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Pop

Jazz: Das riecht nicht nach Chanel

(c) Die Presse (Samir H. Köck)
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Seun Kuti, Afro-Beat-Star aus Nigeria, kämpfte beim Jazzfest Wien wacker gegen den Hall.

Man weiß nicht genau, wie viele Kinder Afro-Beat-König Fela Kuti gezeugt hat. Vermutlich einige weniger als Aston „Family Man“ Barrett, Bassist von Bob Marley, der 52 Kinder in die Welt setzte. Unter den 27 Ehefrauen, mit denen Kuti in seiner „Kalakuta Republic“ residierte, wird wohl auch eine Hebamme gewesen sein. Von der Vielzahl der Sprösslinge traten zwei in seine Fußstapfen: Femi, der älteste, und Seun, der jüngste.

Der Unterschied zwischen den beiden könnte nicht größer sein: Während sich Femi mit Clubsounds vom Afro-Beat emanzipiert hat, hat Seun „Egypt 80“, die Band seines Vaters, und das musikalische Erbe übernommen. Die vielköpfige Kombo des 1982 geborenen Saxofonisten, Keyboarders, Sängers und Tänzers kam zum Jazzfest Wien – eine Stunde zu spät. Endlich eingelangt, verwöhnten die Nigerianer aber mit einer Intensität, die heutzutage fast ausgestorben ist im Pop.

 

„Think Africa“: Unhaltbare Zustände

Druckvoll eröffnete Saxofonist Oyinade Adeniran, spielte, während er sich um die eigene Achse drehte. Dann tänzelte Seun zu funky Gitarrenlicks, raffinierten Rhythmen und den sinnlichen Bläsersätzen von „Think Africa“ auf die Bühne. Zum Verwechseln sieht er seinem Vater ähnlich, spielt auch ein scharf tönendes Altsaxofon wie Fela. Mit viel Seele singt er über die unhaltbaren Zustände auf dem afrikanischen Kontinent. Als kleinen Hinweis dafür, wie gut es uns geht, ruft er ein sarkastisches „I smell Chanel“ ins Publikum.

Das war bald in Trance gespielt. Kutis explosive Tänze ließen ahnen, warum früher bei vielen Stämmen Krieg und Tanz zusammengehörten. Dann stimmte der schlaksige Afrikaner „Army Arrangement“ an, einen Song seines Vaters, den Produzent Bill Laswell 1982 nach eigenen Vorstellungen im Studio mixte – was heftigen Streit mit Fela Kuti auslöste. Seun interpretierte den epischen Song ohne Zugeständnisse an westliche Tanztrends. Er brachte ihn als puren funky Afro-Beat mit jazzigen Kanten. Highlights des Abends waren das politisch brisante wie sinnlich anheimelnde „Many Things“ und die Zugabe „Fire Dance“.

Wäre der Sound nicht so katastrophal gewesen, hätte es ein unvergesslicher Abend werden können. Die Arkadenhöfe des Wiener Rathauses entpuppten sich zum wiederholten Male als tontechnisch nicht beherrschbar. Schade drum. sam

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2009)