„Dunkelstein“: Der Rabbiner als letzter Retter

Entscheidungen über Leben und Tod: Michael Gruner spielt den Rabbi Saul Dunkelstein.
Entscheidungen über Leben und Tod: Michael Gruner spielt den Rabbi Saul Dunkelstein.(c) Nick Mangafas

Mit großer Sensibilität inszenierte Frederic Lion „Dunkelstein“ von Robert Schindel, das schlaglichtartig Schicksale von Juden in Wien während der Nazizeit zeigt.

Hätten sich die Juden gegen die Vernichtung durch die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg stärker wehren können? Mit dieser Debatte beginnt das Drama „Dunkelstein“ von Robert Schindel, das bereits 2010 erschienen ist. Pläne im Volkstheater zerschlugen sich damals. Nun ist es doch zur Uraufführung gekommen – am Dienstag im Theater Nestroyhof Hamakom, in einer sensiblen Inszenierung von Frederic Lion, zu der auch die Musik von Lukas Goldschmidt passt. Lion hat dieses episodische, didaktisch bemühte Stück erheblich gekürzt, die Rahmenhandlung mit jüdischen Komparsen bei einem Hollywoodfilm über die Shoa fast völlig ausgespart und sich auf das Wesentliche der Jahre kurz vor und nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich konzentriert.

Am Anfang aber kommen die Komparsen vor, schemenhaft sieht man sie hinter leichtem Vorhang. Ein junger Mann behauptet, er hätte sich nicht kampflos ergeben. Er sitzt auch mit Überlebenden zusammen, die damals den Horror miterlebten und das Dilemma besser kennen als er. Wie geht man mit dem absolut Bösen um? Darf man sich mit ihm auf Zusammenarbeit einlassen?

 

Die Zusammenarbeit mit den Nazis

Der Vorhang wird beiseite gezogen, wir befinden uns in Wien – 1936, 1938, 1941 . . . meist ganz nahe auch dem Ort der aktuellen Aufführung im zweiten Bezirk. In knapp zwei Stunden erfährt man schlaglichtartig die Schicksale jüdischer Familien, die flüchten konnten oder in Konzentrationslager kamen, wo die meisten ermordet wurden. Im Mittelpunkt der Handlung steht der Rabbiner Saul Dunkelstein (Michael Gruner), der mit anderen in der Israelitischen Kultusgemeinde von einem SS-Offizier namens Linde (Alexander Julian Meile) dazu gezwungen wird, eine effiziente Abschiebung der Juden und später ihre Deportation zu ermöglichen. Das Motto des Rabbiners: „Wer ein Leben rettet, rettet die Welt.“ Er scheint bereits alles zu wissen, was kommt, ahnt 1938 den Holocaust, handelt entsprechend konsequent. Er kooperiert mit den Nazis, kämpft zäh um jedes Leben.

Linde ist eine Variation auf Adolf Eichmann, dessen Karriere als Adolf Hitlers willigster Vollstrecker damals in Wien begann. Meile spielt ihn schneidig, ohne Dämonie. Dunkelstein ist an der historischen Figur von Benjamin Murmelstein (1905–1989) angelehnt, über den Claude Lanzman den Doku-Film „Der Letzte der Ungerechten“ drehte. Gruner ist fantastisch anzusehen in der Wiedergabe dieses mürrischen, zweifelnden, verzweifelten Mannes, der nach dem Krieg als Kollaborateur angefeindet wurde. Er kam aus Wien als Judenältester ins KZ Theresienstadt und setzte nach eigener Aussage fort, was er auch in Wien bezweckte: Rettungen.

 

Der Autor wurde vor dem Tod bewahrt

Nicht alle sehen das, wenn sie von Dunkelstein brutal mit der Realität konfrontiert werden – Widerstandskämpfer wie auch Juden, die den Horror nicht wahrhaben wollen, Angepasste wie Couragierte. Sie werden von Lilly Prohaska, Dolores Winkler, Florentin Groll, Rouven Stöhr, Heinz Weixelbraun und Eduard Wildner durchwegs überzeugend gespielt. Statt eines großen dramatischen Bogens sieht man Miniaturen – Hass, Hoffnung, Demütigung, Liebe, Angst, Begehren . . .

Was aber ist Wahrheit? Klug bleibt sie hier sinfonisch. „Dunkelstein“ kann auch als Rehabilitierung Murmelsteins gelesen werden. Dazu gibt es einen realen Grund. Nebenbei geht es hier um die Rettung eines Babys, das von Beginn an eine Odyssee durchmacht. Am Ende, in Theresienstadt, bewahrt Dunkelstein es vor der Ermordung. Zuletzt gerettet. Der Vorhang geht zu. Im Nachspann folgt eine Erhellung, die rührt: Dieser Säugling ist der Autor des Stücks, Robert Schindel. Er verdankt dem Judenältesten im KZ sein Leben. Es ist gut, dass es ihn gibt.

Termine im Theater Nestroyhof: 3. bis 5. und 9. bis 12. März, 20 Uhr. Robert Schindels Drama „Dunkelstein. Eine Realfarce“ ist bei Haymon erschienen. 124 Seiten, € 17,90.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2016)