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Reissäcke sind uns egal. Aber was, wenn in China eine Bank umfällt?

Die nächsten Schritte des postsozialistischen Giganten in Richtung Marktwirtschaft sind von enormer Bedeutung – auch für uns.

Wien und Peking sind rund 7500 Kilometer voneinander entfernt. Eine Flugreise zwischen beiden Hauptstädten dauert mindestens zehn Stunden. China hat nur eine Partei, in Österreich gibt es deren sechs. China ist riesig, Österreich winzig – und es konnte uns bisher herzlich egal sein, wenn in China ein Sack Reis umfällt.

Aber die viel gedroschene Phrase von der „globalisierten Welt“ ist so unberechtigt auch wieder nicht. Seit Monaten herrscht in Wien, London, New York und Moskau Angst vor einer neuen Finanzkrise, ausgelöst von diesem wackeligen Riesen, der uns irgendwie immer näher rückt.

Heute telefonieren wir mit Handys aus chinesischen Fabriken, tragen Kleidung made in China, und wer weiß, vielleicht ziehen bald chinesische Loks unsere Güterzüge durchs Land? Ja, sogar geografisch wirkt die Distanz zwischen Heldenplatz und Tian'anmen-Platz plötzlich viel geringer, wenn man bedenkt, dass auf dem Landweg lediglich vier andere Länder zu durchqueren wären: Ungarn, die Ukraine, Russland und Kasachstan.


Klingt irre? In Peking weiß man längst um die Bedeutung dieser Route und träumt von einer neuen Seidenstraße, die Europa und das Reich der Mitte fest aneinanderknüpfen soll. Hunderte Milliarden Dollar ist der chinesischen Führung dieses Projekt wert. In nicht allzu ferner Zukunft sollen Menschen binnen zweier Tage von London nach Peking fahren können – mit dem Zug. Die ökonomischen Implikationen dieses Projekts sind von gigantischem Ausmaß. Hier 500 Millionen Europäer, da 1,4 Milliarden Chinesen.

Dazwischen Hunderte Millionen in Asien und dem Nahen Osten. Nicht umsonst bemüht Peking das farbenfrohe Bild der Seidenstraße und erinnert an diese längst vergangene Phase enger wirtschaftlicher Kooperation auf der eurasischen Landmasse, wo 70 Prozent der Weltbevölkerung und der größte Teil der Rohstoff- und Energieressourcen zu finden sind. Es ist so betrachtet kein Wunder, dass es uns inzwischen sehr interessiert, wie die Lage der Reissäcke in China ist – auch wenn wir damit eher die Banken meinen. Stehen sie noch? Wackeln sie schon? Droht deswegen eine globale Krise? Und was wird die chinesische Führung unternehmen? Die Antwort: Noch ist das chinesische Finanz- und Währungssystem großteils stabil, aber erste Risse sind sichtbar.

Wenn deswegen eine globale Krise droht, dann aber nur, weil der Westen seine eigene noch nicht überwunden – und nicht die notwendige Widerstandskraft entwickelt hat. Denn das chinesische Riesenland und die von Peking durch teils schmerzhafte Maßnahmen geförderte Öffnung für die Probleme unserer eigenen Banken und Unternehmen verantwortlich zu machen, ist ein wenig zu simpel. Genauso war es zu simpel, China nach der westlichen Finanzkrise die Verantwortung für das wirtschaftliche Wachstum auf der Welt umzuhängen.


Es ist doch so: Globalisierung ist (Achtung Phrase!) eben keine Einbahnstraße. In Österreich wurden wichtige Entscheidungen noch vor 20 Jahren in stickigen Räumen hinter verschlossenen Türen getroffen, wo die Mächtigen unter sich waren. Da hat sich einiges getan. Nun ist China beileibe keine Demokratie. Aber auch Chinas einzige Partei kann heute nicht mehr isoliert von der Welt regieren. Chinas Weg ist zudem von der eigenen Geschichte vorgezeichnet. Sowohl von der globalen Marktwirtschaft als auch von den eigenen Erfahrungen.

Denn niemand weiß besser als Sozialisten mit Praxiserfahrung, dass Sozialismus nicht funktioniert. Es ist deswegen wenig überraschend, dass die chinesische Führung jetzt „auf Thatcher und Reagan setzt“, wie die „New York Times“ es formuliert. Aber das sind wiederum nur westliche Zuschreibungen für ein Vorhaben, das so schlicht und einfach noch nie versucht wurde: Xi und Co. müssen den postsozialistischen Giganten sicher über die marktwirtschaftliche Ziellinie bringen – und gleichzeitig aus den Fehlern des Westens lernen, um nicht an Smog und Schulden zu ersticken.

Wir können Peking dabei nur viel Erfolg wünschen – und vielleicht irgendwann die besten Ideen für den eigenen verstaubten Apparat übernehmen.

E-Mails an: nikolaus.jilch@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2016)

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