang Niedecken: "Europa ist in großer Gefahr"

Wolfgang Niedecken bei der Aufzeichnung der NDR Talkshow Bettina und Bommes im NDR Studio auf dem Me
Mit Köln an sich haben die Vorfälle in der Silvesternacht nichts zu tun, sagt Wolfgang Niedecken.imago/Future Image
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Die Ereignisse von Köln in der Silvesternacht haben Wolfgang Niedecken nachdenklich gemacht. Der Gründer der Gruppe BAP, die mit Liedern im kölschen Dialekt Millionen Alben verkaufte, macht sich vor allem Sorgen über das Desinteresse an der Politik.

Ihr aktuelles Album hat den Titel „Lebenslänglich“. Das klingt etwas negativ.

Wolfgang Niedecken: Negativ kann ich nicht unbedingt sagen, er ist eher ambivalent. Er kommt aus dem Song „Unendlichkeit“, wo ich singe, „lebenslänglich sucht man Zuversicht“. Ich habe mir vorgenommen, nicht zu resignieren und weiterzukämpfen.

 

Wie hat sich das Positiv-in-die-Zukunft-Schauen mit dem Alter verändert?

Früher ging das leichter. Von der weltpolitischen Großwetterlage bis zu dem, was zu Silvester in Köln passiert ist. Teilweise hat es was von Sisyphus, man versucht, den Felsen raufzuschieben, und oben angekommen fällt er wieder runter. Aber Camus sagt ja, Sisyphus wäre ein glücklicher Mensch gewesen, schließlich hatte er eine Aufgabe.

 

War es denn in den 1980ern besser als heute?

Nein. Ich bin kein Freund von diesem „Früher war alles besser“-Quatsch. Natürlich hatten wir Angst vor der Nachrüstung, dem Atomschlag und vor Atomkraftwerken. Was mich aber mittlerweile sehr beunruhigt, ist das Nachlassen des Interesses an Politik. Unsere Demokratie funktioniert nur, wenn die Menschen halbwegs politisch gebildet sind. Worüber sollen sie abstimmen, wenn sie nicht wissen, was abgeht?

 

Ein Lied heißt „Vision von Europa“ – die Vision eines vereinten Europa sieht momentan allerdings nicht so gut aus.

Europa ist in großer Gefahr. Wahrscheinlich muss man die Menschen daran erinnern, dass es wirtschaftlich viel schlechter laufen wird, wenn man die Grenzen wieder hochzieht. Das ist wahrscheinlich die einzige Karte, die man noch ausspielen kann. Aber momentan sehe ich ein Europa der Rosinenpicker. Vor allem die osteuropäischen Staaten, die so lange auf unsere Solidarität angewiesen waren und die jetzt so tun, als ob Europa ausschließlich eine Zugewinngemeinschaft wäre.

 

Glauben denn die Leute überhaupt noch etwas, kann man ihnen noch etwas erklären?

Ich versuche es mit Liedern, auf der Bühne, in meinem Verhalten. Aber natürlich sind die Mittel eines Singer-Songwriters begrenzt.

 

Wie haben Sie die Vorkommnisse in der Silvesternacht in Köln erlebt?

Die Kölner waren natürlich fassungslos, denn Köln ist eine tolerante Stadt, in der man sich so was gar nicht vorstellen kann. Wir haben eine wirklich gut funktionierende Zivilgesellschaft. Dass es dann trotzdem ausgerechnet in Köln passiert ist, kann nur daran liegen, dass sich Diebesbanden von auswärts nach Köln begeben haben, weil sie sich hier größere Profite versprachen. Mit Köln an sich hat das überhaupt nichts zu tun.

 

Sie haben auch die „Kölner Botschaft“ mitverfasst, die sich gegen sexuelle Gewalt und Fremdenhass wendet, aber auch betont, dass eine Zuwanderung wie im Herbst nicht von Dauer sein kann.

Man kann darüber reden, ob manche unsichere Herkunftsländer nicht doch halbwegs sicher sind. Das ist eine Frage der Relation. Wenn alle zu uns kommen, die irgendwo auf der Welt bedroht sind, wird es nicht machbar sein, da stoßen wir an Grenzen. Aber Kriegsflüchtlinge müssen Aufnahme finden. Wenn wir das nicht hinbekommen, können wir uns in Zukunft alle Krippenspiele und Sonntagsreden sparen.


