Hallo Nachbar! Neue Wohnmodelle setzen auf mehr Selbstverwaltung und ökologische Vorbildwirkung. Oft sind künftige Mieter sogar in die Planung involviert.
Wenn die Zeiten kälter werden, so heißt es, dann rücken die Menschen zusammen. Ob das immer so stimmt, sei dahingestellt – im Immobilienbereich jedenfalls werden in jüngster Zeit immer öfter Konzepte verwirklicht, die weg von isolierten Wohnwaben und hin zu gemeinschaftlichen Nachbarschaftsstrukturen führen sollen.
Architektonisch äußert sich das häufig in großzügig gestalteten öffentlichen Räumen, wie beispielsweise bei dem im Frühjahr fertiggestellten Wohnhof Orasteig am nördlichen Stadtrand von Wien nahe Stammersdorf.
Neben einer ganzen Reihe von Gemeinschaftseinrichtungen (Veranstaltungssaal, Gruppenräume, Küche, Sauna) verfügt die aus 170 geförderten Mietwohnungen bestehende Anlage über einen großzügig gestalteten Siedlungsplatz, Mieterbeete, Spielplätze und eine Freitreppe, die sich im Sommer für die Nutzung eines Open-Air-Kinos anbietet.
Mitbestimmung durch Wohnbeirat
Da man aus Erfahrung weiß, dass die „Hardware“ allein noch keine Garantie für ein funktionierendes, aktives Miteinander ist, versucht man, die Mieter über ein Mitbestimmungsmodell in die Verwaltung einzubinden und so das allgemeine Verantwortungsgefühl für die Anlage zu stärken. Als Katalysator hierfür fungiert die Agentur „raum & kommunikation“, die die Bewohner im Rahmen eines Pilotprojekts über ein Jahr lang beim Aufbau der notwendigen Strukturen begleitet und unterstützt. Dazu gehört etwa ein demokratisch gewählter Wohnbeirat, in dessen Rahmen die endgültige Funktion von Gemeinschaftseinrichtungen festgelegt werden kann, der Gemeinschaftsunternehmungen organisiert oder die Interessen der Mieter bei der Verwaltung vertritt.
„Das Konzept lehnt sich an die Siedlerbewegung der 1920er- und 1930er-Jahre an“, erklärt Annika Schönfeld von „raum & kommunikation“, die die Aktivitäten zur nachbarschaftlichen Selbstverwaltung im Wohnhof koordiniert. „Durch Gruppen- und Nachbarschaftshilfe hat sich damals in den Siedlungen ein intensives Gemeinschaftsleben entwickelt, das teilweise bis heute fortwirkt.“ Aufgrund erster Erfahrungen gibt sie sich überzeugt, dass das Konzept in seiner modernisierten Form – der neudeutsche Begriff hierfür ist „Community Organizing“ – funktionieren wird: „Es kommt hier so viel positive Energie zusammen, die man einfach nutzen muss.“
Bewohner in Planung involviert
In eine ähnliche Richtung geht das Wohnungsprojekt „Pomali“ in der niederösterreichischen Gemeinde Wölbling, das bis Mitte 2011 rund 60 Bewohnern eine Heimstätte bieten wird. Im Gegensatz zum Wohnhof Orasteig sind hier die künftigen genossenschaftlich organisierten Mieter bereits in den Planungsprozess involviert. „An grobe Eckdaten müssen sich natürlich alle halten“, erklärt Martin Kirchner, Obmann des Vereins „Miteinander Zukunft Bauen“ und Kopf einer aus drei Familien bestehenden Kerngruppe, die das Projekt koordiniert. „Bei der Feinplanung ist aber jeder ernsthafte Interessent eingeladen, seine Vorstellungen einzubringen.“ Ein gemeinsames Bekenntnis zu aktiver Nachbarschaft und ökologischen Werten gilt als Voraussetzung für Bewerbungen. Solche vereinsmäßig organisierten Wohnmodelle, für die sich der Begriff „Cohousing“ eingebürgert hat, haben sich in den USA und Skandinavien sehr bewährt und auch im niederösterreichischen Gänserndorf gibt es mit der Siedlung „Lebensraum“ seit 2005 ein erfolgreiches Beispiel.
„Uns eint die Überzeugung eines aktiven Miteinanders, sei es durch gegenseitige Unterstützung bei der Kinderbetreuung, bei handwerklichen Hizlfeleistungen oder bei Besorgungen für ältere Menschen“, betont Kirchner. Dem ökologischen Aspekt trägt man Rechnung, indem die Siedlung in Passivhausbauweise ausgeführt wird, geplant sind auch Räume für Gemeinschaftsbüros oder Kunstwerkstätten, die Arbeit ohne Pendeln ermöglichen sollen.
Noch einen Schritt weiter geht das „Keimblatt Ökodorf“. Im Bezirk Güssing soll ab 2010 eine von der weltweiten Ökodorfbewegung inspirierte Genossenschaftssiedlung für rund 150 Menschen entstehen, die sich neben einer generationenübergreifenden Lebensweise und Solidarität ganz dem Prinzip von Nachhaltigkeit und Ökologie verschrieben hat. Sogar ein eigener Waldkindergarten ist auf dem 40 Hektar großen Gelände geplant. „Unsere Passivhauswohnanlage soll einen zukunftsfähigen Lebensstil ermöglichen, der sich die Natur zum Vorbild nimmt. Das reicht von regenerativen Energieformen über Abfallvermeidung bis hin zu Konzepten, die durch Nah- und Selbstversorgung eine weitgehende Autarkie des Dorfes ermöglichen“, erklärt Projektkoordinator Ronny Wytek.
Langer Vorbereitungsprozess
Die Vorarbeiten für das erste Ökodorf Österreichs laufen bereits seit 2002 und wurden von der Universität Graz wissenschaftlich begleitet. „Ein so innovatives Projekt benötigt natürlich eine entsprechende Grundlagenarbeit“, betont Wytek. Gestaltet und begleitet wird der gesamte Prozess von einer Gruppe aus dreizehn Männern und Frauen, den sogenannten Pionieren. Sie sind nicht nur aktiv in die gesamte Planung involviert – sie sind auch verantwortlich dafür, dass das Konzept der gemeinschaftlichen Selbstorganisation umgesetzt wird.
Das Interesse ist jedenfalls groß, Wytek berichtet von über 2000 Anfragen. „Es handelt sich vor allem um Leute, die über eine gewisse ökonomische Basis verfügen, beruflich unabhängig sind und sich nach einer ökologisch und dörflich organisierten Gemeinschaft sehnen.“