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Japan: Die „Büroblume“ hat ausgedient

Mizuho Financial Group Chairwoman Hiroko Ota Interview
Frauen wie Ex-Finanzministerin Hiroko Ota, nun im Vorstand der Mizuho Group, sollen die gläserne Decke durchbrechen.(c) Bloomberg (Yuriko Nakao)
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Ausgerechnet die Regierung des erzkonservativen Premiers, Shinzo Abe, verordnet dem Land eine Frauenquote. Im internationalen Vergleich hat das Land sehr viel aufzuholen.

Tokio. Ausgerechnet Japan will es schaffen und eine verbindliche Frauenquote einführen. Nach dem Gender Empowerment Measure – einem internationalen Index, der die Geschlechtergleichstellung in 189 Staaten registriert – rangiert das Land abgeschlagen auf Platz 131. Der fernöstliche Industriestaat, der in puncto gesellschaftlicher Gleichstellung ideologisch bestenfalls in einer Liga mit Entwicklungsländern spielt, nimmt offiziell die Frauenquote ins Visier.

Ein neues Gesetz sieht vor, dass sich alle Firmen ab 300 Angestellten ab April 2016 eine Mindestzahl an weiblichen Führungskräften verordnen und den tatsächlichen Stand veröffentlichen müssen. Dafür gibt es wenigstens einen Anreiz. Wer die Zielsetzung erreicht, wird bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen bevorzugt.

Damit soll der Anteil der Frauen in Managerpositionen von derzeit nur elf bis 2020 auf 30 Prozent steigen. Gleichzeitig will die Regierung von Premierminister Shinzo Abe erreichen, dass die teilweise riesige Lohnschere zwischen den Geschlechtern ein wenig geschlossen wird. Um mit gutem Beispiel voranzugehen, gelten die neuen Vorgaben insbesondere auch für große Arbeitgeber wie die Zentralregierung und die lokalen Behörden.

 

Hintertürchen für Firmen

Japan wäre jedoch nicht Japan, würde man die Sache nicht ein wenig halbherzig auslegen und jede Menge Hintertürchen offen lassen. Die Unternehmen können selbst bestimmen, was sie sich in dieser Frage zumuten wollen, und es besteht keine gesetzliche Handhabe zur Bestrafung, wenn den Worten nicht auch Taten folgen. Die Regierung setzt darauf, dass die japanischen Konzerne und die größeren Mittelständler die Förderung von Frauen jetzt wenigstens ernst nehmen und sich überhaupt darum kümmern.

Bisher galten Frauen im konservativen Japan in der Arbeitswelt vornehmlich als „Büroblumen“, als Zierde in einer von Männern dominierten Welt, oft nur als austauschbare Hilfskräfte, die nach Heirat und Geburt die Firma verlassen müssen. Erst kürzlich hinterfragte der Gouverneur von Kagoshima, Yoichiro Ito, öffentlich, warum Mädchen überhaupt in der Schule Sinus und Cosinus in Dreiecken lernen müssten. In der Denkschule der alten Herren, die Japan nach wie vor führen, landen sie ohnehin bei Kind und Küche. Viele Chefs gehören noch der Generation an, die davon ausgeht, dass Mädchen als Pflegekräfte geboren werden, die Männern, Kindern und Alten zu Diensten sind.

 

Verheerende Statistik

Die Statistik ist für ein Industrieland verheerend. Rund 70 Prozent der Japanerinnen geben nach dem ersten Kind ihren Job auf. Als Gründe werden neben fehlender Kinderbetreuung und langen Arbeitszeiten vor allem auch mangelnde Karrierechancen und Mobbing angegeben. Selbst gut ausgebildete Frauen resignieren, weil sie kaum Aufstiegschancen haben. In der Politik sieht es nicht anders aus. Über zwölf Prozent ist der Anteil der weiblichen Abgeordneten im Parlament nie gestiegen. Soziologen kritisieren deshalb, Japan sei ein „Land der verschwendeten Talente“. Nun sollen sich die Karrieremöglichkeiten für die Töchter des Landes endlich verbessern.

 

Eine Frau pro Vorstand

Das Umdenken in der noch immer stark von konfuzianischem Denken beeinflussten Gesellschaft fordert ausgerechnet der als erzkonservativ geltende Regierungschef, Shinzo Abe. „In jedem Vorstand mindestens eine Frau“, lautet neuerdings seine Devise.

Und man nimmt ihm in der Bevölkerung sogar ab, dass er dies wirklich ernst meint. Für Abe ist die Einbindung der weiblichen Bevölkerung in die Arbeitswelt eine schlichte ökonomische Wachstums- und Überlebensstrategie. Er hält die stärkere Integration der Frauen generell für unverzichtbar in einer rapide alternden Gesellschaft, die jede Einwanderung ausländischer Arbeitskräfte massiv ablehnt.

Schon 2010 hatte die Investmentbank Goldman Sachs errechnet, dass der gezielte Einsatz von Frauen über acht Millionen neue Arbeitsplätze schaffen und die Wirtschaftsleistung um 15 Prozent steigern könnte. Weiter sinkende Geburtenraten und heute schon ernsthafter Personalmangel haben die Situation seither verschärft.

 

Gesellschaftlicher Wandel

Bei aller Kritik, dass das neue Gesetz viel zu locker formuliert sei und es keine Strafen für eine Nichtbefolgung gibt, sehen viele die Novelle als pragmatischen Anfang für eine längst überfällige gesellschaftliche Veränderung.

Man erwartet, dass Firmen, die sich verweigern, zumindest einen Imageschaden erleiden. Und die Frauen können durch die Veröffentlichung von Quotenzielen jetzt immerhin erkennen, welche Unternehmen in dieser Frage besonders fortschrittlich sind und ihnen Chancen bieten.

AUF EINEN BLICK

Frauenquote. Japans konservativer Premier, Shinzo Abe, hat ein Gesetz auf den Weg gebracht, das die Gleichstellung der Frau im Berufsleben fördert. Firmen mit mehr als 300 Angestellten sollen eine Mindestzahl an weiblichen Führungskräften bekommen. Wer die Zielsetzung erreicht, wird bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen bevorzugt. Damit soll der Anteil der Frauen in Managerpositionen von derzeit elf auf 30 Prozent im Jahr 2020 steigen. Rund 70 Prozent der Japanerinnen geben nach dem ersten Kind ihren Job auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2016)