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„Drei Schwestern“ neu an der Staatsoper

Peter Eoetvoes
Peter Eötvös(c) Boris Roessler / dpa / picturede (Boris Roessler)
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Komponist Peter Eötvös über den Erfolg seiner Tschechow-Oper, die Sonntag in Wien Premiere hat.

Nebst fünf Uraufführungen, die an der Staatsoper bis 2020 herauskommen, stellt man im Haus nach langer Enthaltsamkeit spannende jüngere Stücke zur Diskussion, die anderswo erfolgreich waren. Nach Thomas Ades' „Tempest“ kehren – nach ihrem Festwochen-Gastspiel 2002 – die „Drei Schwestern“ von Peter Eötvös nach Wien zurück. Das Werk hat nach seiner Uraufführung in Lyon schon „14 oder 15 Neuinszenierungen und jedenfalls an die 150 Aufführungen erlebt“, freut sich der Komponist im Gespräch. Als sein eigener Librettist ist er mit der Vorlage Anton Tschechows frei umgegangen und bediente sich bei seinem Arrangement avancierter Theatertechniken. Aus der chronologischen Abfolge des Dramas lässt er uns (etwa nach dem Vorbild von Kurosawas „Rashomon“) in Sequenzen gleiche Erlebnisse aus verschiedenen Blickwinkeln sehen.

 

Filmtechniken fürs Musiktheater

Mit dem Medium Film hat Peter Eötvös viel Erfahrung sammeln können: „Ich habe am Theater begonnen und dann viel fürs Kino komponiert“, sagt er. Aus der Welt des Soundtracks kommt wohl die Idee, seine Oper von zwei Orchestern begleiten zu lassen: Ein Kammerorchester musiziert im Orchestergraben, ein größeres Ensemble sorgt hinter der Szene für den Aufbau akustischer Räume und expressiver Stimmungen.

Wobei der international gefragte Dirigent Eötvös sein eigenes Werk aus beiden Perspektiven kennengelernt und studiert hat: „In Lyon stand Kent Nagano im Graben und ich dirigierte hinter der Bühne, im Theater an der Wien stand ich vorn. Ich habe also Erfahrungen auf beiden Seiten gesammelt und gesehen, dass alles zwar nicht leicht ist, aber funktioniert. Jetzt habe ich das Werk, obwohl es viel gespielt worden ist, seit 13 Jahren nicht mehr selbst dirigiert, ich habe es für Wien also sozusagen neu studiert.“

Umkomponiert hat Eötvös nichts. Das Stück „saß“ vom ersten Moment an. Die Möglichkeit, die ursprünglich mit Countertenören besetzten Schwestern von Frauen singen zu lassen, war von Anfang an eingeplant. „Wenn Sie so wollen, gibt es jetzt eine Wiener Fassung, in der die Schwestern von Frauen gesungen werden, die Gegenspielerin von einem Counter.“

Durch die Wiederkehr einzelner Szenen und Situationen in verschiedener psychologischer Beleuchtung hat das Publikum die Möglichkeit, Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu sehen – und zu hören. Eötvös ordnet im Kammerorchester verschiedene Instrumente bestimmten Personen zu. So kann es zu veritablen Reprisenwirkungen kommen – „wie in einer Sonatenform“ – die aber doch immer neue Aspekte bergen.

 

Im Fluss der abendländischen Tradition

„Wenn eine Figur gerade nicht singt, aber deren Instrument zu hören ist, fühlt man: Da klingt Irina,“ beschreibt der Komponist die Klangwelt seiner Oper, deren Musik er im Fluss der abendländischen Tradition sieht, nicht nur, wenn eindeutige Zitate erklingen. „Das ist“, beschreibt Eötvös, „wie mit der Sprache. Wir können Wörter wiedererkennen und Sätze verstehen, die vor 500 Jahren schon verwendet oder formuliert wurden. Wir können zitieren, um eine bestimmte Atmosphäre zu beschwören. Dennoch schreibe ich keine Musik, die irgendwie mit der Vorsilbe Neo zu beschreiben wäre: Ich baue weiter und schaue in die Zukunft.“

Eine Haltung, die Peter Eötvös auch vererben möchte: Er hat eine Stiftung zur Förderung junger Komponisten gegründet und ist neugierig zu sehen, wie die kommende Generation mit dem großen Erbe umgeht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2016)