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„Die Sorge um das Bargeld ist berechtigt“

Opening Day Of The World Economic Forum (WEF) 2016
Auch in Österreich seien „erhebliche Anstrengungen“ im Pensionssystem nötig, sagt der frühere Wirtschaftsweise Axel Weber.(c) Bloomberg (Simon Dawson)
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Axel Weber war Bundesbankpräsident und ist heute Verwaltungsratschef der Schweizer Großbank UBS. Er erklärt, warum eine Welt mit Minuszinsen nicht mehr normal ist.

Die Presse: Das Bargeld ist im Visier: Grenze für Transaktionen, Abschaffung großer Scheine. Offiziell, um Terrorismus und Geldwäsche zu bekämpfen. Steckt mehr dahinter?

Axel Weber: Ich möchte keinen Verschwörungstheorien Vorschub leisten. Aber das Thema tritt in einer Phase auf, in der viele Ökonomen vor einer Negativzinspolitik warnen. Sie könnte dazu führen, dass Privatleute Bargeld horten. Wer etwas Unlauteres vorhat, der findet auch ohne Bargeld Mittel, die er missbrauchen kann. Viele Bürger reagieren heftig auf die Debatte. Es macht sie nervös, wenn man ihnen den Zugang zum Bargeld limitieren will. Ihre Sorge halte ich durchaus für berechtigt.

Was halten Sie von Minuszinsen?

Sie sind ein problematisches Instrument. Mit der normalen Geldpolitik im positiven Bereich wissen wir umzugehen. Oberhalb der Nullzinsgrenze sind die geldpolitischen Regeln einfach und die Wirkungskanäle der Geldpolitik bekannt. Im negativen Zinsbereich ist dies anders. Es ist keine normale Welt, wenn ein Gläubiger einem Schuldner dafür zahlen muss, dass er einen Kredit bei ihm nimmt. Es ist keine normale Welt, wenn ich 0,35 Prozent für das Privileg zahlen muss, eine zehnjährige Schweizer Anleihe zeichnen zu dürfen.

Wozu führen Negativzinsen?

Zwei der vier Kanäle der Geldpolitik, jene für Zinsen und Kredite, funktionieren nicht mehr richtig oder ganz anders. Die beiden übrigen wirken stärker: der für Vermögen – Anleger gehen in Aktien oder Immobilien. Die quantitative Lockerung setzt Anreize, ins Risiko zu gehen. Und der vierte Kanal, der Wechselkurs: Die Länder mit den höchsten Minuszinsen werten damit ihre Währung ab. Das wirkt vor allem gegenüber Ländern, die nicht so leicht in Negativzinsen übergehen können. Wie den USA: Dort würde man mit negativen Zinsen riskieren, dass der Finanzmarkt instabil wird, wegen seiner besonderen Struktur mit vielen Geldmarktfonds.

Bringt die ultralockere Geldpolitik auch Verzerrungen mit sich?

Viele Bürger, die wenig Vermögen haben und einen Großteil ihres Einkommens aus ihrer Arbeit beziehen, haben nicht in Aktien investiert – weil sie das Risiko von Verlusten gar nicht tragen können oder zu Recht nicht eingehen wollen. Sie sind auf festverzinsliche Papiere limitiert, bei denen sie nun auf Erträge verzichten oder Strafzinsen zahlen müssen. Es wird weltweit über wachsende Ungleichheit diskutiert. Ich bin davon überzeugt, dass diese Geldpolitik dazu beitragen kann, die Ungleichheit zu verstärken. Notenbanken haben den Auftrag, neutral zu wirken, für alle gleich – wie beim Zins, der für Anleger wie für Kreditnehmer gilt. Die aktuelle Geldpolitik hat ungleiche Wirkungen. Sie kommt auch unter Verteilungsgesichtspunkten an die Grenzen ihres Mandats.

Was lässt sich gegen das schwache Wachstum sonst tun?