Ein Lied auf Ihrem neuen Album heißt „Auszeit“. Ist die Welt schon ein Ort, an dem man es auf Dauer nicht mehr aushält?

Ich gebe gern zu, dass ich manchmal die Tage brauche, an denen ich keine Zeitung lese und dermaßen mit meinen Sorgen angefüllt bin, dass ich eine Auszeit zum Luftholen brauche. Aber nicht als Eskapismus auf Dauer, sondern ich nehme mir diese Auszeit, weil sonst nichts mehr weitergeht. Nicht, weil ich erschöpft bin vom Arbeiten, sondern weil ich nicht mehr weiß, wo vorne oder hinten ist. So, wie man ab und zu seinen Schreibtisch aufräumen muss, um wieder klar durchzublicken.


Sie hatten 2011 einen Schlaganfall. Wie hat der Ihren Blick auf die Welt verändert?

Ich bin entschlossener geworden, bin schneller in der Lage, Entscheidungen zu fällen. Vorher war das anders. Weil ich gutmütig und gelassen bin, war das immer so ein „Das wird sich schon ergeben“. Aber auf die lange Bank schieben ist nicht mehr, weil ich gespürt habe, dass mir so viel Zeit auch wieder nicht bleibt. In dem Moment, in dem die Narkose für meine Operation zu wirken begonnen hat, wurde mir klar: Jetzt geht es um die Wurst. Wenn man das einmal durchlebt hat und dann wieder wach wird, ist man schon ein anderer Mensch.


Leben Sie denn jetzt bewusster als früher?

Ich glaube schon. Vorher habe ich mir nicht wirklich Gedanken gemacht, wie viel Zeit mir noch zur Verfügung steht. Mittlerweile schon. Ich werde bald 65, da frage ich mich, werden wir 50 Jahre BAP noch erleben oder wird mir irgendwann die Puste ausgehen?


Gab es Momente, in denen Sie an den Folgen verzweifelt sind?

Überhaupt nicht, ich war auch sehr fleißig in der Reha. Erfreulicherweise sind die Therapeuten zu mir nach Hause gekommen und haben mit mir die Übungen gemacht. Meine Frau hat auch oft für sie gekocht, es war gemütlich, familiär, hat mir Spaß gemacht. Und ich habe gemerkt, dass ich immer besser zurechtkam. Ich musste ja sogar das Denken neu lernen. Beim therapeutischen Scrabble-Spielen hatte ich ein R, ein U und ein H. Und ich habe erst nach sechs Minuten festgestellt, dass ein Vokal dabei war. Nach sechs Minuten! Dann hat es noch eine halbe Minute gedauert, bis ich aus den drei Buchstaben eine Uhr gemacht hatte.

 

Und das waren nie Momente, in denen Sie alles hinschmeißen wollten?

Nein, es war auch sportlicher Ehrgeiz. Die Ärzte haben mir erklärt, je mehr Reha ich mache, desto größer ist die Chance, dass die benachbarten Gehirnzellen das übernehmen, was die abgestorbenen verloren haben. Ich war auch unglaublich glücklich, als ich zum ersten Mal einen ganzen Artikel in der Zeitung lesen konnte. Anfangs war es oft nach der ersten Zeile vorbei.


Sie haben in 40 Jahren auf der Bühne einiges mitgemacht – inklusive des für Rockmusiker fast typischen Alkoholproblems.

Ich glaube, dass ich nur Angst hatte, ein Alkoholproblem zu haben. Ich dachte, dass ich ohne ein Glas Rotwein auf keine Songidee kommen würde. Oft habe ich mich vor dem Auftritt warmgetrunken. Das war aber zu der Zeit, in der meine erste Ehe den Bach runterging. Obwohl wir damals gerade unseren Durchbruch hatten, war ich auf der Bühne oft sehr traurig. Da gibt man sich eben mal einen. Und das wird schnell zum Teufelskreis. Dann habe ich mir, als wir in Nicaragua spielten, eine Hepatitis eingefangen – und die hat das Ruder herumgerissen. Zehn Jahre habe ich keinen Tropfen mehr angerührt. Mittlerweile bin ich längst in der Lage, wenn mir danach ist, zum Abendessen ein Glas Wein zu trinken.

