Der Finne Ari Vatanen kandidiert als FIA-Präsident. Die Rallyelegende fordert sofortiges Ende im F-1-Streit. Er schulte sein politisches Geschick zuletzt im EU-Parlament.
HELSINKI/WIEN. „Ich will FIA-Präsident werden, ich will, dass der Sport im Vordergrund steht. Das war zuletzt nicht der Fall, vor allem in der Formel 1 nicht. Es ist die Zeit gekommen, um etwas zu verändern!“ Der Finne Ari Vatanen war kaum zu stoppen, es sprudelte richtiggehend aus der 57-jährigen Rallyelegende, als er sich bei der „Presse“ am Handy meldete. Und er nahm auch sofort Anleihen bei US-Präsident Barack Obama: „It's time for a change!“
Lange habe er überlegt, schließlich sei der Weg zum Place de la Concorde, dem Hauptquartier des Automobilweltverbandes, ein sehr langer. „Aber die FIA braucht eine neue Führung, Ideen und ein System“, sagt Vatanen und dürfte damit vielen aus der Motorsportbranche aus der Seele sprechen.
Der Finne, der 1981 die Rallye-WM (Kopilot war der heutige Aston-Martin-Boss David Richards) gewinnen konnte, schulte sein politisches Geschick zuletzt im EU-Parlament. Als vierfacher Dakar-Sieger hielt er auch stets Kontakt zur Autobranche und sah sich nun durch den Rückhalt und die Unterstützung vieler Automobilklubs in seinem Streben bestätigt. „Ich habe 219 Präsidenten über mein Vorhaben informiert“, erzählt Vatanen. „Ich will alle Ligen vereinen – also Rallye, Touring-Cars, Formel 1 etc. und dem normalen Straßenverkehr wieder eine Ansprechstelle bieten. Wenn Sie so wollen, die FIA soll wieder eine Autofamilie werden.“
Was angesichts der aktuellen Notlage, in der sich etwa die Formel 1 wiederfindet, wie der fromme Wunsch eines kleinen Kindes klingt, meint der Finne tatsächlich ernst. Er wolle den Weg des Dialoges suchen, er spricht sogar von „demokratischen Prozessen“, die er in der FIA installieren wolle. Das käme einer Trendwende der aktuellen Lage gleich, würde aber den Meinungen kritischer Geister bei Entscheidungsfindungen Tür und Tor öffnen. Vatanen wischt dieses Argument weg. „Alle Mitglieder sollen fühlen und spüren, dass sie wieder gehört werden.“
Alle Hersteller beruhigen
Zu Max Mosley habe er ein gutes Verhältnis, erklärt der Finne und fügt hinzu, keinerlei böse Worte über ihn verlieren zu wollen. Er habe seine Arbeit gemacht, doch irgendwann sei es eben an der Zeit, neuen Ideen zu weichen. Dennoch, weiterhin bleibt offen, ob sich Mosley, 69, im Oktober der Wiederwahl (und einer möglichen fünften Amtszeit) stellen wird. Insgeheim rechnet Vatanen damit, dass ihm, sollte Mosley doch abtreten, vermutlich der ehemalige Ferrari-Teamchef Jean Todt als Gegenkandidat gegenüberstünde.
Dass der Job als FIA-Präsident kein Honiglecken ist und die Grabenkämpfe, die derzeit in der Formel 1 stattfinden, auch diplomatisches Geschick verlangen, dessen ist sich Ari Vatanen bewusst. Die nötige Ruhe dafür strahle er aus, sagt er selbstsicher. Auch verfüge er über gute Kontakte zu den Teams und den Herstellern, „die eine essenzielle Rolle in diesem Theater spielen, weil sie dieses Lustspiel bezahlen.“ Nicht persönliche Kämpfe und aufgeblasene Egos sollten im Vordergrund stehen, sagt der konservative Politiker, „sondern die Show, der Sport.“ In diesem Punkt endet übrigens seine Kompromissbereitschaft, da kennt er kein Pardon.
Angesichts der Ereignisse auf dem Nürburgring – der Streit zwischen Mosley, FIA und der Teamvereinigung eskalierte erneut – ruft Vatanen zur Besinnung auf. Es wäre fatal bis katastrophal, würde die Formel 1 gesplittet werden. Der Bruch hätte nicht nur Folgen für Ecclestone, sondern auch für die FIA. „Sie wäre dann nur noch eine leere Schale. Wenn die Formel 1 zerbricht, sind alle verloren. Alle!“ Diese Sichtweise hatte zuletzt keiner überdacht, weder Mosley noch die Teams. Vatanen will die Streitparteien vereinen. Sollte er gewählt werden, wird es die schwierigste Drift seines Lebens.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2009)