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Und wenn die Angst zu groß wird?

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Waren die Untaten der Polen nach 1945 das Ergebnis einer „großen Angst“, wie ein Historiker behauptet? Sein Zugang ist hochaktuell: Über Angst als politisches Gefühl.

Massen von Polen seien in den vergangenen Jahrhunderten zu Flüchtlingen geworden, „und jetzt diese Empathielosigkeit!“. So hat der in Princeton lehrende Historiker Jan T. Gross die Flüchtlingspolitik seiner Heimat kritisiert; auf Wunsch des konservativen Präsidenten Andrzej Duda könnte ihn das nun den polnischen Verdienstorden kosten. Eine schriftliche Aufforderung zur Rückgabe würde er sich rahmen lassen, ließ Gross ausrichten. Der 68-Jährige ist die Rolle des Agent Provocateur gewohnt; seit seinem Buch „Nachbarn“ (2001) stören und empören seine Bücher viele Polen. Sie handeln vom Antisemitismus und den Judenpogromen in Polen während und nach dem Zweiten Weltkrieg, und haben eine klare Botschaft.

 

Gross: „Die Sünde beim Namen nennen“

„Die Polen müssen sich die Geschichte der Verfolgung der Juden in Polen so erzählen, dass das Opfer in dieser Erzählung sein eigenes Schicksal erkennen kann“, liest man im Buch „Angst. Antisemitismus nach Auschwitz in Polen“, das in deutscher Übersetzung 2012 bei Suhrkamp erschienen ist. Gross geht es darum, „die Sünde beim Namen zu nennen“ – in der Flüchtlingsdebatte wie in Bezug auf die polnische Geschichte. Sein Buch „Angst“ behandelt vor allem die Judenmorde und Pogrome am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg, deren Auslöser zum Teil Ritualmord-Gerüchte waren. Bei der Erklärung dieser Nachkriegsereignisse spielt für Gross der Antisemitismus als „integraler Bestandteil des polnischen Katholizismus“ eine große Rolle – aber auch die Angst, die Gross im Buchtitel anspricht. Er meint nicht nur die Angst der Juden, sondern auch die der Polen, ihre von den vertriebenen Juden übernommene Habe wieder an die Rückkehrer zu verlieren. Dazu sei verdrängtes Schuldgefühl gekommen.

Bei Gross ist allerdings ganz klar, dass der Verweis auf die „Angst“ der Polen diese nicht aus der Verantwortung entlässt. Umso interessanter ist der Vergleich mit einem anderen großen Werk eines polnischen Zeithistorikers, das soeben auf Deutsch erschienen ist und ebenfalls, ja noch mehr, die Angst ins Zentrum rückt. In „Die große Angst. Polen 1944–1947. Leben im Ausnahmezustand“ schildert und deutet Marcin Zaremba dieselben Ereignisse wie Gross, aber mit anderer Gewichtung und beschränkt auf die „große Angst“ der Polen: Zaremba geht es darum, die Lebensbedingungen, Erfahrungen und daraus resultierend den psychischen Zustand der Bevölkerung nachvollziehbar zu machen und so zu verstehen, wie die Polen in die Unmenschlichkeit kippen konnten.

Gross beschränke sich zu sehr auf den Antisemitismus als Erklärung und berücksichtige zu wenig psychische und materielle Faktoren, meint Zaremba. „Nirgendwo sonst wurden die Eliten so dezimiert, war die Not so unerträglich“, schreibt er in einer Antwort auf Gross. „In keinem anderen Land gingen die Prozesse der Atomisierung und der Atrophie der moralischen Bindungen so weit.“ Die „destruktive Macht der insecuritas humana“ habe die Polen „befallen“ und in primitive Denk- und Verhaltensweisen zurückfallen lassen.

Heute, wo so viel Angst herrscht, bei Flüchtlingen und denen, zu denen sie kommen, sind diese zwei Bücher, über ein heutigen Österreichern eher fern scheinendes Thema wie die polnische Nachkriegszeit, bemerkenswert. Weil sie beide die Angst ins Zentrum rücken, und weil sie für unterschiedliche Zugänge stehen: den moralisierenden, der das Leid der einen und die individuelle und kollektive Verantwortung der anderen betont, und einen soziologisch geprägten, der die Angst der Täter zum Thema macht und zu erklären versucht.

 

Thukydides: Angst macht Politik

Gefühlsgeschichte ist allerdings ein heikles Terrain. Denn was wissen Historiker schon von Angst? Sie sind keine Psychologen, und selbst wenn sie es wären: Längst Verstorbenen kann man weder Fragebogen vor- noch sie auf die Couch legen. Trotzdem gab die Geschichtsschreibung ihr seit den Anfängen immer wieder einen wichtigen Platz. Thukydides etwa sah Angst – neben Ehrgeiz und Besitzstreben – als wichtigste Triebkraft der Politik. Zum historischen Forschungsgegenstand wurde die Angst aber erst seit dem 20. Jahrhundert. Eines der berühmtesten Bücher dazu hat Zaremba wesentlich zu seinem gleichnamigen Buch inspiriert: „La grande Peur“ von 1932, ein Klassiker marxistischer Geschichtsschreibung des französischen Historikers Georges Lefèbvre. Er deutete darin die Angst der Bauern als wesentliche Ursache für die Radikalisierung der beginnenden französischen Revolution.

„Wie eine ansteckende Krankheit kann sich Angst blitzartig verbreiten. Sie erschwert das Einschlafen, ruft Panik hervor und fördert Aggression. Ihr Wesen lernten die Einwohner Polens während des Zweiten Weltkriegs und unmittelbar nach seinem Ende kennen“, schreibt Zaremba. „Und wenn es kein Entkommen gibt, die Angst überall ist? Wenn der Druck der Angst zu groß wird?“ Auch wenn Gross und Zaremba sich in ihrer Darstellung und der Verurteilung der Ereignisse (abgesehen von der Rolle des Antisemitismus) kaum unterscheiden, zeigt sich bei Zaremba, wie schwer es ist, Erklärung und Entlastung der Täter auseinanderzuhalten. Eine gewisse Unausweichlichkeit der Umstände wird im Buch suggeriert, dabei wissen nicht nur Psychologen, wie viele Arten es gibt, mit Angst umzugehen, auch Historiker haben das untersucht, etwa Jean Delumeau für die frühe Neuzeit.

 

Hilfreicher als jede Moralpredigt

Trotzdem: In der Frage, was die „große Angst“ politisch anrichten kann, ist sein Buch für die aktuelle Gegenwart in Europa hochinteressant – und sein Versuch zu verstehen, was den moralischen Zusammenbruch herbeigeführt hat, vermutlich hilfreicher als jede Moralpredigt.

Literatur. Marcin Zarembas Buch „Die große Angst. Polen 1944–1947. Leben im Ausnahmezustand“ ist im Schöningh Verlag erschienen. Jan T. Gross' Buch „Angst“ erschien 2012 bei Suhrkamp.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2016)