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Ertragschancen: Jetzt kommen die mageren Jahre

(c) Bloomberg (Michele Limina)
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In den nächsten Jahren dürften Aktien wenig und Anleihen fast nichts abwerfen, glaubt die Credit Suisse. Sieben Jahre Erholung sollten zudem nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Krise noch nicht wirklich vorbei sei.

Wien. Auf Anleger kommen harte Zeiten zu. Das legt zumindest eine Studie der Credit Suisse („Credit Suisse Global Investment Returns Yearbook 2016“) nahe. Ein Grund ist die Zinsanhebungsphase in den USA. Mit der ersten Zinserhöhung seit vielen Jahren hat die US-Notenbank Fed im Dezember eine solche Phase eingeleitet. Und in Zinserhöhungsphasen haben es Anleihen wie Aktien schwer. So warfen US-Aktien zwischen 1913 und 2015 jährliche reale Renditen (Kurszuwachs plus Dividende) von durchschnittlich 6,2 Prozent ab. In Phasen nach einer Zinssenkung waren es 9,3 Prozent, in Phasen nach einer Zinserhöhung nur 2,3.

In Großbritannien zeigt sich ein ähnliches Bild, dort warfen Aktien seit 1930 in Senkungsphasen 8,2 und in Erhöhungsphasen 1,7 Prozent ab. Noch hält die Bank of England die Leitzinsen aber bei niedrigen 0,5 Prozent. (In Europa ist in naher Zukunft keine Zinserhöhung in Sicht; die dortigen Märkte haben aber eigene Probleme.)

Nun könnte man einwenden, das seien ja immer noch positive Erträge. Doch zum einen handelt es sich um Durchschnittswerte (es könnte diesmal schlimmer kommen), zum anderen hat die Credit Suisse diese Detailauswertung nur für die USA und Großbritannien durchgeführt, zwei überdurchschnittlich erfolgreiche Börsenmärkte.

 

Schlechtester Markt: Wien

Zum Vergleich: Österreichische Aktien warfen seit 1900 (über alle Phasen hinweg) nur eine jährliche reale Rendite von 0,7 Prozent ab. Kein anderer der 23 verglichenen Märkte war so schlecht. Mit weltweiten Aktien konnten Anleger in diesem Zeitraum fünf Prozent reale Erträge pro Jahr einfahren, in den USA (6,4) und Großbritannien (5,4 Prozent) war es noch mehr.

Wer weltweit streut, kommt am US-Markt aber ohnehin nicht vorbei: Machte dieser um die Wende zum 20. Jahrhundert noch 15 Prozent der weltweiten Börsenmarktkapitalisierung aus, so sind es jetzt 52 Prozent. Der Anteil Großbritanniens ist von 25 auf sieben Prozent geschrumpft, der Anteil Deutschlands von 13 auf drei Prozent, und Österreich (1900: 5,2 Prozent) rangiert nur noch unter ferner liefen.

Die Studienautoren raten Anlegern, möglichst breit über alle möglichen Regionen und Anlageklassen zu streuen. Doch sollten sie sich angesichts der US-Zinserhöhung auch taktisch neu positionieren, also Werte kaufen, die in solchen Phasen überdurchschnittlich gut gehen? Solche gibt es nämlich. Aktien von Gesundheits- und Energiefirmen werfen in Erhöhungsphasen höhere Erträge ab, wie Detailauswertungen für die USA und Großbritannien zeigen, langlebige Konsumgüter halten nicht mit dem Gesamtmarkt Schritt. Auch zeigt sich, dass kleine Unternehmen (Small Caps) in Erhöhungsphasen eher schwächeln. Doch warum das so ist, darüber lasse sich nur spekulieren, heißt es in der Studie: Kleine Firmen tun sich schwerer mit der Finanzierung, oder die starke Fokussierung auf den Heimatmarkt schade ihnen.

Die Autoren raten davon ab, das Anlageverhalten nach dem Zinszyklus auszurichten und dementsprechend in bestimmte Branchen oder Unternehmensgrößen zu investieren. Denn Timing sei generell schwierig (Zinserhöhungen sind ja oft schon eingepreist, bevor sie verkündet werden), und es sei auch nicht klar, wie der Zusammenhang wirklich aussehe.

Anleger müssen sich jedenfalls nach sieben guten Jahren (in den USA, nicht in Österreich) auf einige magere Jahre einstellen – bei Anleihen wie bei Aktien. Habe ein gemischtes Portfolio aus Aktien und Anleihen in den Jahren seit 2008/09 noch eine reale Rendite von zehn Prozent pro Jahr gebracht, so würden es in den nächsten zehn Jahren nur noch ein bis drei Prozent sein. Bei Aktien könne man sich auf vier bis sechs Prozent einstellen, bei Anleihen müsse man sich mit Erträgen nahe null begnügen, meint Jonathan Wilmot, Leiter des Macroeconomic Research von Credit Suisse Asset Management. Das stelle auch die großen Fonds vor Herausforderungen, die die Altersvorsorge der Babyboomer sicherstellen sollen. Sie müssten künftig verschiedene Anlageklassen und Strategien kombinieren, um die Nullerträge der Anleihen und die Volatilität der Aktien wettzumachen.

 

Politikfehler als Risiko

Doch könnte alles noch schlimmer kommen, da Zinserhöhungen, die einige Jahre nach einer (noch nicht ganz ausgestandenen) Krise erfolgt sind, die Krise mitunter neu aufflammen ließen. Die Autoren haben dafür die Phase 1928 bis 1939 (Weltwirtschaftskrise) mit 2007 bis jetzt (Finanzkrise) verglichen. In beiden Phasen hatte es anfangs große Übertreibungen an den Märkten gegeben, gefolgt von einem schweren Absturz. In beiden Phasen folgte eine steile Erholung. In den Dreißigerjahren habe die Politik jedoch einen schweren Fehler gemacht und die Zinsen zu früh angehoben. Das führte 1937 zu einem weiteren steilen Rückgang.

Und diesmal? „Die Welt befindet sich in keiner Großen Depression“, sagt Wilmot. Aber die Weltwirtschaft sei noch fragil. Würde die Fed die Zinsen zu schnell anheben, ginge sie ein großes Risiko ein. Doch sei die Gefahr gering. Seit Jahresbeginn sei die Stimmung umgeschlagen; die Fed sei noch vorsichtiger geworden. Auch andere Staaten legten nun mehr Augenmerk auf die Frage, wie sie Wachstum sicherstellen könnten, ohne einen Zusammenbruch zu riskieren. Wilmot ist zuversichtlich, dass es heuer (anders als 1937) zu keiner Rezession kommt. Da es aber noch große Risken für die Weltwirtschaft gebe, werde das erste Börsenhalbjahr volatil sein. In der zweiten Jahreshälfte könnte es zu einer Erholung kommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2016)