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Trends 2016: Langsam in die Zukunft

Harry Gatterer, der Geschäftsführer des Zukunftsinstituts, spricht im Interview über langsame Innovation und gemeinschaftliches Bauen.

Er sei stets optimistisch, sagt

Herr Gatterer, Sie blicken in die Zukunft der Immobilienwelt. Was sehen Sie?
Die Immobilienindustrie erlebt in ihren Entwicklungen eine Verspätung von etwa 15 bis 20 Jahren, und das ist auch nachvollziehbar: Um Immobilien zu entwickeln, folgen Sie dem Kapital, viele unterschiedliche Gewerke sind notwendig, rechtliche Rahmen zeigen sich hart, und die Förderungen – zum Beispiel von der Stadt – sind konservativ. Das alles erzeugt kein innovationsfreundliches Klima. Es wird vorsichtig entwickelt. Und auch die involvierte Baubranche ist nicht gerade fortschrittlich.

Das heißt: Innovation wird gescheut.
Wohnen und Bauen sind eng mit essenziellen Fragen des privaten wie gesellschaftlichen Lebens verknüpft. Ein zentraler Aspekt für langfristige Immobilienentwicklung sind deswegen die Lebensstile der Bevölkerung, und die verändern sich enorm. Klassische Rollenbilder sind zu Klischees geworden. Mann, Frau, Familie – alles Begriffe, die zur Disposition stehen. Nahezu 70 Prozent der österreichischen Haushalte sind Ein- oder Zweipersonenhaushalte. Nur mehr in jedem dritten Haushalt gibt es Kinder. Eine Heerschar älterer Menschen will wohnen in Würde mit einem kommunikativen Anschluss an die Welt, zu anderen Generationen. Das Modell Altersheim wird in 20 Jahren weit weniger Bedeutung haben, als viele heute glauben. Und all das führt zu neuen Wohnbedürfnissen.

Was sind die Folgen dieses Rückstandes in der Industrie?
Es führt letztlich dazu, dass wir die notwendigen räumlichen Konsequenzen des aktuellen gesellschaftlichen Wandels eben erst in 15 bis 20 Jahren umgesetzt sehen werden. Als Beispiel: Auf die Notwendigkeit verkleinerter Haushalte durch die kleinere Anzahl an Menschen, die in ihnen leben, wird erst heute reagiert – und das ist eigentlich eine Entwicklung, die sich vor 20 Jahren vollzogen hat.

Welche dieser Notwendigkeiten gäbe es denn im Moment?
Es geht um viel mehr Mischprojekte. Gemischte Nutzung, unterschiedliche Nutzungsdauer von Wohnungen, die Möglichkeit von Anpassungen, wenn sich im Leben etwas ändert. Es geht um Diversifikation, Vielfalt und Flexibilität in einem noch lang nicht vorhandenen Ausmaß. Und es geht um universales Design, das sich erst langsam, aber immer deutlicher durchsetzt. Etwa, dass Menschen in Wohnungen leben können, auch wenn sie nicht mehr alle Treppen schaffen. Ich bin überzeugt, dass Investoren da sein werden, die in Wohnprojekte investieren, die auch neuere Dimensionen und Formen haben – wenn sie spüren, dass es da echten Bedarf gibt. Das ganze Problem ist eben eher diese Verzögerung: dass nicht dann, wenn der Bedarf da ist, sofort darauf reagiert wird. Aber Immobilien sind einfach immer auch langsame Projekte – in der Planung, in der Umsetzung.

Welche Trends sehen Sie noch?
Für mich ist das gesunde Wohnen ein Thema. Gesundheit ist zu einer Art Ersatzreligion geworden, und in einer sehr komplexen Gesellschaft muss man robust sein – auch um Dingen wie Leistungsdruck und Informationsüberschuss standzuhalten. Um gesund zu sein, müssen vor allem in den Städten Faktoren wie Lärm, Licht und Luftqualität geklärt, Bewegung in den Alltag integriert werden. Ich bin überzeugt davon, dass wir eben einmal Objekte ohne Rolltreppe bauen – damit man zur Bewegung motiviert wird. Die Sehnsucht nach Gesundheit ist im Bewusstsein der Menschen schon erwacht.

Auf welche Lebensstilveränderungen sollte man jetzt als Entwickler, als Planer achtgeben?
Zuallererst: auf das Phänomen der Entgrenzung. Denn unsere Welt hat durch ihre zunehmende Fragementierung die Tendenz, dass Grenzen aufgelöst werden. Das klingt kryptisch, aber: Nehmen wir nur Airbnb, den Internetdienst, der dafür sorgt, dass Menschen ihren privaten Wohnraum auch anderen zur Verfügung stellen. Das führt dazu, dass man nicht mehr ganz genau sagen kann: Was ist nun wirklich privat? Und was ist zumindest halb öffentlich? Welche Rechte sind für so ein Verhältnis anzuwenden, welche Normen? Muss eine Wohnung nun den Richtlinien von Hotels entsprechend ausgestattet werden, zum Beispiel beim Brandschutz? Ein anderes Beispiel ist die Nutzung von Raum im privatesten Sinn: Immer öfter sehen wir, das Menschen ihren Wohnraum auf externe Räume ausdehnen. Das häufigste Beispiel sind die externen Lagerräume, mit denen ich den fehlenden Keller der Wohnung zukaufe. Es ist also eine permanente Vermischung der Dimensionen. Das löst herkömmliche Grenzen auf und fordert letztlich von uns allen eine Neudefinition des Begriffs. Es ist kein Wunder, dass wir gerade jetzt so viel über Grenzen, Grenzschutz und so weiter sprechen. Was wir im Außen – durch die Flüchtlingskrise evoziert – erleben, beschreibt eine eigentliche innere Auseinandersetzung mit uns selbst und als Gesellschaft.

