Vom Segen und Fluch eines großen Gehirns

Große Gehirne ermöglichen Problemlösungsfähigkeit, bergen allerdings auch das erhebliche Risiko auszusterben.

Ist es nicht großartig, gescheit zu sein? Sind wir nicht stolz auf unser leistungsfähiges Gehirn, auf unsere überragenden geistigen Leistungen, die uns über alle anderen Tiere erheben? Tatsächlich scheint Intelligenz beim Menschen sogar unter sexueller Selektion zu stehen. Wissen sichert vor allem die Macht der Eliten; darum rollen deren Köpfe bei Umstürzen meistens als erste. Berauscht von Reflexions- und Sprachfähigkeit, „emanzipierte“ sich Homo sapiens im Laufe seiner Geistesgeschichte von Tieren und Natur. In Selbstüberschätzung und mit zweifelhaften Konsequenzen, wie der Zustand unserer Biosphäre eindrücklich belegt.

Die Vorteile eines großen Gehirns scheinen auf der Hand zu liegen. Jüngste Experimente von Forschern der Uni Stockholm an Fischen zeigten, dass eine starke Selektion Gehirne über wenige Generationen größer werden lassen kann. Warum verhalten wir Menschen uns dann noch allzu oft derart dumm-irrational? Warum verfügen dann nicht alle Tiere über ein ähnlich großes Gehirn wie wir?

Schließlich hatten ja alle heute lebenden Arten seit Beginn der Stammesgeschichte zu dessen Entwicklung gleich viel Zeit. Die geistigen Hochleister unter den Wirbeltieren sind bei den Säugetieren und Vögeln zu finden sind. Dies legt nahe, dass die Entwicklung großer Gehirne neben Zeit auch die Fähigkeit zum Regulieren der Körpertemperatur und eine ökologisch/sozial herausfordernde Umwelt benötigte.

Ist also die menschliche Geistesgier ein typischer Nebeneffekt einer „Mehr hilft mehr“-Mentalität? Wir wissen zwar, dass unser Gehirn zwei Prozent der Körpermasse ausmacht, aber satte 20 Prozent des Grundumsatzes bedingt. Neben diesen energetischen Kosten hemmen aber auch andere Faktoren die Entwicklung großer Gehirne. So wurde schon lang vermutet – und durch die Stockholmer Gruppe untermauert –, dass Hirngröße auf Kosten von Darmsystem und Vermehrung geht. Dem dummen alten Spruch gemäß, dass Dummheit frisst, Intelligenz dagegen säuft – und sich zudem nur moderat vermehrt. Bitte jetzt keine voreiligen Schlüsse in Richtung des Menschen ziehen! Über sieben Milliarden von uns auf der Welt belegen, dass ein großes Gehirn so nachteilig nicht sein kann.

Große Gehirne ermöglichen zwar Problemlösungs- und Anpassungsfähigkeit, bei Fischen, bei Vögeln und bei Säugetieren, bei Letzteren allerdings verbunden mit einem erheblichen Risiko auszusterben. Dies konnte Eric Abelson (UC Los Angeles) in einer großen Vergleichsuntersuchung nachweisen. Man tappt noch im Dunkeln, warum das so ist. Vielleicht behindert ein großes Gehirn das Überleben in Zeiten „ökologischer Flaschenhälse“, ist also nachteilig, wenn es nicht so sehr auf Denkfähigkeit, sondern auf krude Überlebensinstinkte und Energieeffizienz ankommt. Zu viel an komplexem Denken kann Entscheidungen verlangsamen. Nicht selten etwa scheitern Menschen und Betriebe an ihrer Komplexität, die sie daran hindert, rasch einfache Entscheidungen zu treffen. Logik ohne Bauchgefühl wird vom Leben oft bestraft.

Trotz, oder gerade wegen unseres großen Gehirns mag das Anthropozoikum, also die absolute Dominanz der Menschen auf der Erde, noch lang andauern; zumal Abelson fand, dass vor allem die kleinen Säugetierarten mit großen Gehirnen auf der evolutionären Abschussliste stehen. Eine Warnung vor kognitivem Hochmut ist das aber allemal.

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.

Emails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2016)


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