Neun Personen, die alle am 29. Februar geboren wurden, erzählen von Scherzen der Verwandtschaft, überraschend vielen Gratulanten und der seltsamen Freude, wenn ein Milchpackerl am 29. Februar abläuft.
Es ist ein Tag wie jeder andere, sagen die einen. Er ist etwas Besonderes, die anderen. Ein Tag, der nur alle vier Jahre im Kalender steht. Der 29. Februar übt offenbar eine gewisse Faszination auf viele Menschen aus. Das bekommen vor allem jene zu spüren, die an diesem Tag geboren sind. 5.797 Österreicher haben derzeit am Schalttag Geburtstag, 4,8 Millionen weltweit. Morgen, Montag, werden geschätzte 200 Kinder dazu kommen, so viele Babys werden im Schnitt an jedem 29. Februar in Österreich geboren (2012 waren es 186).
Für die Wirtschaft bedeutet der Schalttag eine Steigerung des Volkseinkommens, vor allem dann, wenn der Tag nicht auf einen Sonntag fällt. Der zusätzliche Arbeits- und Konsumationstag wird Österreich in diesem Jahr ein Plus von 1,2 Milliarden Euro bringen, wie das ORF-Magazin „Eco“ ermittelt hat. Sehr gelegen kommt ein Schaltjahr auch dem Tourismus, vor allem in einem so schneearmen Winter wie dem diesjährigen. Der zusätzliche Tag im Februar bringt immerhin eine Steigerung der Winternächtigungen von einem Prozent.
Und wie geht es Menschen, die nur alle vier Jahre Geburtstag feiern? Erleben sie ihren Geburtstag als Bürde oder etwas Schönes? Wir haben bei neun Schaltjahr-Kindern nachgefragt, die morgen, Montag zwischen 28 und 89 Jahre alt werden:
Yvonne Jouja-Goryczja, 32, dipl. psych. Krankenschwester
Ich bin halbe Filipina, in der Heimat meiner Mutter sagt man, wer im Februar geboren wird, wird entweder sehr gescheit oder verrückt. Kein Wunder, dass meine Mutter mich lieber im März bekommen hätte. Wir haben meinen Geburtstag jedes Jahr gefeiert, aber zu den „echten“ Geburtstagen etwas Besonderes gemacht. Ich dachte immer, ich kann mir aussuchen, wann ich feiern darf, ich könnte auch im Dezember feiern. Ich hatte einen Klassenkollegen, der am selben Tag Geburtstag hat und immer große Parties gegeben hat, bei denen ich mich einfach drangehängt habe. Richtig geärgert habe ich mich nur einmal, als mir meine Tante zum zwölften Geburtstag Sandspielzeug geschenkt hat. Ein Scherz, weil ich nach Schaltjahren gerechnet erst drei geworden bin. Am Tag nach meiner Geburt erschien ein Foto von mir und meiner Mutter in der Zeitung. Sie war damals 32, nun werde ich 32 und bin auch in der Zeitung. So schließt sich der Kreis.
Angelika Zawischa, 68, Pensionistin
Meiner Mutter wurde bei meiner Geburt noch angeboten, mein Geburtsdatum auf den 28. Februar oder auf den 1. März umzuschreiben. Sie hat das verweigert, weil sie dachte, wenn schon, denn schon. Meine Mutter war immer sehr dahinter, dass Geburtstage gefeiert wurden, aber in Schaltjahren waren die Feste größer. In einer meiner ersten Tanzstunden sind mein Tanzpartner und ich draufgekommen, dass wir am selben Tag Geburtstag haben – aber verliebt haben wir uns nicht ineinander.
Es ist schon auffallend, wie viele Menschen in meinem Umfeld sich den Geburtstag merken. Bis heute bekomme ich in Schaltjahren mehr Glückwünsche und vor allem Post von Menschen, mit denen ich gar nicht mehr so in Verbindung bin. Ich war AHS-Lehrerin in Wien, und wenn ein Schaltjahr war, war das auch immer etwas Besonderes für die Schüler. Sie haben mir dann Blumen geschenkt oder einen Gruß an die Tafel geschrieben.
Berta Eberle, 89, Pensionistin
Wir haben meinen Geburtstag immer nur in den Schaltjahren gefeiert. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich eine bin, die generell nicht gern feiert. Es hat mich daher nie gestört, dass ich an diesem Tag geboren bin. Die Gemeinde Buch, in der ich lebe, hat 600 Einwohner, und ich bin die Einzige, die an diesem Tag Geburtstag hat. Bei meinem 80. Geburtstag war ich mit anderen Schaltjahr-Kindern im Landesstudio Vorarlberg zu Gast.
