Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Tim Jackson: „Auch Arbeit kann Spaß machen“

(c) Bloomberg (Simon Dawson)
  • Drucken

Europa kann sich weiteres Wachstum nicht leisten, sagt der britische Ökonom Tim Jackson. Auf etliche Unternehmen könnte die Welt verzichten, sagt er. Auf die Finanzmärkte nicht.

Die Presse: Sie propagieren die Idee von Wohlstand ohne Wachstum. Wachstum haben wir nun schon seit ein paar Jahren nicht mehr. Sind wir bald am Ziel?

Tim Jackson: Nein, wir erleben derzeit teilweise eher das Gegenteil: Wachstum ohne Wohlstand.

Wann hat denn Ihr eigenes Einkommen aufgehört zu wachsen? Und hat es sich gut angefühlt?

Es ist falsch zu glauben, dass es in einer Nullwachstumsgesellschaft keinen Fortschritt für den Einzelnen gibt. Auch ich freue mich, wenn ich mehr bekomme, weil ich so merke, dass meine Fähigkeiten geschätzt werden. Die Frage ist: Wie viel Wachstum können wir uns leisten? Wir, die wir reich sind.

Und Ihre Antwort darauf?

Viel können wir uns nicht mehr leisten. Und vor allem Junge beginnen zu verstehen, dass es keinen Sinn hat, 50 Jahre für ein System produktiv zu sein, um ein paar Jahre in Pension genießen zu können. Sie fragen: Warum soll ich so lang eine fiktive Zahl steigern, die nichts Wichtiges misst?

Wer arbeitet denn für das BIP?

Niemand arbeitet für das BIP. Aber viele arbeiten für Geld, das man angeblich braucht, um dann Spaß haben zu können. Ich sage: Auch Arbeit kann Spaß machen.

Da sind wir uns einig. Aber was sagen Sie einem Entrepreneur, dem seine Firma viel Spaß macht – und der auch noch Erfolg hat? Bitte aufhören, dieses Wachstum wollen wir nicht?

Kommt darauf an, was das für ein Unternehmen ist. Mein Vater war selbst diese Art Entrepreneur. Als er mein Buch gelesen hat, sagte er: „Ich kann damit nichts anfangen. Ich lebe, um Neues zu erschaffen und du sagst mir, ich kann das nicht machen, weil es nicht genug gibt.“ Aber es ist nun einmal so, dass zwei Milliarden Menschen so wohlhabend sein können, weil es sieben Milliarden nicht sind. Die Aufgabe heute ist zu sagen, welche Firma, welcher Schöpferdrang in unsere begrenzte Welt passt.

 

Wer soll entscheiden, was wir erfinden, investieren und kaufen? Die Regierung? Wäre das das mit den Grundsätzen einer liberalen Gesellschaft vereinbar?

Die Regierung muss eine größere Rolle spielen. Nur Rahmenbedingungen setzen und sich dann wegducken, reicht nicht. Diese Idee hat versagt, als es darum ging, die Menschen vor denen zu schützen, die den Markt gekapert haben – im Namen der Wahlfreiheit.

An die Macht der Konsumenten glauben Sie nicht? Die Idee, mit dem Einkauf die Welt zu retten, boomt doch seit Jahren.

Es hilft. Aber es ist eine Falle zu glauben, dass es reicht, wenn der Einzelne für sich etwas ändert, ohne an den Machtstrukturen zu rütteln. Es muss immer beides sein.

Wo würden Sie der Wahlfreiheit denn Grenzen setzen?

Bei den Investitionen. Wir haben eine Finanzstruktur geschaffen, die schwach ist, weil wir der Idee der Wahlfreiheit absolute Herrschaft eingeräumt haben. Hier können wir als Staat eingreifen, und wir tun es ständig. Die Idee von komplett regierungsfreien Märkten ist eine Chimäre.

Fordern Sie das Ende der Aktienmärkte? Diese leben ja vom Streben nach Wachstum.

Nein, wir werden die Finanzmärkte brauchen. Wir müssen Vermögen aufbauen für die Zeit, in der wir nicht arbeiten können. Genau hier, bei der Sicherung der Pensionen, hat das Finanzsystem aber versagt.

Ökonomen schätzen, dass eine Wirtschaft um 1,5 Prozent wachsen muss, um die Beschäftigung zu halten. Wie geht das in einer Welt ohne Wachstum?

Das ist ein arithmetisches Problem. Die Wirtschaft muss nur so stark wachsen wie die Produktivität, um gleich viele Menschen zu beschäftigen. Wenn eine Wirtschaft nicht mehr wächst, gibt es zwei Optionen: Die Produktivitätszuwächse in kürzere Arbeitszeiten ummünzen...

 

...und damit Arbeit verteuern.

Die Gehaltsstrukturen muss man sich ansehen, aber es wäre ein Weg. Die andere Option ist, nicht so fanatisch nach Produktivität zu streben. Das bringt nicht immer mehr.

Firmen im internationalen Wettbewerb sehen das anders. Stagniert ihre Produktivität, gehen sie rasch unter. Dann haben wir kein Wachstum und keine Jobs.

Es ist tatsächlich komplex, eine Struktur zu finden, die Produktivitätszuwächse verteidigen kann, wo sie nötig sind, ohne Produktivität zu fordern, wo sie kontraproduktiv ist.

 

Wer macht es denn gut? Das Königreich des Glücks, Bhutan? Das Land strebt kein Wachstum an, dafür sind die Menschen dort aber auch bitterarm.

Bhutan ist noch relativ unterentwickelt. Aber sie haben sich Maßnahmen und Ziele gesetzt, die über das Materielle hinausgehen. Das macht Bhutan zu einem interessanten Modell, das vielleicht im Westen besser funktionieren würde. Aber Bhutan ist nicht die Antwort oder der Weg zum Glück.

ZUR PERSON

Tim Jackson (*1957) ist ein britischer Ökonom und Professor für Nachhaltige Entwicklung an der englischen Universität Surrey. Er gilt als Kritiker des ungebremsten Wachstums und ist Autor des Bestsellers „Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt “.
Der frühere Berater
von Premier Gordon Brown war für die Konferenz „Wachstum im Wandel“ in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2016)