Waldheim-Affäre: Brisante Lücke in den Memoiren

22. Mai 1943: Oberleutnant Waldheim (zweiter v. l.) erwartet auf dem Flugplatz von Podgorica General Artur Phleps, SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS.(C) „Presse“/Archiv

Österreichs VP-Präsidentschaftskandidat 1986 unter der US-Lupe. Den Kriegsdienst in Jugoslawien und Griechenland hatte der UN-General verschwiegen.

Als am 2. März 1986 das Nachrichtenmagazin „Profil“ die Story brachte, wonach Kurt Waldheim als Student einer SA-Reiterstandarte in der Konsularakademie und dem NS-Studentenbund angehörte, gingen die Wogen im In- und Ausland hoch. Der frühere ÖVP-Außenminister und spätere UN-Generalsekretär kandidierte für das höchste Staatsamt in Österreich („Die Welt bis gestern“, 27. Februar 2016).

In Amerika liefen zu dieser Zeit die Recherchen längst auf Hochtouren: Wann, wie und wo hatte der Mann in der deutschen Wehrmacht bis 1945 gedient, warum hatte er vierzig Jahre lang diese Zeit – auch in seinen Memoiren – nur so kursorisch abgetan?

 

Was geschah in Griechenland?

Schon am 4. März berichtete die „New York Times“, Waldheim habe 1942 und 1943 in einer Wehrmachtseinheit gedient, die gegen Partisanen brutal vorgegangen sei und massenweise griechische Juden in deutsche KZs deportiert habe. Als Quellen nannte das Blatt deutsche Militärakten, österreichische Militärarchive und vom Jüdischen Weltkongress zur Verfügung gestellte Dokumente.

Auch ein Foto tauchte am selben Tag auf. Es zeigte den Oberleutnant Waldheim im Mai 1943 mit dem Waffen-SS-General Artur Phleps. Der Altösterreicher und Generalstäbler Phleps war 1942 an der „Aktion Schwarz“ beteiligt: Partisanenbekämpfung im besetzten Jugoslawien mit Massakern an ungezählten Zivilisten.

Waldheim und seine Wahlkampfhelfer reagierten panisch. Und falsch: Er sei Ordonnanzoffizier und Dolmetscher gewesen, er habe keinerlei Befehlsgewalt besessen. Von Massakern sei ihm nie etwas bekannt gewesen. Der Jüdische Weltkongress legte nach: Waldheim habe seine Verwendung im Stab des (österreichischen) General Löhr ebenso verschwiegen wie seine Anwesenheit in Saloniki im März 1943 während der dortigen Deportation von 2000 bis 2500 Juden. Edgar Bronfman, Präsident des WJC, nannte dies „eine der am meisten ausgearbeiteten Täuschungen unserer Zeit“. Da kam es Waldheims Verteidigern in der Heimat gerade recht, dass Bronfman Chef des größten US-Branntweinkonzerns war.

 

Die Zvonimir-Medaille

Am 10. März berichtete das „Profil“ erstmals über Waldheims Funktion bei der Abteilung Ic/A“ im Generalstab der Heeresgruppe E (Löhr): Das faschistische Ustascha-Regime Kroatiens habe ihm für seine Verdienste bei der Partisanenbekämpfung die Zvonimir-Medaille mit Silber und Eichenlaub verliehen. All das war selbst für Waldheims engste Entourage völlig neu.

Bis zu seiner Wahl als Bundespräsident (8. Juni) bezeichnete der WJC deshalb Waldheim als einen „mutmaßlichen Kriegsverbrecher“. Dass dies „Nazi-Jäger“ Simon Wiesenthal in Wien heftig in Abrede stellte („keinerlei Beweise, untergeordneter Kanzleiposten“), wog angesichts des hitzigen Streits wenig. Der wurde einfach als ÖVP-Parteigänger abqualifiziert. Daraufhin schwächte Elan Steinberg vom WJC im „Profil“-Interview am 24. März 1986 wieder etwas ab: Der Mann habe gelogen, was seine Dienstzeit betraf, „aber er ist kein Kriegsverbrecher – zumindest soweit wir bis jetzt wissen“.

Israel Singer (WJC) focht dies nicht an: „Wenn er nicht bis zu seiner Wahl die Vergangenheit rücksichtslos und lückenlos offenlegt, wird dies ihn und jeden Österreicher die nächsten Jahre verfolgen. Die Aktionen gegen Waldheim werden sechs Jahre lang dauern.“

Waldheim gab Interviews und Pressekonferenzen am laufenden Band. Tenor: Er habe nie einen Partisanen und Juden mit Judenstern gesehen, da er als Kriegsversehrter nur noch als Verbindungs- und Ordonnanzoffizier Schreibarbeit geleistet habe. Er habe nichts von Judendeportationen aus Saloniki wissen können, da er von November 1942 bis Mitte April 1943 einen Studienurlaub in Österreich verbracht habe. Er fühle sich für das Leiden der jüdischen Bevölkerung unter dem NS-Regime nicht verantwortlich; mit den Pauschalvorwürfen an „die Österreicher“ müsse „endlich Schluss sein“.

Und dann kam der Satz, der heute noch oft zitiert wird: „Ich war kein Nazi, ich habe keine Kriegsverbrechen begangen . . . Ich habe im Krieg nichts anderes getan als Hunderttausende Österreicher auch, nämlich meine Pflicht erfüllt.“ Der Jüdische Weltkongress, so vertraute er der „Presse“ an, greife ihn vielmehr wegen seiner Nahostpolitik als einstiger UN-Generalsekretär an.

In seinen zehn Jahren als oberster Beamter der Weltorganisation (1971–1981) gab es drei UN-Resolutionen, die Israel der militärischen Aggression beschuldigten und Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten verurteilten. 1975 brandmarkten die UN den Zionismus als Rassismus (das wurde 1991 zurückgenommen).

 

„Mister Plumpudding“

Israel und die USA waren von Waldheim bitter enttäuscht. Sie waren ganz sicher, der oberste Diplomat werde mit seiner bekannt glatten Unverbindlichkeit („Mister Plumpudding“, so sein Spitzname) diese Beschlüsse verzögern, verhindern oder schubladisieren können. Das gelang ihm nicht. Zuletzt zog er sich den Zorn Jerusalems und Washingtons zu, als er Jassir Arafat vor der UN-Vollversammlung auftreten ließ. Der Palästinenserführer verlangte 1974 mit umgeschnallter Pistole die Gründung eines eigenen Staates. „Als ob der Gangsterboss Al Capone vor dem Obersten Gericht der USA über Moral und Anstand dozieren würde“, urteilte ein israelischer Diplomat damals.

Im österreichischen Wahlkampf vor dreißig Jahren, bei dem es um ein weltpolitisch völlig uninteressantes Amt ging, erwies sich wieder: Mit der halben Wahrheit schafft man selten den ganzen Weg.

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