Simmering: Flüchtlingsheim mit Ablaufdatum

(c) Die Presse (Teresa Zötl)
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Der Integrationsfonds schließt ein Haus, doch die Flüchtlinge wollen bleiben. Nach der Flucht aus der Heimat hoffen die Tschetschenen, Afghanen oder Somalier auf ein wenig Ruhe und Stabilität.

WIEN. „Viele Flüchtlinge wollen hier gar nicht wohnen.“ Ursula Schallaböck blickt auf das gelbe Haus und versucht zu erklären, warum ihr Arbeitgeber, der Österreichische Integrationsfonds, das Integrationshaus in der Flüchtlingssiedlung Macondo schließen wird. Bis Ende September werden die etwa 180 Bewohner von der Simmeringer Haide in andere Quartiere verlegt.

Dass sie sich hier nicht wohlfühlen, diesen Eindruck vermitteln die Frauen vor dem Eingang aber keineswegs. „Ich lebe hier seit einem halben Jahr. Jetzt wegziehen zu müssen bedeutet zu viel Stress“, sagt Achmad Owa. Die 33-jährige Tschetschenin wirkt aufgelöst: „Ich habe vier Kinder, bin allein, habe Leukämie.“

Gefühle gegen Pragmatismus

Ihr und allen anderen merkt man an, dass sie nicht schon wieder weg wollen. Nach der Flucht aus der Heimat hoffen die Tschetschenen, Afghanen oder Somalier auf ein wenig Ruhe und Stabilität.

Doch die Gefühle der Flüchtlinge ändern nichts am Pragmatismus des Integrationsfonds. „Viele Zimmer sind leer gestanden“, meint Schallaböck, „und es ist finanziell schwierig.“ Aber man habe ja zwei weitere Häuser, eines im 9. Bezirk, eines in Mödling. „Dort sind die Lagen besser.“

Und das Integrationswohnheim nebenan – jene Einrichtung, in der Flüchtlinge, die einen Job haben, längerfristig leben können – werde ja weiter bestehen. Inklusive Betreuung. Nur werden die Sozialarbeiter eben nicht mehr vor Ort sein, sondern ein, zwei Mal pro Woche vorbeischauen. „Bedarfsorientiert“ nennt das Schallaböck.

„Bedarfsorientiert?“, Claudia Igler schüttelt den Kopf, „sie brauchen extrem viel Betreuung.“ Igler wohnt unweit von Macondo und arbeitet ehrenamtlich mit Flüchtlingsfrauen. Sie hat miterlebt, wie die Menschen im Integrationshaus sich eingelebt haben. Wie sie innerhalb kurzer Zeit Deutsch gelernt haben. So wie Schaista Barymal – als die 27-jährige Afghanin 2006 nach Österreich kam, konnte sie weder lesen noch schreiben. Jetzt wird beim gemeinsamen Tee schon auf Deutsch geplaudert.

Die Deutschkurse, ein wichtiges Element bei der Integration, soll es aber weiter geben. Nur eben nicht mehr in Macondo – sondern im Hauptquartier des Integrationsfonds in der Schlachthausgasse. Ein weiter Weg – auch, weil die Busse die Flüchtlingssiedlung nur sporadisch ansteuern. „Wie“, fragt Claudia Igler, „soll eine Mutter mit vier Kindern an den Beinen in die Schlachthausgasse fahren?“

Es ist aber nicht nur Sorge um die Flüchtlinge, für die Anrainer stehen außer der guten Nachbarschaft auch noch andere Dinge auf dem Spiel. So geht die Befürchtung um, die Volksschule am Münichplatz, in der rund ein Drittel der Schüler aus Macondo stammen, werde schließen müssen.

Quartier für Schubhäftlinge?

Dabei, so erzählt Igler, funktioniere gerade dort die Integration so gut, die Lehrer hätten schon viel Erfahrung mit Flüchtlingskindern. Und dann geht unter den Anrainern auch noch das Gerücht um, das Haus könnte künftig als Quartier für die Familien von Schubhäftlingen genützt werden. Ein ständiges Kommen und Gehen – und ohne Chance, eine Nachbarschaft aufzubauen.

Auf einen Blick

Macondo: Die Flüchtlingssiedlung in Simmering beherbergt etwa 3000 Flüchtlinge aus 22 Nationen. Das Integrationswohnhaus, in dem 180 Menschen leben und betreut werden, soll im September geschlossen werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2009)

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