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Italien erwartet neue Flüchtlingswelle nach Apulien

Flüchtlinge(c) APA/AFP/BULENT KILIC (BULENT KILIC)
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Rom ist alarmiert: 25.000 Menschen, die nach Schließung der mazedonischen Grenze in Griechenland festsitzen, könnten versuchen, über die Adria nach Italien zu gelangen.

Wien/Bari. Seit Österreich – und daraufhin sämtliche Staaten auf der Balkanroute – die Grenzen dicht gemacht haben, herrscht in Italien höchste Alarmstufe: Erwartet wird, dass 25.000 in Griechenland blockierte Flüchtlinge nun versuchen werden, über die Adria in das süditalienische Apulien zu gelangen. Um von dort nach Zentral- und Nordeuropa weiterzureisen. Horrorszenen aus den 1990er-Jahren, als die völlig überforderte Region am Absatz des italienischen Stiefels es nicht geschafft hat, mit Tausenden Boatpeople aus Albanien fertigzuwerden, sind auf einmal wieder präsent.

Militär patrouilliert an der Küste

Diesmal, so zumindest die offizielle Sprachregelung, möchte man vorbereitet sein. Innenminister Angelino Alfano reiste gestern in die Regionalhauptstadt Bari, um dort mit lokalen Politikern mögliche Maßnahmen zu besprechen. Erste Schritte wurden laut unbestätigten Medienberichten bereits in den letzten Tagen gesetzt: So seien zahlreiche Soldaten in die Küstenstädte Bari und Brindisi verlegt worden. Sie sollen mit lokalen Sicherheitskräften die Überwachung der 300 Kilometer langen apulischen Küste koordinieren und bei möglichen notwendigen humanitären Einsätzen zur Unterstützung bereitstehen. Auch die Küstenwache steht in Alarmbereitschaft. Zudem sollen schon inoffizielle Treffen zwischen italienischen Sicherheitsbeamten und Beamten aus Albanien und Montenegro stattgefunden haben – die beiden Länder sind ebenfalls mögliche Etappen entlang der Adria-Route.

(C) DiePresse

Derzeit handelt es sich allerdings noch um Planspiele. „Es gibt keine Anzeichen für einen Anstieg der Flüchtlingsströme“, sagt der Sicherheitschef aus Lecce, Cataldo Motta. „Allerdings haben wir konkrete Informationen darüber, dass Schlepper in Griechenland und der Türkei gerade dabei sind, Reisen nach Italien zu organisieren.“

 

Lokale Mafiosi organisieren Überfahrt

Die Zeit, als verzweifelte Albaner auf überladenen Frachtern nach Italien gelangen wollten, sind allerdings vorbei. Beliebteste Transportmittel der Adria-Schlepper seien heute kleine Schnellboote, die schwer zu lokalisieren sind und eine schnelle Flucht ermöglichen. Zudem könnten Menschenhändler Flüchtlinge auf Fähren schmuggeln, die täglich von Griechenland nach Apulien reisen.

Unter den italienischen Sicherheitsbehörden ist laut einem Bericht der Tageszeitung „Repubblica“ zudem die Befürchtung groß, dass zunehmend auch die mächtige Lokalmafia, Sacra Corona Unita, vom lukrativen Schlepperbusiness profitieren möchte. Es gebe Informationen, dass die Mafia bei der Planung von Überfahrten ihre Hand im Spiel habe – aber auch maßgeblich an der Organisation eines Menschenhandelrings beteiligt sei (und ihre Leute in Flüchtlingslagern platziert habe). Allein im vergangenen Jahr sind Hunderte Flüchtlingskinder in Apulien verschwunden.

Das Thema Apulien stand offenbar auch im Mittelpunkt eines Mittagessens des italienischen Premiers, Matteo Renzi, mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am Freitag in Rom. Junker soll Renzi Unterstützung aus Brüssel zugesichert haben. Im apulischen Taranto werde demnächst ein neuer Hotspot zur Registrierung von Flüchtlingen eröffnet. Renzi hat erneut auf „gemeinsame EU-Maßnahmen“ gepocht – allen voran eine schnellere Verteilung der Flüchtlinge auf die EU-Staaten. Derzeit lehnen es mehrere EU-Mitglieder ab, Flüchtlinge aus Griechenland und Italien aufzunehmen. „Ich gebe nicht auf“, sagte Renzi.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2016)