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Yevgeni Mravinsky: Ein Diktator am Pult

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Gewaltig: Gesammelte Aufnahmen von Mravinsky.

Eine Mravinsky-Edition ist angekündigt, Vol. 1 ist eben erschienen – zu günstigem Preis kann man sich eine Übersicht über die Aufnahmen eines der bedeutendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts verschaffen, des prägendsten russischen Maestros der sowjetischen Ära. Ältere Wiener Musikfreunde können sich an Yevgeni Mravinsky (wir übernehmen hier die Schreibweise der CD-Edition) noch sehr gut erinnern. Seine Erscheinung war trotz ihrer Zartheit, ja Fragilität auf dem Podium ehrfurchtgebietend. Mit knappen, klaren Bewegungen, die vom Saal aus oft kaum wahrnehmbar waren, entfesselte er Klangorkane. Er war einer der Diktatoren am Pult, wie sie in jener Zeit auch das Orchesterleben in den USA prägten. Doch dort machte die Gewerkschaft der Blüte orchestraler Brillanz, wie sie unter Führungspersönlichkeiten wie George Szell oder Fritz Reiner herrschte, nach deren Ableben rasch ein Ende. Für Mravinsky wäre ein Abgehen vom royalistischen l’état, c’est moi undenkbar gewesen. Er hatte es verstanden, als Spross eines Kleinadeligen in der Stalin-Diktatur Karriere zu machen – und blieb bis zuletzt Alleinherrscher im Musikleben im damaligen Leningrad. 44 Jahre lang stand er an der Spitze der Philharmoniker dieser Stadt, machte sie zu einem führenden Klangkörper. Was es bedeutet hat, diese Musiker spielen zu hören, das lassen diese CDs zumindest erahnen. Die Aufnahmen der drei letzten Tschaikowsky-Symphonien, entstanden Ende der Fünfziger in Wien, zählen seit ihrer Erstveröffentlichung (bei DG) zu den Standards der Klassik-Diskografie. Musiziert wird da knallhart, dass kein Kitschverdacht je aufkommen könnte. Und doch blühen in den lyrischen Momenten melodische Bögen auf, die ihresgleichen kaum finden. Das Schicksal schlägt in diesen programmatisch aufgeladenen Werken freilich immer mit einer Gewalt drein, die unausweichlich ist.

Der erste Band der Edition enthält u. a. Schostakowitsch-Symphonien.
Der erste Band der Edition enthält u. a. Schostakowitsch-Symphonien.(c) Beigestellt

Hochspannung. Insofern versteht man Tschaikowsky durchaus als Vorgänger von Schostakowitsch, von dem Mravinsky einige Symphonien uraufgeführt hat – wenn er auch aus politischem Kalkül die Aufführung der Nr. 13 (mit ihren systemkritischen Zwischentönen) verweigerte. Die nicht minder brisanten Konnotationen der Symphonien 6 und 12, die in diesem Band enthalten sind, arbeitet Mravinsky freilich mit aller Schärfe heraus. Brillantes Orchesterspiel auch bei Mozart und Haydn, Debussy und Ravel – und dazu Klavierkonzerte von Tschaikowsky und Brahms mit Svjatoslav Richter als Zuwaag’: Sieben Stunden musikalischer Hochspannung! (Profil Hänssler)