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Eine Kultur der Verrohung macht sich breit in Europa

Der Stammtisch ist im Diskurs über Flüchtlinge salonfähig geworden.

Seit Europa konfrontiert ist mit einer Anzahl von Einwanderern, sind in der Öffentlichkeit neue Diskussionsfelder aufgetaucht, die es bisher nicht gegeben hat. Einige der Ideen wären noch vor einem Jahr undenkbar und unsagbar gewesen. Es wird ernsthaft diskutiert, ob der Befehl, auf Flüchtende zu schießen, eine Option ist, ohne dass ein kollektiver Aufschrei erfolgt vonseiten der NGOs, Linken, Grünen, Parteien, Kirchen, Gutmenschen. Allenfalls macht man sich im Netz darüber lustig.

Europol hat festgestellt, dass Tausende Minderjährige abgängig und von Versklavung bedroht sind, dass sie vermutlich als unbezahlte Arbeitskräfte eingesetzt und für rechtswidrige sexuelle Dienstleistungen missbraucht werden. All das geschieht mitten in Europa. Der Aufschrei unterbleibt ebenfalls.

Ein verbaler Wandel ist auch festzustellen, neue Worte, genauer: Euphemismen werden erfunden und eingeführt, Zäune heißen „Türln mit Seitenteilen“, Grenzkontrollen nennt man Grenzmanagement, Obergrenzen heißen Richtwerte. Ganz nebenbei wird der großartigen Idee von Europa das Grab geschaufelt. Der Aufschrei bleibt aus.

 

Das Ritual der Mülltrennung

Wir leben in Zeiten, in denen die fehlerfreie Beherrschung des Rituals der Mülltrennung zum allgemein anerkannten und nicht hinterfragten Kriterium dafür wird, ob jemand dazugehört – die Sortierung von Abfall als Ritual der Initiation in die westlichen Staaten. Ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ist man aber noch lange nicht, wenn man die willkürlich vorgegebenen Regeln anwendet, die ja auch lokal unterschiedlich sind und morgen aus nicht nachvollziehbaren Gründen, von oben verordnet, geändert werden können. Es stinkt in Europa.

Ein weiteres merkwürdiges soziales Phänomen: Männer mutieren scharenweise zu bekennenden Feministen – und zwar je konservativer und rechtslastiger umso lautstärker. Auf den ersten Blick wären das ja begrüßenswerte Entwicklungen, wenn man nicht auf den zweiten Blick durchschauen müsste, dass es ihnen weniger darum geht, Frauenrechte zu stärken, als das eigene Besitztum vor fremder Vereinnahmung zu schützen.

 

Nationalismus ist wieder schick

Damit zusammenhängend wird vielerorts ein neuer Nationalismus gerade schick, wie es ihn in Ungarn schon länger gibt, den wir jedoch in Österreich in den vergangenen Jahrzehnten überwunden glaubten. In Deutschland brennen fast schon täglich Unterkünfte von Asylwerbern. Die besorgten Bürger meinen: „Das wird man doch noch sagen dürfen“, wenn Nordafrikaner als Kollektiv sexueller Übergriffe bezichtigt werden, wenn Kriegsflüchtigen ihre Smartphones geneidet werden, wenn Syrer, Iraker und Afghanen pauschal als rückständige, ungebildete Frauenunterdrücker dargestellt werden.

In Medien und sozialen Netzwerken outen sich stramme Liberale als Nationalliberale und ehemals zuverlässige Linke als Linksnationale: Grenzen dicht, Scheuklappen vor, unsere Werte mit der Waffe verteidigen.

Gegensätze und Abgründe tun sich auf, der Stammtisch ist salonfähig geworden. Asylrecht, Europäische Menschenrechtskonvention, Genfer Flüchtlingskonvention – Übereinkünfte, die nur noch auf dem Papier existieren, sind zu inhaltslosen Worthülsen verkommen; sie füllen nur noch politische Sonntagsreden und schöngeistige Feuilletons. Die paar reichsten Länder der Welt schämen sich nicht mehr, Menschen, die um ihr nacktes Überleben kämpfen, die Aufnahme zu verweigern, Angela Merkel wurde alleingelassen.

Ingrid Thurner, Dr. phil., ist Ethnologin und Publizistin, lehrt, forscht und schreibt zu den Themen Mobilitäten, Fremdwahrnehmungen und Anthropologie des Islam.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2016)