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Waffenexport: Steyr-Sturmgewehre für Kämpfer im Jemen

Das Steyr-Sturmgewehr der 1980er-Jahre ist im Jemen an beiden Seiten der Front zu finden – bei saudischen Soldaten wie bei den Houthi-Rebellen.
Das Steyr-Sturmgewehr der 1980er-Jahre ist im Jemen an beiden Seiten der Front zu finden – bei saudischen Soldaten wie bei den Houthi-Rebellen.(c) Royal Saudi Army
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In den 1980er-Jahren hat Österreich Sturmgewehre nach Saudiarabien verkauft, die nun plötzlich an allen Fronten im jemenitischen Bürgerkrieg Verwendung finden.

Kairo. Mitten im Bürgerkriegsland Jemen taucht seit ein paar Monaten das Sturmgewehr AUG, made im oberösterreichischen Steyr, vermehrt auf. Nicht einzelne Exemplare, sondern größere Mengen überfluten dort den Markt, sodass die Waffe inzwischen so billig zu haben ist wie eine Kalaschnikow. „Das erste Mal sind sie vor sechs Monaten aufgetaucht. Am Anfang waren sie noch teuer, sie wurden für 10.000 Dollar das Stück verkauft.

Dann wurden sie immer billiger. Inzwischen kostet die Waffe nur noch 2500 Dollar“, sagt Khaled Ahmad Al-Radhi, ein jemenitischer Waffenexperte via Telefon aus Sanaa.

Er halte gerade eines in der Hand, erzählt er. „Ich bin bei einem Bekannten in dessen Haus in Sanaa, der sich für seine Familie vier Stück davon besorgt hat“, sagt Al-Radhi. Und als Beweis schickt er Fotos von den Seriennummern und dem Stempel Steyr-Daimler-Puch-AG-Austria, Typ AUG. Ein Hinweis, dass es sich um alte Modelle handelt, die einst nicht in Lizenz, sondern in Österreich hergestellt wurden. Dazu sendet er Links zu einem Dutzend YouTube-Videos, in denen das AUG bei verschiedenen Einsätzen im Jemen zu sehen ist.

 

Preis nach unten gerasselt

Wie viele der österreichischen Gewehre im Jemen kursieren, weiß niemand. Aber der Preis sei aussagekräftig, meint Al-Radhi. „Wenn der Preis eines seltenen westlichen Gewehrs wie des AUGs derart nach unten schießt, dass es sogar mit der Kalaschnikow konkurriert, dann bedeutet dies, dass es auf dem Markt sehr viele davon gibt“, erklärt er. Das Prinzip von Angebot und Nachfrage trifft auch auf dem Waffenmarkt zu.

Al-Radhi kennt sich aus mit Kriegsgerät. Er war Berater der jemenitischen Spezialeinheiten und arbeitete als Verbindungsmann für die US-Amerikaner, die von 2005 bis 2011 jemenitische Soldaten für den Kampf gegen die Jihadisten der al-Qaida ausgebildet hatten.
Bei den Steyr-Gewehren handelt es sich anscheinend um solche aus einer Lieferung, die in den 1980er-Jahren völlig rechtskonform an Saudiarabien gegangen ist. Die nun überall im Jemen aufgetauchten Waffen seien auch solche, die von der saudischen Luftwaffe über dem Gebiet verbündeter Kräfte abgeworfen wurden, die im Bürgerkrieg gegen die Houthi-Rebellen und die Truppen des ehemaligen jemenitischen Präsidenten Ali Abdallah Saleh kämpfen, erzählt Al-Radhi.

 

Abwurf an Fallschirmen

„Die erste Welle wurde an Fallschirmen abgeworfen, an die Verbündeten der Saudis. Einige sind dann bei radikaleren Gruppen gelandet, die gegen die Houthis kämpfen, auch bei Jihadisten der al-Qaida und des Islamischen Staats. Andere haben sogar den Weg zu den Houthis, den Gegnern der Saudis, gefunden.“ Nun seien sie überall privat zu erstehen. „Diese Waffen sind jetzt im ganzen Land zu finden. Die Saudis haben die Waffen auch an die Stämme verteilt, die gegen die Houthis kämpfen. Und diese haben sie einfach weiterverkauft“, sagt er.

Die Ironie dabei: 2008 hatte die jemenitische Regierung, noch lang vor dem Sturz des Präsidenten Saleh und dem Bürgerkrieg, versucht, Gewehre aus Österreich einzukaufen. Damals wurde der Export verweigert, erinnert sich Al-Radhi. Heute würden die Gewehre halt über dem Jemen abgeworfen.

 

Humanitäre Katastrophe

Der seit März andauernde Krieg hat im Jemen zu einer humanitären Katastrophe geführt. Laut dem Nothilfekoordinator der Vereinten Nationen, Stephen O'Brien, hat der Krieg bisher mindestens 6000 Todesopfer gekostet, darunter 700 Kinder. 21 Millionen Menschen brauchten Hilfslieferungen, 7,6 Millionen Menschen haben nicht genug zu essen, 3,4 Millionen Kinder gehen nicht in die Schule. Ein Ende des Kriegs ist nicht in Sicht.

Bei der Firma Steyr heißt es, man äußere sich nicht zu Gerüchten von aufgetauchten Waffen. Der Pressesprecher der Firma, Markus Schindler, bestätigt in einer schriftlichen Erklärung nur, dass „Anfang der 1980er-Jahre eine größere Stückzahl von Steyr-Mannlicher-AUG-Sturmgewehren an Saudiarabien geliefert wurde. Steyr-Mannlicher war damals noch ein staatliches Unternehmen im mittelbaren Besitz der Republik Österreich“. Es sei davon auszugehen, dass auch zum damaligen Zeitpunkt die überaus rigiden Ausfuhrbestimmungen peinlich genau eingehalten wurden, heißt es weiter. „Der diesbezügliche Rechtsrahmen in Österreich zählt zu den strengsten Waffenausfuhrnormen weltweit“.

 

Forderung nach Exportverbot

Das sei sicherlich richtig, antwortet der jemenitische Waffenexperte Al-Radhi. Österreich habe sich offenbar an die Regeln gehalten. „Aber Saudiarabien hat die Regeln gebrochen, als es jetzt diese Waffen an eine dritte Partei im Jemen weitergeliefert hat“, betont er. Er erhebt nun die Forderung, dass Österreich keine weiteren Waffen an Saudiarabien liefern dürfe. Denn eines sei klar: „Mit diesen österreichischen Waffen werden im Jemen heute Menschen getötet.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2016)