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Polizeihund: Früherziehung statt Stachelhalsband?

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(c) FABRY Clemens

Verhalten.2016 läuft eine Studie über die Ausbildung von Schutz- und Stöberhunden bei der österreichischen Polizei. Das Ergebnis könnte darüber entscheiden, ob umstrittene Halsbänder mit Metallstacheln weiter verwendet werden.

„Wir suchen charakterstarke Polizisten, egal, ob zwei- oder vierbeinige“, sagt Karin Joszt-Friewald, Leiterin des Bundesausbildungszentrums für Polizeidiensthundeführer in Wien-Strebersdorf. Der perfekte Polizeihund kann mit Misserfolg, Ablenkung und Stress umgehen. In der Fachsprache ist er „triebstark“: mit Durchsetzungsvermögen, dabei aber nicht aggressiv oder unkontrollierbar.

Trainiert wurden die Hunde bis 2014 auch mit Korallenhalsbändern, deren nach innen gerichtete, abgerundete Metallstacheln auf Zug einen Schmerzreiz auslösen. Kritik von Tierschützern regte ein Umdenken an: Im dreijährigen Pilotversuch verzichtet man nun auf diese Bestrafung. Unter dem Titel „Lob versus Strafe“, geleitet von Leopold Slotta-Bachmayr (Uni Salzburg), wird das im Sicherheitsforschungsprogramm Kiras geförderte Projekt wissenschaftlich begleitet.

Hunde im Militär- und Polizeidienst sind Eigentum des Bundes, ihr Einsatz kann unter das Waffengebrauchsgesetz fallen. Sie sind die Ausnahme von der Regel: Laut Diensthunde-Ausbildungsverordnung dürfen ihnen Korallenhalsbänder angelegt werden; für Privathunde ist dies per Tierschutzgesetz verboten. Polizeidiensthunde-Bundesausbilder Berthold Gasser erklärt, dass die Verordnung dabei genau vorschreibt, wie diese Halsbänder zu verwenden sind. Und: „Man muss zwischen einem punktuellen Schmerzreiz, durch den eine Verhaltensänderung erreicht wird, und sinnloser Gewalt unterscheiden – von letzterer war man auch vor 2014 immer weit entfernt“, sagt Slotta-Bachmayr, der auch Therapiehunde ausbildet.

 

Krankenakten der Hunde

Vor diesem Hintergrund ist seine Forschung zu sehen: Erzielen Polizeidiensthunde und ihre -führer die gewünschten Leistungen auch ohne ein solches Halsband? Ein Vorher/Nachher-Vergleich soll die Frage beantworten. „Wir sehen uns auch die Krankenakte der Hunde an: Ist ein Polizeidiensthund öfter krank, verletzt – oder nicht?“, sagt Slotta-Bachmayr. Auch ethische und rechtliche Betrachtungen fließen ein: Dürfen Hunde gegen Menschen eingesetzt werden? Ist umgekehrt Hunden die Belastung des Polizeidienstes zumutbar?

Früherziehung soll das Stachelhalsband wettmachen: Der Hund kommt schon mit sechs Monaten (vorher: mit 16 Monaten) in die Grundausbildung, gemeinsam mit seinem Hundeführer, der sich auch privat um ihn kümmert. Die Ausbildung ist in Module geteilt. Begonnen wird mit einfachen Suchübungen. Slotta-Bachmayr setzt auf die Formel „fehlerfreies Lernen“: „Man kann von klein auf Grenzen setzen, Dinge erklären. Eine klare Linie erspart später die Korrektur.“

Der ideale Welpe für die Polizeiarbeit ist offen, neugierig und sucht den Kontakt zu Menschen. Die österreichische Polizei will universell einsetzbare Diensthunde – von der Arbeit am Tatort bis zur Fußballveranstaltung. Dafür kommen nur eine Handvoll Rassen infrage, zuvorderst der Malinois (Belgische Schäferhunde).

Mit der Studie könnte die Ausnahmeregelung für Stachelhalsbänder bei Diensthunden fallen: „Wir wollen mit unserer Arbeit die Basis legen, um weiterarbeiten zu können – in beide Richtungen: Vielleicht kommt heraus, dass wir dieses Korrekturmittel brauchen. Oder wir brauchen es nicht, dann ist das auch ein Ergebnis.“ Es soll Ende des Jahres vorliegen.

LEXIKON

Positive Verstärkung: Jeder Schritt in die gewünschte Richtung wird verstärkt, beim Hund etwa mittels „Klicker“, einem mit Belohnung assoziierten Geräusch.

Positive Strafe: Unerwünschtes Verhalten wird mit einem unangenehmen Reiz bestraft und damit abgeschwächt.

Negative Belohnung: Auch das Entfernen von Belohnung oder Strafe kann Verhalten formen. Auch der Signalton im Auto, der an das Anschnallen erinnert, ist ein negativer Verstärker.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2016)