Noch ein Jungbrunnen: Fasten?

(c) AP (Jeff Miller)
  • Drucken

Ein Langzeitversuch an Rhesus-Affen zeigt eine Verringerung der altersbedingten Sterblichkeit und des Gehirnabbaus. Aber die Befunde sind umstritten.

Viele Religionen legen ihren Gläubigen periodisches Fasten auf, es soll Körper und Geist reinigen. Aber einige Menschen konzentrieren ihren Glauben auf das Fasten selbst und betreiben es dauernd, es soll Körper und Geist länger am Leben und gesund erhalten. Diese Hoffnung kam – seitens der Wissenschaft – 1935 auf, als man bemerkte, dass sich das Leben von Ratten verlängert, wenn man sie auf schmale Kost setzt. Später sah man den gleichen Effekt an vielen Laborlebensformen: Hefe, Fruchtfliege, Rundwurm, Maus.

Kalorienrestriktion: Minus 30 Prozent

Aber die alle sind weit weg vom Menschen und relativ kurzlebig, für aussagekräftigere Verwandte braucht es Geduld. Ricki Colman und Richard Weinbruch (Wisconsin National Primate Research Center) haben sie, sie haben vor 20 Jahren ein Experiment mit Rhesus-Affen begonnen, 76 Individuen, sieben bis 14 Jahre alt. Die Hälfte wurde gefüttert wie zuvor, den anderen „Kalorienrestriktion“ auferlegt, 30 Prozent weniger (dafür extra Vitamine, so halten es auch die Menschen, die sich auf das Dauerfasten verlegt haben). Nun kommen die Affen ins Alter – sie bringen es, in Gefangenschaft, auf durchschnittlich 27 und maximal 40 Jahre –, 35 sind schon verstorben, die Forscher ziehen erste Bilanz (Science, 325, S.201).

„Wir haben zeigen können, dass die Kalorienrestriktion den Altersprozess bei einer Primatenart verlangsamt“, erklärt Weinbruch und rechnet es vor: In der Fastengruppe sind nur 13 Prozent an „altersbedingten Krankheiten“ – Krebs, Herzleiden, Diabetes – gestorben, in der Kontrollgruppe 37 Prozent. Das sieht beeindruckend aus, ist aber ein Trick, der die Kritik anderer Forscher auf sich zieht, er liegt in den „altersbedingten Krankheiten“: Insgesamt sind mehr Affen gestorben, manche an Verletzungen, manche an Anästhesie. Und solche Todesursachen finden sich bei den Tieren mit der Kalorienreduktion häufiger als bei den anderen – vielleicht wurden sie vom Fasten so geschwächt, dass sie eine Anästhesie oder eine Verletzung eher nicht überlebten?

Wie auch immer: Wenn man alle Toten zählt, ergibt sich für die Forscher „kein signifikanter Zusammenhang“. Bei den Todesfällen, bei Krankheiten schon: Viele Tiere der Kontrollgruppe leiden an Diabetes, bei der Fastengruppe ist die Krankheit unbekannt. Zudem profitieren manche Gehirnregionen, die für körperliche und geistige Beweglichkeit. Sie schrumpften mit dem Altern weniger rasch. Über die Ursachen spekulieren die Forscher nicht, vermutlich ändern sich Genaktivitäten (und können auch ohne Fasten durch Medikamente geändert werden, diese Woche kam schon die Jungbrunnenhoffnung Rapamycin, aber die Substanz ist gefährlich).

Und es geht nicht nur um Gene, es geht auch um die Lebensweise: Bei geringem Energieangebot investieren Tiere alles in den Grundbedarf, sie bewegen sich weniger, sie reproduzieren sich weniger. Darüber geben Colman/Weinbruch leider keine Auskunft. Und auch die gesünderen Gehirne sahen sie nur in Obduktionen, nicht in Tests lebender Tiere. Betrachtet man aushilfsweise Bilder der Affen, schauen die kalorienreduzierten nicht eben vergnügt in die Welt.

Wie es bei Menschen ist, wird man auch nach Einschätzung der Forscher „nie wissen“, es gibt keine Langzeitexperimente, diese Zeit wäre zu lang.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2009)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.