Das ist ein sehr weit gefasstes Bild.
Diese philosophische Dimension des Wohnens wird im Moment außer Acht gelassen, sie scheint esoterisch. Aber immer häufiger werden wir diese Diskurse führen müssen. Weil das 21. Jahrhundert vor allem einen Umgang mit Paradoxien fordert.

So streben Menschen etwa im Moment stark nach Sicherheit . . .
Der Wohnraum ist Schutzinsel und halb öffentlicher Raum zugleich, ebenfalls eine Paradoxie. Dieses Sicherheitsdenken wird uns aber auch anderen Menschen nahebringen. Man wird sich gegenseitig unterstützen, neue Verbünde knüpfen, einander helfen. Abschotten werden wir uns nicht.

Sie meinen damit Dinge wie generationenübergreifendes Wohnen oder Genossenschaften?
Eine gemeinnützige Kraft – eigentlich müsste man sagen: eine Form der Empathie – wird gerade in der Gesellschaft wach, und die ist lösungsorientiert. Die Gesellschaft ist hochkomplex und erwartet keine Lösungen mehr von außen – man ist da desillusioniert, im besten Sinn. Man hat nicht mehr die Illusion, dass da jemand kommt, der schon alles richten wird, sondern man weiß, dass man alles selbst richten muss. Man hilft sich gegenseitig statt einander zu schaden.


Das klingt auch nach Unterstützung über soziale Grenzen hinweg.
Die empathische Kraft übersteht den Lauf der Zeit am besten. Das heißt nicht, dass es nicht Stress geben kann, dass es Krisen gibt – auch bei der Frage, wie viel Raum uns zur Verfügung steht und wie wir ihn nutzen können. Wenn wir auf die nächsten 30 Jahre schauen, dann haben wir allein durch die demografischen Entwicklungen diesen Stress aber gar nicht so sehr. So stark wachsen wir ja nicht mehr. Außer durch den Zuzug. Hätten wir den Zuzug nicht, würden wir schon längst schrumpfen. Das muss uns auch bewusst sein.

Und Sie denken, dass Verteilung von Wohnraum keine Frage der finanziellen Mittel ist?
Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt! Wenn wir jetzt ein Problem damit haben, ein paar Häuser aufzustellen, damit jeder Wohnraum zur Verfügung hat, dann haben wir ein echtes Problem. Das ist keine Frage des Geldes, das ist eine Frage der Allokation der Mittel. Wenn man es nur vom Standpunkt eines Mittellosen betrachtet, der sich nichts leisten kann, dann ist das ein Problem. An sich ist es aber keines. Wir haben genug Geld im Umlauf. Wenn wir uns jetzt vormachen, Geld sei ein Problem, dann haben wir ein Problem. Denn dann lügen wir uns an.

Für eine Stadt wie Wien prognostizieren Sie also nicht, dass Viertel aufgrund ihrer Bevölkerungsstruktur abgekapselt werden? Es gibt immerhin die Fantasie, dass Hietzing zur Gated Community werde . . .
Ich glaube sogar, dass Wien gute Voraussetzungen hat, dass es eben nicht so wird. In Wien gibt es einfach keine Quartiere, die per se abgegrenzt sind, auch nicht historisch. Natürlich kann man fragen: Was ist mit dem 16., was ist mit dem Zehnten, was ist in Simmering draußen, was passiert da? Aber gleichzeitig ist es immer noch in den, sagen wir einmal, problematischeren Bezirken durchmischt. Trotzdem gibt es dort ein relativ durchmischtes Miteinander, das Wien traditionell einfach hat. Die Extreme werden wir deswegen nicht erleben.

Wenn Sie von Dingen wie dem gesunden Wohnen oder Mischnutzungsprojekten reden, klingt es danach, als würde das zuallererst in „besseren“ Bezirken passieren. Ist der Zugang zu solchen Innovationen denn für alle möglich?
Vielleicht muss man da ein bisschen differenzieren. Wenn wir über Trends reden, hat das nie den Anspruch, dass das alle betrifft, sondern dass es Strömungen sind. Es gibt immer das Momentum einer kritischen Masse, in dem eine Entwicklung überschwappt auf nahezu alle. Das passiert natürlich nicht gleich dann, wenn eine Entwicklung beginnt. Was wir beim Zukunftsinstitut tun, ist, solche Entwicklungen zu lesen und in die Wirklichkeit zu übersetzen. Und es ist das Wesen der Zukunft, dass sie uns immer wieder überrascht.

Gibt es Orte, die diese zukünftigen Entwicklungen bereits jetzt schon zu einem großen Teil umgesetzt haben?
Es gibt ja immer solche Hotspots. Das Cohousing, also das private Wohnen mit vielen gemeinschaftlich genutzten Einrichtungen, kommt aus Dänemark und wird auch in Holland sehr gut praktiziert. Das greift jetzt auch auf Deutschland über – dort passiert gerade etwas Interessantes, denn in Deutschland ist die Form der Genossenschaften schon lange Zeit etabliert. Und Genossenschaften haben ja die Idee der Gemeinnützigkeit – auch wenn sie jahrzehntelang wie normale, private Bauträger gearbeitet haben. Die haben jetzt ihr Wesen wiedererkannt und sagen: Stimmt eigentlich, wir sind gemeinnützig, warum nicht auch den Wohnbau in diese Richtung entwickeln? Also gibt es in Deutschland immer mehr Projekte, die Orte der Gemeinschaft aufbauen, Community Places.