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Wie Figaro aussah, wissen wir, wie er gesungen hat, nicht

Anmerkungen zu Bernd Bienerts Versuch, im originalen Mozart-Theater von Laxenburg Mozart auch möglichst "original" zu spielen.

Der im Grunde völlig richtige Gedanke, Oper sei nicht vornehmlich eine Sache für hedonistische Hörer, sondern hätte viel mit Theaterspielen zu tun, treibt hie und da absonderliche Blüten. Was die modischen Inszenierungen betrifft, wollen uns manche Intendanten und viele Rezensenten einreden, nur durch derlei Neudeutungen auf dem Niveau unserer Zeit ließe sich die Gattung Oper auf Dauer am Leben erhalten.

Abgesehen davon, dass ich mich ja nicht zuletzt dank der Beschäftigung mit älteren Meisterwerken aus den Niederungen unserer Zeit auf ein etwas höher gelegenes Niveau zu retten versuche, scheint mir in diesem Gedanken ein grober Irrtum zu liegen.

In aller Regel reduzieren die Regisseure durch ihre Verfremdungsmaßnahmen die Perspektive des Publikums ja etwa auf den Stand ihrer eigenen intellektuellen und seelischen Befindlichkeit. Würden sie weniger ihre eigenen Gedanken umzusetzen versuchen als das, was in Text und Partitur vorzufinden ist, bestünde immerhin die Chance, den Stücken eine gewisse Offenheit zu erhalten – eine Offenheit im Sinne dessen: Wenn sich Fragen stellen, sind es vielleicht die, die – um ein Beispiel zu geben – Lorenzo da Ponte und Wolfgang Amadé Mozart uns gestellt haben; und nicht die, die bei der letzten psychoanalytischen Sitzung von Regisseur X oder Regisseuse Y offengeblieben sind.

Interessanterweise konfrontieren uns ja in Bezug auf musikalische Interpretation seit vielen Jahren die bedeutendsten Musiker mit ihren Forschungen auf dem Sektor des sogenannten Originalklangs. Man versucht, so getreulich wie irgend möglich zu rekonstruieren, wie ein Klavierkonzert zu Mozarts Zeit geklungen haben könnte; wie Opernsänger phrasiert und artikuliert haben.

Erstaunlich, dass die Rädelsführer dieser Bewegung, wenn sie denn einmal dazu angehalten waren, eine Oper nach ihrem Gusto zu interpretieren, nie Protest eingelegt haben, wenn auf der Bühne das strikte Gegenteil dessen unternommen wurde, was sie mit ihren darmsaitenbestückten Violinen und kieksenden Naturhörnern im Orchestergraben zu realisieren versuchen. Solange die Susanna ihre Rosenarie möglichst vibratofrei sang, war es egal, ob sie währenddessen in einem Rokoko-Garten in stimmungsvollem Abendlicht auf einer Parkbank saß oder, von einer Neonröhre illuminiert, verkehrt herum vom Schnürboden über einer Herrentoilette hing.

In diesem Sinne ist es einen Ausflug nach Laxenburg wert, wo Bernd Bienert mit seinem Teatro barocco einen „Figaro“ realisiert, der sich an erhaltenen Quellen über das theatralische Gesten- und Gebärdenrepertoire der Mozart-Zeit orientiert. Bei (simuliertem) Kerzenschein nimmt sich jeder einzelne Moment aus wie ein lebendig gewordener Kupferstich.

Gespielt wird noch am 25., 27. und 28. Februar. Das Schöne daran: Anders als die Leistungen von Originalklangpionieren lässt sich die Authentizität von Bienerts Arrangements „beweisen“. Bilder von Aufführungen jener Epoche gibt es in Hülle und Fülle, auf die Erfindungen Thomas A. Edisons musste die Menschheit hingegen noch eine Zeitlang warten. Wie mein Kollege Walter Weidringer schrieb, geht es in diesem Fall nicht darum, „jeden Ton auf die Goldwaage zu legen“. Die Optik dieser Produktion sollte man hingegen neugierig taxieren . . .

E-Mails an:wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2016)