 

Sie sind generell sehr offen, haben auch über Misshandlungen im Internat geschrieben.

Ich habe das einmal in einem Lied vorkommen lassen, dann noch 1990 in meinem Buch „Auskunft“. Damals gab es noch nicht diesen Fokus auf das Thema Missbrauch. Erst als diese Enthüllungswelle vor etwa fünf Jahren losbrach, wurde das überall behandelt, und die Geschichte tauchte wieder auf.

 


Und wie wichtig war es für Sie, es in Ihrer Autobiografie vorkommen zu lassen?

Warum habe ich das damals geschrieben? Vermutlich, weil es zu meinem Leben gehört. Wenn man schon eine Autobiografie schreibt, sollte man mit nichts hinter dem Berg halten. Diese Misshandlung hat mit mir zu tun, und ich bin froh, dass ich das schadlos überlebt habe. Ich weiß, dass viele Jungs aus dem Konvikt St. Albert danach mit ihrem Leben nicht mehr klargekommen sind.


Wie wichtig ist es für Sie, sich in Ihrer Mundart, in Kölsch, auszudrücken?

Das ist meine Muttersprache, die Sprache, in der ich denke. Wenn ich meine Gefühle äußern will, darf ich nicht um irgendeine Ecke denken. Mit sechs Jahren habe ich meine erste Fremdsprache gelernt, das war Hochdeutsch.



Tut es Ihnen leid, wenn Leute außerhalb Kölns das vielleicht gar nicht verstehen?

Das war schon ein Phänomen, die Leute haben sogar in Österreich und der Schweiz mitgesungen. Aber gerade in Österreich hat man ja eine große Tradition mit Ambros, Hirsch, Danzer, die haben sich auch aus gutem Grund für ihre Muttersprache entschieden. Den „Hofer“ von Ambros habe ich 1971 als Kunststudent im Radio gehört. Damals habe ich mir gedacht, das ist ja wohl der Hammer. Da singt tatsächlich jemand, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

 

Herr Niedecken, darf man Sie auch fragen...


1. . . ob Sie als Kölner, der in Mundart singt, auch ganz tiefes Wienerisch verstehen?

In Prozentzahlen könnte ich es nicht ausdrücken. Fachbegriffe würde ich wohl nicht verstehen. Aber wenn ich in Wien in ein Wirtshaus gehe, würde ich wohl 70 Prozent mitbekommen.


2. . . ob Sie den derzeitigen Österreich-Hype rund um Bands wie Wanda gut finden?

Die sind sehr talentiert, angenehme Kollegen. Ich mag Wanda sehr gern, und wir werden auch demnächst wohl etwas gemeinsam machen. Bilderbuch habe ich auch kennengelernt. Und ja, ich finde die großartig.


3. . . ob Sie denn manchmal auch etwas an Ihrer Heimatstadt Köln nervt?

Am meisten nervt mich diese Kölsch-Besoffenheit. Viele Menschen dieser Stadt sind dermaßen in Köln verliebt, dass sie nicht über den Tellerrand schauen. Es ist verblüffend, aber es ist so.

Steckbrief

Wolfgang Niedecken (geb. 1951) gründete 1976 die Band BAP. Mit Liedern im Kölner Dialekt feierte sie in Deutschland, aber auch in Österreich und der Schweiz Erfolge, verkaufte rund 5,9 Millionen Alben.

Soziales Engagement
ist Niedecken wichtig, etwa für die Hilfsaktion Gemeinsam für Afrika. Für sein Engagement gegen Rassismus und Fremdenhass erhielt er 1998 das Bundesverdienstkreuz.

Aktuelles Album:
Aus Anlass des 40-Jahre-Jubiläums von BAP entstand „Lebenslänglich“, ab Mai geht er auf Jubiläumstour durch Deutschland und die Schweiz. Infos: www.bap.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2016)