Haushaltspolitik: „Prügelknabe“ Ungarn holt kräftig auf

(c) EPA (Laszlo Beliczay)
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In Osteuropa stand Polen bisher stets am besten da – nun wendet sich das Blatt. Für Ungarn rechnen Experten der EU heuer mit einem Minus von 3,4 Prozent.

wien (Bloomberg/red.). Ungarn gehört zu den Ländern Osteuropas, die bereits vor der Wirtschaftskrise in eine schwere finanzielle Notlage schlitterten. Ein hohes Haushaltsdefizit und überbordende Staatsschulden brachten es bereits im vergangenen Herbst an den Rand der Zahlungsunfähigkeit. Im Oktober 2008 sagten EU, Weltbank und der Internationale Währungsfonds Nothilfen von 20 Mrd. Euro zu – verbunden mit Vorgaben zu rigiden Sparmaßnahmen.

Es sieht so aus, als hätte sich der eingeschlagene Sparkurs nun ausgezahlt, wie ein Vergleich mit dem bisherigen „Musterschüler“ Polen zeigt. So erwartet die EU in Ungarn eine bessere Entwicklung in der Fiskalpolitik. In Polen wird ein Defizit von 6,6 Prozent des BIP für 2009 und 7,3 Prozent für 2010 erwartet. Für Ungarn rechnen Experten der EU mit einem Minus von 3,4 Prozent für heuer und 3,9 Prozent für das kommende Jahr. Die OECD erwartet allerdings für Ungarn bereits im kommenden Jahr einen Überschuss in der Größenordnung von 0,6 Prozent des BIP.

Neben Litauen bekamen beide Länder eine Aufforderung aus Brüssel, ihre Haushaltsdefizite zu reduzieren. Gegenwärtig ist Ungarn dabei, die Staatsausgaben innerhalb von zwei Jahren um 6,7 Mrd. Dollar zu senken. Dagegen wird Polens Defizit heuer mit 27 Mrd. Zloty (sechs Mrd. Euro) um 50 Prozent höher ausfallen als geplant. Zugleich hat der ungarische Forint in den vergangenen drei Monaten gegenüber dem Euro um 8,5 Prozent zugelegt, der Zloty dagegen nur um 2,5 Prozent. Zwar ist die Bonitätsbewertung Ungarns nach wie vor negativer als jene von Polen. Standard & Poor's bewertet Polen mit „A–“, also sechs Stufen unter der Spitzennote, Ungarn mit „BBB–“, eine Stufe über der „Ramschkategorie“. Auch die Bewertungen der Ratingagenturen Moody und Fitch fallen ähnlich aus. Doch unter den Investoren schlägt die Stimmung langsam zugunsten Ungarns um. Galt Polen bisher als bestes Investitionsziel in Osteuropa, raten Strategen jetzt, diese Haltung zu überdenken.

Abkehr vom Sparkurs?

„Die ungarische Regierung tut sicher alles, um eine Krise zu vermeiden und die geforderten Reformen durchzuführen. Polen entwickelt sich in vielerlei Hinsicht in die entgegengesetzte Richtung“, meint Angus Halkett von der Deutschen Bank. Allerdings tendieren die Risken laut S&P-Analyst Kai Stukenbrock immer noch ins Negative. Ungarns Verschuldung dürfte auf 84 Prozent vom BIP steigen. Auch könnten die nächsten Wahlen im Frühjahr 2010 eine Abkehr vom Sparkurs bringen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2009)

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