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Industrie-Gipfel: Afrika warnt vor Hungerkatastrophe

(c) AP (Karel Prinsloo)
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Während die ärmsten Länder bei den G8 Gehör suchen, bewegt sich in Sachen Klimaschutz einiges. Für Aufsehen sorgt die Zustimmung der USA, „die Erderwärmung im Vergleich zum Beginn des Industriezeitalters auf zwei Grad zu begrenzen“.

L'Aquila. Die wachsende Armut Afrikas steht neben dem Klimaschutz und der Finanzkrise ganz oben auf der Tagesordnung des G8-Gipfels, der in der von Erdbeben erschütterten und zerstörten italienischen Stadt L'Aquila stattfindet. Beim Klimaschutz haben die G8 auch bereits einen groben Rahmen abgesteckt, wie der Entwurf der Abschlusserklärung zeigt.

Für Aufsehen sorgt die Zustimmung der USA, „die Erderwärmung im Vergleich zum Beginn des Industriezeitalters auf zwei Grad zu begrenzen“. Wie das genau funktionieren soll, ist freilich völlig offen. Bis 2050 soll der Treibhausgas-Ausstoß jedenfalls um die Hälfte verringert werden. Für die Industriestaaten bedeutet dies eine Reduktion um 80Prozent.

Deutlich schwieriger dürften es die Armen haben, sich auf dem Gipfel der Reichen Gehör zu verschaffen. Doch die Afrikaner wollen es zumindest versuchen. „Die Weltwirtschaftskrise“, warnt Tansanias Präsident, Jakaya Kikwete, die Industriestaaten, „ist die bisher größte Gefahr für die Entwicklung Afrikas.“ Es drohe eine humanitäre Katastrophe.

Äthiopiens Regierungschef, Meles Zenawi, setzt beschwörend hinzu: „Einige Länder könnten untergehen. Und das würde totales Chaos bedeuten. Am Ende werden die Kosten der Gewaltausbrüche sehr viel höher sein als die Ausgaben für die Unterstützung Afrikas.“ Hilfe sei daher schon „im eigenen Interesse“ der westlichen Staaten geboten.

Der globale Abschwung trifft Afrika freilich schlimmer als die entwickelten Staaten. Milliardenschwere frühere Hilfsversprechen der G8 fielen der Finanzkrise zum Opfer. Bisherige Erfolge der Entwicklungsarbeit, befürchten die Vereinten Nationen, werden zunichte gemacht. Die Zahl der Hungernden steige wieder. „Die internationale Gemeinschaft darf die Armen und Schwachen nicht allein lassen“, appelliert UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon an die G8. Er kritisiert, dass die Geberländer ihre früheren Zusagen nicht eingehalten haben. Die jährliche Hilfe für Afrika liege um rund 20 Milliarden Dollar hinter den 2005 vereinbarten Zielen zurück.

 

Erfüllung alter Versprechen

Damals, auf dem G8-Gipfel im schottischen Gleneagles, wurde beschlossen, die Entwicklungshilfe bis 2010 zu verdoppeln. Immerhin wollen die G8 jetzt Wiedergutmachung betreiben. Dem Vernehmen nach sollen in den nächsten drei Jahren knapp zwölf Mrd. Dollar für die landwirtschaftliche Entwicklung lockergemacht werden.

Auch das dürfte kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein sein: Die Entwicklungshilfe der westlichen Welt bleibt weit unter dem UN-Ziel von 0,7Prozent des BIPs. Die G8-Staaten kommen im Schnitt auf etwa 0,3Prozent. Auch müssen, fordert die UNO, Subventionen für westliche Nahrungsmittelexporte nach Afrika gestrichen werden, weil dies die dortigen Märkte kaputt mache.

Die Erfüllung der abgegebenen Verpflichtung, die Zahl der hungernden Menschen bis 2015 zu halbieren, liegt in weiter Ferne: Täglich sterben an die 20.000 Menschen an Folgen von Nahrungsmangel. Mehr als eine Milliarde der 6,75 Milliarden Erdbewohner leidet an Unterernährung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2009)