Rauschende Bäche statt Après-Ski-Hits aus den Lautsprechern und einsame Schwünge im Tiefschnee statt Trubels auf den Pisten: Was Skifahrerinnen abseits der präparierten Pisten des Ski- und Partymekkas Ischgl erwartet.
Es ist ein schmaler Grat – gerade breit genug, um nicht unfreiwillig mit den gut gewachsten Skiern vor- oder gar rückwärts den steilen Hang hinunterzurutschen. Wer hier am Piz Val Gronda über die Kante schaut, könnte weiche Knie bekommen und bereuen, die gesicherte Piste verlassen zu haben. Wer den Blick jedoch in die Ferne, auf die zahlreichen weiß bedeckten Gipfel der Silvretta- und Verwallgruppe vor dem tiefblauen Himmel richtet, möchte hier so schnell nicht mehr weg. Doch daraus wird nichts.
„Mir nach!“, ruft Skilehrer Hannes Walser seiner Gruppe zu, die diesmal ganz absichtsvoll nur aus Frauen besteht. Ein Kurs für Freeriderinnen. Er kennt das Gelände um Ischgl und findet für die nervösen Tiefschnee-Neulinge einen breiten, sanften Hang. Dieser sollte einfach zu fahren sein. Doch die Schwünge fallen schwer. Der Bruchharsch, der harte Schneedeckel, der durch die Windböen geformt wurde, lässt es nicht zu, im gewohnten Rhythmus zu schwingen. Nach wenigen Sekunden gibt es die ersten Stürze. „Ich habe es für euch ausprobiert. Hinfallen ist okay“, ruft eine Skifahrerin dem Rest der Gruppe zu, während sie sich aus dem Schnee gräbt. „Wir werden euch am Ende des Tages alle fragen, wie der Schnee schmeckt“, hört man Skilehrer noch rufen.
Die Abfahrt durch das Fimbatal, durch das die schweizerisch-österreichische Staatsgrenze verläuft, liefert nicht nur einen Vorgeschmack auf den Schnee, sondern auch auf das Freeriden. So heißt Tourenskifahren heutzutage im schickeren Englisch. Auf der 800 Höhenmeter langen Abfahrt zieht man einsame lange Schwünge durch das unendlich scheinende Weiß, wedelt vorbei an dürren Büschen und gelangt schließlich zu einem rauschenden, klaren Bach. Hier in der Stille ist es kaum vorstellbar, dass unweit, auf der anderen Seite des Bergs, beheizte Sessellifte fahren, Après-Ski-Hits aus den Lautsprechern dröhnen und sich Tausende Menschen auf den Pisten tummeln.
Abseits der Piste dominiert die Natur, auch in unschöner Manier. Am gegenüberliegenden Hang ist eine Lawine abgegangen. Sie sieht weder groß noch bedrohlich aus. Der Eindruck täuscht. „Wer davon erwischt wird, hat kaum eine Chance. Das sind sicher 90 Tonnen“, sagt Walser und erntet dafür erst ungläubige, später verunsicherte Blicke. Gefahren können im Gelände eben nie ausgeschlossen werden. „Wir versuchen, das Risiko so gering wie möglich zu halten. Das ist unser Job“, sagt Walser. „Ohne seinen Pieps geht mir deshalb auch keiner ins Gelände.“ Der „Pieps“ ist ein Lawinenverschüttetensuchgerät, kurz LVS. Eine Einschulung im Umgang damit gibt es auch. Schaufel („Mit der haben wir schon einmal einen Freund ausgegraben“) und Sonde („Ihr werdet merken, wenn ihr auf einen Menschen stößt. Es federt zurück“) dürfen ebenso nicht fehlen.
Die Skilehrer sind für die unerfahrene Gruppe eine Art Lebensversicherung. Sie kennen die Lawinensituation, das Gelände und stellen die Abseitsregeln auf. Wenn sie bitten, mindestens 30 Meter Abstand zur Vorderfrau zu halten, dann deshalb, weil sie, falls wider Erwarten doch eine Lawine abgehen sollte, sichergehen wollen, dass nicht die gesamte Gruppe erfasst wird. Wenn der Skilehrer befiehlt, oberhalb von ihm vorbeizufahren, dann kann es gut sein, dass sich unter der unauffälligen Schneekuppe, auf der er gehalten hat, ein mehrere Meter hoher Felsvorsprung liegt.
Lernen „ohne Machogehabe“
Im lockeren Pulverschnee fallen die Schwünge deutlich leichter. Ein bisschen fühlt es sich an, als würde man schweben. „Mehr Bewegung“, hört man die Skilehrer dennoch immer wieder rufen. Auch technische Tipps geben sie dazu: „In die Knie, die Schienbeine auf die Skischuhe drücken und dann, um die Kurve einzuleiten, die Beine strecken. Auf die Zehen, einfach wie in Stöckelschuhen.“
Die Skilehrer scheinen sich an die rein weibliche Gruppe gewöhnt zu haben. Skilehrer Walser sieht in den Frauengruppen sogar Vorteile: „Selbst wenn Frauen gleich gut wie Männer fahren, sind sie meist vorsichtiger, denken mehr nach. Hier können sie das Freeriden ohne Druck, ohne Machogehabe lernen.“
FREERIDEN IM PAZNAUN
Anbieter: Die Skischule Ischgl bietet spezielle Freeride-Kurse für Frauen an. Im Paket enthalten sind der Skikurs, der Verleih von Freeride-Skiern, ein Mittagessen und der Eintritt in ein Wellnesscenter. Infos unter: skischule-ischgl.at.
Übernachten: Fluchthorn Alpenressort in Galtür. Doppelzimmer ca. 136 Euro Infos unter: huber-hotels.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2016)