Mein Mann und ich haben jung geheiratet und waren 64 Jahre beisammen. Er hat mir schon jedes Jahr gratuliert und Blumen gekauft, und zwar meistens am 28. Februar. Aber alle vier Jahre hat er mir ein neues Auto gekauft. Das alte Auto haben wir dann stets verkauft, die Leute im Ort haben mich dann meist kurz davor gefragt: ,Und, bekommst du heuer wieder ein Auto von deinem Mann?‘ Das letzte Auto war ein Audi mit Automatik-Schaltung, weil er wusste, dass ich mir schon etwas schwer getan habe mit dem Schalten. Kurz nach seinem Tod 2012 hab ich dann auch dieses Auto verkauft.
In diesem Jahr kommen meine Tochter, mein Schwiegersohn, meine Enkeltochter und ihr Mann zu mir und bleiben eine Woche. Aber grundsätzlich ist der 29. Februar nichts besonderes für mich.
Julia Mende, 36, Sozialarbeiterin
Meine Mutter wollte nicht, dass ich am 29. Februar zur Welt komme, aber fünf Minuten vor Mitternacht war ich da. Wann ich begriffen habe, dass mein Geburtstag etwas Besonderes ist, weiß ich nicht mehr so genau. Der erste Geburtstag, an dem ich das richtig wahrgenommen habe, war der achte. Gefeiert haben wir in meiner Familie immer am 28. Februar, weil es eben noch der Februar war. Aber irgendwann hat eine Freundin zu mir gesagt, dass mein Geburtstag eigentlich der Tag nach dem 28. Februar ist, nur ist es halt alle vier Jahre der 29. Februar und sonst der 1. März. Seither sehe ich das auch so.
Ich denke mir eigentlich vor jedem Schaltjahr, das wird ein gutes Jahr. Und ich freue mich schon mehr darüber, wenn es ein Jahr mit einem echten Geburtstag ist – je älter ich werde, umso mehr. Und ich freue mich immer, wenn mein Geburtstag das Ablaufdatum auf Lebensmitteln ist. Weil das gibt es nicht sehr oft. Ich verbringe den Tag in diesem Jahr in der Therme Wien, Schaltjahr-Kinder kommen da nämlich gratis rein.
Hermann Schützenhöfer, 64, Landeshauptmann Stmk.
Freunde von mir rufen, wenn kein Schaltjahr ist, am 28. ungefähr eine halbe Stunde vor Mitternacht an und sagen: Ich weiß, du hast noch nicht heute Geburtstag, aber in einer halben Stunde bin ich zu spät, da hast du ihn schon gehabt. Für mich war das aber nie ein Problem. Auch wenn es in der Schulzeit ein paar gegeben hat, die gesagt haben, du hast nie Geburtstag. Meine Eltern waren die besten Eltern der Welt, aber nicht sehr begütert. Da gab es eine Kleinigkeit am 28., eine Tafel Schokolade, ein paar Stutzen, ein Stück Matador.
Auch jetzt feiern wir immer, wenn es keinen 29. gibt, am 28. in der Familie. Da wird der Abend langfristig frei gehalten. Einen Unterschied gibt es aber schon: Viele Leute wissen, dass ich am 29. Februar Geburtstag habe und daher erhalte ich mehr Glückwünsche, als wenn ich am 28. Geburtstag hätte. Den 60. Geburtstag, den ich direkt am 29. Februar feiern durfte, habe ich noch in guter Erinnerung. Das war eine Zäsur, da hat man das Gefühl, in eine andere Lebensphase einzutreten. Einen Wunsch habe ich noch: Den nächsten runden Geburtstag, der direkt auf den 29. Februar fällt, in halbwegs intakter körperlicher und geistiger Frische feiern zu können – das ist der 80. d. n.
Lisa Schneider-Gröbl, 44, diplomierte Lebensberaterin
Nicht feiern, das gab es bei mir nie. Das geflügelte Wort vom „Nicht-Geburtstag“ aus „Alice im Wunderland“ kenne ich aber gut, und bei mir passt es sogar, weil ich interessanterweise länger und ausgiebiger feiere, wenn kein Schaltjahr ist. Die Feiern ziehen sich dann über mehrere Tage. Der echte Geburtstag alle vier Jahre ist aber ein bisschen ein besonderer. Auch wenn er gerade heuer nicht so gut fällt, weil er ein Montag ist. Ich bin in meinem gesamten Freundeskreis die Einzige, die an diesem Tag Geburtstag hat, und ich staune immer wieder, wenn man das Datum erwähnt, weiß jeder sofort, welcher Tag das ist.
