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Österreichs Anti-Asyl-Kampagne verwundert Afghanen

Innenministerin Mikl-Leitner bei der Präsentation der Info-Kampagne
Innenministerin Mikl-Leitner bei der Präsentation der Info-KampagneAPA/HERBERT PFARRHOFER

Die meisten Afghanen würden nicht nach Österreich, sondern nach Deutschland wollen, lautet der Tenor im Land. Auch Norwegen, Finnland und Dänemark schalten Werbespots, um von einer Flucht abzuraten.

Die diese Woche von Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) vorgestellte Info-Kampagne in Afghanistan ist online gestartet. Ab Montag werden auch im Fernsehen, auf Billboards oder auf Bussen Slogans wie "Österreichs Asylrecht noch strenger" zu lesen sein. Damit soll die Bevölkerung von der Flucht abgehalten werden. Bei Afghanen in Kabul stößt sie auf Verwunderung bis Schulterzucken. Kaum jemand kann sich einen Erfolg der Kampagne vorstellen.

"Wenn das zehn Afghanen davon abschreckt, von hier wegzugehen, wird das viel sein", sagt Maryam, eine Studentin in Kabul, die die Meinung der überwiegenden Mehrheit ausdrückt. Denn einerseits kenne sie niemanden, der vor seiner Flucht dezidiert geplant hätte, nach Österreich zu gehen. "Alle wollen nach Deutschland." Tatsächlich aber wurden im Vorjahr 88.912 Asylanträge in Österreich gestellt, am meisten von Afghanen (25.475), gefolgt von der Gruppe der Syrer. (>>> mehr zu den aktuellen Asylantragszahlen). Zum Vergleich: In Deutschland stellten Afghanen vergangenes Jahr 31.380 Erstanträge.

Zugute hält die Studentin der Kampagne aber zumindest, dass sie auf sozialen Medien laufe. Denn viele Afghanen ließen sich von fröhlichen Bildern von Afghanen in Europa auf Facebook und Co. beeindrucken. Es seien vor allem die Geschichten jener, die es geschafft haben, die heute überall auch auf Verlobungsfeiern oder Hochzeiten erzählt würden. Jene, die unter schwierigen Bedingungen in Flüchtlingsheimen leben, posaunen dies nicht hinaus - das käme einem Gesichtsverlust gleich.

Kampagnen von Australien, Finnland oder Deutschland

Österreich ist dabei nicht das erste Land, das versucht, Afghanen mit einer Werbekampagne von der Flucht abzuhalten. Viele Afghanen erinnern sich an eine 550.000-Dollar-teure Kampagne Australiens vor zweieinhalb Jahren, für die ein aufwendiger Spot gedreht wurde, in der ein Afghane über die Probleme durch seine Flucht erzählt. Die Nachricht an die Afghanen lautete: Flüchte nicht mit einem Boot nach Australien - denn wenn du es tust, sitzt du jahrelang fest und kommst mit Schulden zurück in die Heimat. Bereits mit dem Beginn der Kampagne zweifelten Nichtregierungsorganisationen und Experten an einem Erfolg. Zu Recht - denn der überwiegende Großteil der Afghanen dachte sich: Gut, dieser eine Mann hat es nicht geschafft. Das müsse aber nicht auf sie zutreffen.

Auch Norwegen, Finnland, Dänemark und seit November Deutschland versuchen - wenn auch mit weniger aufwendigen - Werbespots, Anzeigen in sozialen Medien und auf Billboards in den afghanischen Städten Flüchtlinge abzuschrecken. Oder - wie es vonseiten der Kampagnenbetreiber zumeist heißt - die Menschen über alle Aspekte der Flucht aufzuklären.

Inspiration, um in der Heimat zu bleiben

Bei Brancheninsidern ist zu hören, dass derartige Kampagnen oft ihre Wirkung verfehlen. "Der Großteil operiert mit sehr allgemeinen Botschaften. Das ist natürlich gut für das heimische Publikum der Länder, die sie schalten, aber nicht für die Afghanen", sagt Parwiz Kawa, Chefredakteur der größten afghanischen Zeitung "Hasht-e Sobh". Man müsse die Botschaften den Gegebenheiten vor Ort anpassen. Für Afghanistan hieße das, dass man die Menschen am besten erreiche, wenn man sie nicht nur grob abschrecke, sondern ein emotionales Element hinzufüge. Etwas, dass sie dazu anrege und inspiriere, in ihrer Heimat zu bleiben.

Laut Kawa habe sich die Anzahl der Flüchtlinge aus Afghanistan in den vergangenen Wochen minimal verringert. Das führt er aber nicht auf die Kampagnen der europäischen Länder zurück, sondern auf die kalte Jahreszeit, Berichte über auf der Flucht ertrunkene Afghanen und von den Geschehnissen an der griechisch-mazedonischen Grenze. Die große Fluchtbewegung sieht er aber längst nicht vorüber. "Die Welle wird anhalten."

Schützenhilfe von der afghanischen Regierung können sich die europäischen Länder laut Kawa nur minimal erwarten. Präsident Ashraf Ghani oder das Flüchtlingsministerium würden zwar in lokalen Medien nun immer stärker und öfter dafür eintreten, dass die Afghanen zuhause bleiben sollen. Sie würden aber nicht wirklich etwas tun, um die Wurzeln der Probleme zu bekämpfen, etwa Arbeitsplätze schaffen. "Die politische Führung beschränkt sich darauf, zu sagen: Geht nicht weg."

Sicherheitslage verschlechtert sich weiter

Dass sich die Sicherheitslage ständig weiter verschlechtert, belegen die jüngsten Opferzahlen der UNO-Mission in Afghanistan: Sie haben 2015 erneut einen Rekordwert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2009 erreicht. Die meisten Zivilisten wurden bei Bodengefechten zwischen Armee und islamistischen Aufständischen getötet. An zweiter Stelle jedoch folgen bereits gezielte Tötungen von Einzelpersonen durch die Taliban, ein Plus von rund 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Experten rechnen den Anstieg auch dem Faktum zu, dass es mit dem Abzug der internationalen Truppen weniger harte Angriffsziele gebe und die Aufständischen nun auf weiche Ziele ausweichen. Rund 30 Prozent des Territoriums gilt heute als von den Taliban kontrolliert.

Auch wenn die meisten Afghanen der österreichischen Kampagne keine Aussicht auf Erfolg prophezeien, so gibt es doch Bürger, die sie begrüßen. "Solche Kampagnen sind wichtig und richtig, denn diese Massenflucht ist ein Problem für die Europäer und die Afghanen", sagt Habib Hamizada, Mitglied der zivilgesellschaftlichen "Bewegung gegen Arbeitslosigkeit". "Ja, das Leben in Afghanistan ist hart, trotzdem ist es unser Land", sagt Hamizada. Es könne nicht sein, dass diejenigen, die das Potenzial haben, das Land aufzubauen, um den ganzen Erdball verstreut sind.

(APA/Veronika Eschbacher)