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Boulanger Trio: Himmlische Sonaten und Naturklänge

Musikverein(c) FABRY Clemens
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Das Boulanger Trio bezauberte im Musikverein Augen und Ohren mit ungewöhnlichen Melodien.

Musik hört man. Aber hin und wieder, viel seltener, als man meinen könnte, muss man Musik auch sehen, um sie in ihrer ganzen Genialität verstehen zu können. Mit der faszinierenden Optik der Klangerzeugung begeisterte das Boulanger Trio am Montagabend im Gläsernen Saal des Wiener Musikvereins.

Für das konservative Ohr ist das „Lied ohne Worte“ von Michael Jarrell eigentlich ein Mysterium. Hartes Pizzicato der Streicher unterbricht formlos immer wieder weiche, getragene Passagen des Klaviers, eine Melodie im traditionellen Sinne ist dabei kaum erkennbar. Was das Stück schlussendlich dennoch zu einem Erlebnis macht, ist die Technik der Tonerzeugung: Die Abdeckung des Flügels wird vollständig geöffnet, immer wieder steht Pianistin Karla Haltenwanger auf, beugt sich weit nach vorn und zupft händisch die im Inneren des Instruments gespannten Saiten, statt sie an der Klaviatur anzuschlagen. Punktgenau steigen ihre Kolleginnen Birgit Erz an der Violine und Ilona Kindt am Violoncello wieder in die ungewöhnliche Tonfolge ein, zusammen erzeugen die drei einen herzschlagartigen Rhythmus, bei dem sich am Ende Aug und Ohr versöhnen und die Hände zum Applaus einsteigen.

 

Ein Traum in Sonatenform

Das Konzept der „Boulangerie“, der Konzertreihe des Trios, beinhaltet, dass jeder Abend einem zeitgenössischen Komponisten gewidmet ist, der an einem Bühnengespräch teilnimmt. Das gibt Aufschluss über die Exotik von Jarrells Stück: „Der Klang eines temperierten Klaviers ist eigentlich falsch, das ist kein Naturklang, wir haben uns nur so daran gewöhnt, dass alles andere seltsam erscheint“, erklärt er.

Im Vorfeld der Veranstaltung hat der jeweilige Komponist das Privileg, neben dem eigenen noch zwei weitere Stücke aus dem Repertoire des Trios auszuwählen. Jarrell entschied sich für Maurice Ravels Klaviertrio a-moll und Joseph Haydns Klaviertrio es-Moll mit dem Beinamen „Jakobs Traum“. Dabei soll die Himmelsleiter musikalisch versinnbildlicht werden, die Jakob in seinem Traum emporsteigen möchte. Mit weichen, fließenden Klängen gelingt das dem Trio so, dass man tatsächlich beinahe sagen möchte: himmlisch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2016)