Julia Strauss, 28, Angestellte
Mir ist erst sehr spät aufgefallen, vermutlich so mit zehn, dass es meinen Geburtstag nicht jedes Jahr gibt. Aber da mein Vater am 28. Februar Geburtstag hat, haben wir immer zusammen gefeiert, und ich fühle mich dem Februar mehr zugehörig als dem März. Während der Schulzeit und im Studium waren oft just an diesem Tag Prüfungen angesetzt. Bürokratische Hürden habe ich eigentlich nie erlebt, nur im Internet gibt es manchmal Formulare, bei denen man den 29. Februar gar nicht als Geburtsdatum auswählen kann; manche Seiten schalten den Tag aber wieder frei, wenn man zuerst sein Geburtsjahr eingibt. Ich verbinde mehr Positives mit meinem Geburtstag. In diesem Jahr werde ich ihn auf Kuba verbringen.
Gabriele Glück, 48, selbstst. Diplom-Hygiagogin
Das Schöne an meinem ungewöhnlichen Geburtstag ist, dass ich mich an wirklich alle echten Geburtstage erinnern kann. Ich weiß noch sehr genau, was ich da gemacht habe. Der erste Geburtstag, an den ich mich so richtig erinnern kann, ist der achte. Als ich zwölf wurde, war ich am Schulskikurs und hatte Zahnweh. Und irgendwann hört man auch die Klassenkollegen nicht mehr, die behaupten: „Du hast ja gar keinen richtigen Geburtstag.“
Ich feiere tatsächlich nur alle vier Jahre richtig. Gratuliert wird mir schon jedes Jahr, und zwar am 28. Februar und am 1. März, mein Mann und ich stoßen vielleicht an, aber das wars. Die Kombination meines Namens mit dem Geburtsdatum – Gabriele Glück, 29. 2. 1968 – löst mitunter seltsame Reaktionen aus, manche Menschen glauben dann, ich scherze und gebe Fantasie-Daten an. Dabei schummel ich nur bei Kundendaten und gebe mir ein anderes Geburtsdatum, um nicht um die Gutscheine oder Prozente zum Geburtstag umzufallen. Je älter ich werde, desto lieber ist es mir, dass ich nur alle vier Jahre Geburtstag habe.
Petra Fuchs, 36, Projektleiterin
Meinen Geburtstag merkt sich in meinem Bekanntenkreis jeder. Gefeiert haben wir in meiner Familie immer an beiden Tagen. Obwohl ich immer der Meinung war, mein Geburtstag ist der 28., und meine Mutter erst den 1. März als Geburtstag ansieht. Was ich weniger mochte: Wenn Freunde und Bekannte mir gesagt haben, dass ich ja noch so jung sei.
Komisch finde ich, wenn ich im Bekanntenkreis höre, der Geburtstermin für ein Baby sei Ende Februar, und das Umfeld sagt: ,Na hoffentlich kommt es nicht am 29.‘ Dabei könnte man sich freuen, wenn das eigene Kind an diesem Tag auf die Welt kommt. Es ist doch etwas Besonderes, und man bekommt sicher mehr Aufmerksamkeit als an anderen Tagen.
Geschenkter Tag
Am Schalttag, morgen, Montag, sendet die FM4-„Morning Show“ von 6 bis 10 Uhr Früh live aus dem Radiocafé in der Argentinierstraße.
Der ORF widmet sich dem Thema u. a. in der „Karlich Show“ (Mo, 16 h, ORF2 ) und der „Millionenshow“ (20.15 h, ORF 2), in der nur Schaltjahrkinder zu Gast sind. „Kreuz und Quer“ (1. 3., 22.35 h) bringt die Reportage „Der geschenkte Tag“. Kurt Langbein und Marlene Aber begleiten eine Wienerin bei ihrem Engagement für Obdachlose.
Warum Schaltjahr?
Schuld am Schaltjahr ist die zu langsame Erde. Sie sollte laut Kalender die Sonne in in 365 Tagen umrunden, braucht aber fünf Stunden, 49 Minuten und zwölf Sekunden länger. Alle vier Jahre wird deshalb der 29. 2. als Schalttag eingefügt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2016)