Momentan fürchten Anleger eher eine Deflation als eine Inflation. Zu Unrecht, finden Experten. Viele Indizien sprächen für bald anziehende Preise. Das könnte Inhaber von Anleihen und Aktien vor Herausforderungen stellen.
Wien. Inflation ist dank der sinkenden Öl- und Rohstoffpreise und der eher schwachen Konjunkturerholung schon länger kein Thema mehr. Eher fürchtet man sich vor Deflation und dauerhaft niedrigem Wirtschaftswachstum.
Zu Unrecht, meinen die Experten von Franklin Templeton Investments in ihrem Research-Paper „Global Macro Shifts“. Die Kerninflationsrate (ohne Energie und Lebensmittel) zog im Vorjahr sowohl in den USA als auch in der Eurozone und in Japan an. Doch die Verbraucherpreise werden noch vom Ölpreis niedrig gehalten: Öl der Nordseesorte Brent hat sich in den vergangenen eineinhalb Jahren von über 100 auf zuletzt 36 Dollar verbilligt. Das hat dämpfend auf die Preise gewirkt – ein Effekt, der sich so nicht wiederholen dürfte: Denn auch wenn der Ölpreis nicht so rasch wieder auf 100 Dollar steigt – dass er noch einmal so stark nachgibt, ist unwahrscheinlich.
Die Erholung des US-Arbeitsmarkts (sinkende Arbeitslosenquoten, mehr Eigenkündigungen) lege hingegen nahe, dass die dortigen Löhne und in weiterer Folge die Inflation bald anziehen dürften.
Die Geldumlaufgeschwindigkeit sei auf einem historisch niedrigen Niveau. Das führe dazu, dass die Preise trotz der Geldschwemmen der Notenbanken kaum steigen. Würde die Umlaufgeschwindigkeit abrupt auf ihr Vorkrisenniveau zurückspringen, müsste sich das Preisniveau in den USA und in Japan verdoppeln und in der Eurozone um 60 Prozent steigen – sofern die Zentralbanken nicht drastische Maßnahmen zur Verringerung der Geldmenge ergreifen.
Sparwut bald zu Ende
Auf kurze Sicht sei wohl nicht mit solchen Preissteigerungen zu rechnen, meinen die Autoren. Doch schon eine teilweise Korrektur der Umlaufgeschwindigkeit würde zusätzlichen Inflationsdruck auslösen.
Auch die viel gefürchtete globale Sparwut könnte ein rasches Ende finden, wenn die ölexportierenden Länder wegen der gesunkenen Preise ihre Ersparnisse angreifen oder gar Kredite aufnehmen.
Die Autoren ziehen auch Lehren aus der Geschichte: Anfang der Sechzigerjahre war die Inflation ebenfalls moderat, kaum jemand rechnete mit einem steilen Anstieg. Eine Kombination aus negativen Angebotsschocks (Ölpreisschocks der Opec von 1973 und 1979) und politischen Fehlern (die US-Notenbank Fed versuchte zweimal, die geldpolitischen Zügel zu straffen, ging aber zweimal zu früh davon ab) führte dazu, dass die Inflationsrate in den USA Anfang der Achtzigerjahre zeitweise auf 14 Prozent kletterte.
So etwas sei diesmal nicht zu erwarten. Doch das „Potenzial für einen Anstieg der US-Anleiherenditen“ werde unterschätzt, heißt es. Steigende Renditen bedeuten fallende Kurse. Auf die möglichen Folgen für die Aktienmärkte geht der Bericht nicht ein. Betrachtet man den US-Leitindex Dow Jones in den Sechziger- und Siebzigerjahren (jenem Zeitraum, der laut dem Bericht von Politikfehlern und Ölpreisschocks geprägt war), so zeigt sich ein wenig erfreuliches Bild: Nachdem sich der US-Leitindex in den Fünfzigerjahren verdreifacht hatte, gab es zwischen 1960 und 1969 ein Kursplus von mageren 30 Prozent. In den Siebzigerjahren stagnierte das Börsenbarometer überhaupt, die Anleger verdienten lediglich an den Dividenden.
Erst in den Achtzigerjahren, als Inflation und Zinsen wieder auf ein niedrigeres Niveau fielen, kam es zu einer Verdreifachung und in den Neunzigerjahren gar zu einer Vervierfachung der Aktienkurse – bis Anfang der Nullerjahre die Dotcom-Blase platzte. (b. l.)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.02.2016)