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Waldheim: Die Treibjagd kann beginnen

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(c) APA (Jaeger Robert)
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März 1986. Das Nachrichtenmagazin „Profil“ berichtet von einer SA-Reiterstandarte in der Konsularakademie 1938. Der ÖVP-Präsidentschaftskandidat beteuert, nie wissentlich NS-Mitglied gewesen zu sein, genau das Gegenteil sei der Fall.

Am Sonntag, dem 2. März 1986 war der Wahlkampftross des „unabhängigen“ ÖVP-Präsidentschaftsbewerbers Kurt Waldheim in Oberösterreich unterwegs. In Enns präsentierte sich der Hauptplatz unfreundlich, nass, kalt. „Die Presse“ begleitete nun schon den zweiten Tag den Kandidaten, Chauffeur war unser Fotograf Rudolf Blaha. Unter den Betreuern des Ehepaares Elisabeth und Kurt W. lief ein seltsames Gerücht um: Am Montag werde das Nachrichtenmagazin „Profil“ mit einer brisanten Titelgeschichte erscheinen: Waldheim, der ehemalige Außenminister und spätere UN-Generalsekretär, sei als Student ein Nazi, ein SA-Mitglied gewesen. Das beweise seine sogenannte Wehrstammkarte im österreichischen Staatsarchiv/Kriegsarchiv. Wie bitte?

Stimmt das, Herr Doktor? Waldheim war in Gedanken schon oben auf dem Podium, wo der Ortsparteiobmann gerade seine wolkige Begrüßungsansprache abschloss. „Keine Rede, meine Herren“, winkte er ab, „lächerlich“, ergänzte Ehefrau Elisabeth.

Nach seiner 08/15-Wahlrede kam der Kandidat nochmals auf die Frage zurück und betonte, dass seine Familie in Andrä Wördern als Christlichsoziale doch ortsbekannte Anti-Nazi waren, dass er selbst von den NS-Behörden ausdrücklich als „unzuverlässig“ eingestuft worden sei, dass dieses ganze Gerede ein aufgelegter Unsinn sei. Das habe er auch in der Vorwoche den Herren vom „Profil“ gesagt. Schriftlich teilte er dann überdies mit: „Die in der Wehrstammkarte enthaltenen Eintragungen über meine angebliche Zugehörigkeit zu NS-Organisationen entsprechen nicht den Tatsachen. Ich habe keiner Organisation angehört. Ich nahm während meiner Studienzeit vereinzelt an Reitsportveranstaltungen der damaligen Konsularakademie teil, was keinerlei Mitgliedschaft zu derartigen Organisationen bedingt.“

Tatsache war allerdings, dass die völlig unpolitische Reitergruppe des Studenten Waldheim an der heutigen Diplomatischen Akademie 1938 flugs als Reiterstandarte in die SA überführt wurde. Es gab kein Beitrittsgesuch, keine Unterschrift, keine Mitgliedskarte. Doch allein diese Wehrstammkarte reichte dem „Profil“-Journalisten Hubertus Czernin für eine Story, die zur Sensation wurde.

Ganz war man seiner Sache freilich nicht sicher, denn die Ankündigung auf dem Cover des Magazins war am rechten oberen Rand versteckt. „Waldheim und die SA“, hieß es da lapidar. Erst auf der Seite 16 begann der Bericht. Unprofessioneller kann man eine Titelstory nicht spielen. „Die Campaign“, die später als Waldheim-Affäre zeitgeschichtliche Bibliotheken füllen sollte, hatte begonnen.

Doch die Jagdgesellschaft, die seit fast einem Jahr Schwachstellen im Lebenslauf des ÖVP-Kandidaten suchte, nahm längst Größeres, schwerer Wiegendes ins Visier. War W. nicht gegen Kriegsende an der Balkanfront Ordonnanzoffizier in der Heeresgruppe E, die dem österreichischen General und Ritterkreuzträger Alexander Löhr unterstand? Und war Löhr nicht als Kriegsverbrecher hingerichtet worden? (1947 vom jugoslawischen KP-Regime, Anm.)

Diese Episode seines Kriegsdienstes hatte Waldheim in all seinen Biografien stets übersprungen. Sie erschien ihm, dem unbedeutenden Oberleutnant, als nicht erwähnenswert, meinte er später. Schließlich hatten sämtliche Geheimdienste dieser Welt den Mann unter dem Mikroskop untersucht, bevor er UN-Generalsekretär werden konnte. Und nichts hatte man gefunden; weder die CIA, noch der Mossad, noch die Sowjets. Ein Oberleutnant eben, wie die deutschen Spitzenpolitiker Richard von Weizsäcker oder Helmut Schmidt. Und, was weiter?

Das focht die Zuträger in der SPÖ keineswegs an, die seit Wochen verzweifelt trachteten, den Wahlsieg Waldheims gegen den harmlosen SP-Kandidaten Kurt Steyrer (Arzthelfer in der deutschen Wehrmacht!) doch noch irgendwie zu verhindern. Der SPÖ-Vorsitzende Fred Sinowatz, zugleich Regierungschef einer Kleinen Koalition mit den Freiheitlichen, ahnte, dass seine Tage in der Politik sonst gezählt waren. Also drehte die SPÖ-Maschinerie mithilfe befreundeter Medien den Spieß einfach um. Jene Partei, in der Ex-SS- bzw. NS-Mitglieder wie Heinrich Gross, Oskar Weihs, Theodor Kery, Johann Öllinger, Günther Haiden, Otto Rösch, Josef Moser, Erwin Frühbauer, oder HJ-Pimpfe wie Leopold Gratz, Hans Czettel und Leopold Wagner Karriere gemacht hatten, prügelte nun auf einen anti-nazistischen Karrierediplomaten hin, der in den ersten Wochen völlig starr vor Schreck blieb.

 

Heinz Fischers Rolle

Heinz Fischer, der in wenigen Wochen Pensionist und des Staatsamtes ledig sein wird, kann sicher viel über diese infame Intrige erzählen, die sich vor dreißig Jahren abgespielt hat. Damals war er Wissenschaftsminister und – wesentlich bedeutender – Vizeparteichef. Man hat von ihm nur einmal eine Art Entschuldigung vernommen, das war bei der Verabschiedung Waldheims nach sechsjähriger Amtszeit: Man habe dem Menschen Waldheim schweres Unrecht angetan. Diese ehrenhafte Formel wurde nach intensiven Verhandlungen gefunden, nachdem W. auf eine zweite Amtsperiode verzichtet hatte.

Ob uns Fischer wenigstens nach dreißig Jahren teilhaben lässt an den Aktionen seiner Freunde Blecha, Gratz, Sinowatz, Zeiler, Schieder (Peter) samt verbündeter journalistischer Entourage? Ob er die Dinge vielleicht sogar ins rechte Licht rücken will? Denn die ganze Gruppe ist damals weltweit in eine verheerende Optik geraten. Einige sind schon tot, andere schweigen wie im Grab; einer wurde dem Licht der Öffentlichkeit entzogen: Nie mehr hat man etwas von dem Vertragsbediensteten im Bundeskanzleramt, Hans P., gehört.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2016)