Die Geldpolitik kann es allein nicht richten. Vor allem Strukturreformen könnten das Wachstum wieder ankurbeln. Aber auch die Fiskalpolitik. Sie war lange Zeit restriktiv oder stand untätig an der Seitenlinie. Wo sich die Schuldenstände stabilisieren, wie in Deutschland, kann sie eine größere Rolle spielen. Der Staat muss konsolidieren, indem er Ausgaben reduziert und sich so Spielräume für niedrigere Steuern erarbeitet. Dann haben Private mehr Möglichkeiten, sich zielgerichtet Ausgaben zu leisten. Das kurbelt die Wirtschaft langfristig viel besser an, als wenn die Politik mehr Staatsausgaben tätigt. Es entlastet auch die EZB, die jetzt schon viel Zeit für Reformen erkauft hat. Die Wirksamkeit ihrer außergewöhnlichen Maßnahmen nimmt ab, die Nebenwirkungen nehmen zu. Reden Sie einmal mit Pensionskassen oder Versicherern! Ihre Anlagen werden weniger wert, aber ihre Verbindlichkeiten steigen weiter. Sie überbrücken die Situation, indem sie auf Reserven zurückgreifen. Das geht nur eine gewisse Zeit. Auch deshalb müssen wir umdenken: Weg von immer expansiverer Geldpolitik, hin zu Reformen, niedrigeren Steuern und weniger Staatsausgaben.

Stichwort Pensionskassen: Ist unsere Altersversorgung demografiefest?

Früher sorgte die Demografie für Rückenwind beim Pensionssystem. Jetzt gehen die Babyboomer in Pension. Aus dem Rückenwind wird nun ein scharfer Gegenwind. Im Rentensystem sind erhebliche Anstrengungen nötig, auch in Österreich: mehr einzahlen, weniger auszahlen, länger arbeiten – das sind die Optionen. Außerdem brauchen wir ein kapitalmarktbasiertes System neben dem Umlagesystem.

Draghi weitet sein Anleihekaufprogramm weiter aus. Ein Zeichen der Hilflosigkeit?

Die konjunkturelle Dynamik ist schwach. Gegenwind kommt von den aktuellen Korrekturen an den Börsen. Dadurch ist es schwieriger geworden, trotz tiefer Zinsen, Anleger zu Investitionen und Banken zur Kreditvergabe zu bewegen. Die Wirkung des Vermögenskanals nimmt ab.

In Europa sind vor allem die Kurse der Bankaktien stark gefallen. Dabei sind Finanzinstitute doch das Rückgrat einer Wirtschaft. Da ist die Anlegerskepsis doch nachvollziehbar, oder?

Zuletzt haben die Märkte insgesamt korrigiert, dem konnten sich Bankaktien nicht entziehen. Einen besseren Maßstab liefert der aktuelle Kurs zum Buchwert. Die Aktie der UBS beispielsweise notiert über ihren Buchwert. Manche Banken müssen ihre Anleger erst noch überzeugen, dass sie ihre Eigenkapitalrendite deutlich steigern können, dass sie eine nachhaltige Dividendenpolitik und ein ertragreiches Geschäftsmodell haben. Europas Banken stecken nicht in einer Solvenz-, sondern in einer Profitabilitätskrise.

Allerdings hat das Engagement heimischer Banken in Russland und in Osteuropa zu großen Problemen geführt.

Die österreichischen Banken kämpfen mit Herausforderungen, konnten aber in den letzten Jahren zahlreiche Probleme lösen und das Eigenkapital stärken. Außerdem rechne ich mit einer relativ stabilen Entwicklung in Osteuropa.

In der Schweiz gibt es wenige Flüchtlinge, aber eine intensive Ausländerdebatte. Warum?

Der Ausländeranteil in der Schweiz liegt inzwischen bei über 20 Prozent. Es gibt einen starken Zuzug an gut ausgebildeten Europäern. Das hat auch zur Initiative gegen Masseneinwanderung geführt. Jetzt sieht man aber, wie schwer es für die Schweiz ist, einerseits bilaterale Verträge mit der EU aufrechtzuerhalten, aber andererseits die Mobilität innerhalb des Schengen-Raums zu beschränken.

ZUR PERSON

Axel Weber (59) ist ein deutscher Ökonom. Er lehrte in Bonn, Frankfurt und Köln. Von 2002 bis 2004 war er einer der fünf Wirtschaftsweisen, danach sieben Jahre lang der Präsident der Deutschen Bundesbank. Im Februar 2011 trat er zurück, weil er mit der Geldpolitik der EZB nicht einverstanden war. Seit 2012 ist Weber Verwaltungsratspräsident der Schweizer Großbank UBS, dem weltweit größten Vermögensverwalter.

Zu einer UBS-Kundenveranstaltung kam Weber Ende der Vorwoche nach Wien. Bei dieser Gelegenheit hat ihn „Die Presse“ exklusiv interviewt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2016)