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„Freiheit für Nadja“: Ukrainische Kampfpilotin als Heldin

Am Mittwoch gab es europaweit Solidaritätsaktionen für Sawtschenkos Freilassung: Poster der inhaftierten Pilotin in der georgischen Hauptstadt, Tiflis.
Am Mittwoch gab es europaweit Solidaritätsaktionen für Sawtschenkos Freilassung: Poster der inhaftierten Pilotin in der georgischen Hauptstadt, Tiflis.(c) REUTERS (DAVID MDZINARISHVILI)
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Die in Russland inhaftierte Pilotin Sawtschenko wird in ihrer Heimat verehrt. Ein Urteil wird ab 21. März erwartet. Erst dann ist ein Gefangenentausch wahrscheinlich.

Kiew/Moskau. „Freiheit für Nadja“, „Putin – Faschist“ – Sprüche wie diese riefen ukrainische Demonstranten vor der russischen Botschaft gestern in Kiew. Es gibt derzeit kaum ein Thema, das die Wogen zwischen der Ukraine und Russland so hochgehen lässt wie der Prozess gegen Nadja Sawtschenko. Der ukrainischen Kampfpilotin wird im südrussischen Donezk (namensgleich mit der ostukrainischen Großstadt) der Prozess gemacht. Das Gericht setzte gestern die Urteilsverkündung auf den 21. und 22. März an. „Ich erkenne weder meine Schuld noch das Urteil des russischen Gerichts an“, gab sich die 34-Jährige vor Gericht unbeugsam und zeigte dem Richter ihren Mittelfinger.

Die russische Staatsanwaltschaft fordert 23 Jahre Lagerhaft, da die Pilotin am 17. Juni 2014 angeblich Mörserfeuer auf eine Gruppe von Zivilisten nahe der Stadt Luhansk gelenkt haben soll. Zwei russische TV-Journalisten, Igor Korneljuk und Anton Woloschin, wurden dabei getötet. Danach habe Sawtschenko als Flüchtling verkleidet die Grenze zu Russland passiert, wo sie festgenommen wurde.

Sawtschenkos Verteidigung bestreitet diese Version. Sawtschenko habe sich bereits in der Gewalt der Separatisten befunden, als der besagte Beschuss stattfand. Auch die Regierung in Kiew protestiert gegen den Prozess und wirft Russland vor, die Soldatin entführt zu haben. Die junge Frau kämpfte als Angehörige des Freiwilligenbataillons Aidar im Krieg gegen die von Moskau unterstützten Separatisten in der Ostukraine.

 

Wie gelangte die Pilotin nach Russland?

Berlin, das derzeit den Vorsitz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) innehat, hat gestern ebenfalls die Freilassung Sawtschenkos verlangt. „Ihre über 20-monatige Inhaftierung mit Einzelhaft, mit fragwürdigen Verhörmethoden, widerspricht internationalen Standards“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Darüber hinaus gebe es „viele Fragen dazu, wie Frau Sawtschenko auf russisches Territorium verbracht wurde“.

Experten erwarten, dass es nach dem Urteilsspruch zum Austausch Sawtschenkos gegen russische Bürger kommen könnte, die im Zuge der Kriegshandlungen im Donbass in der Ukraine gefangen genommen wurden. Der Austausch von Kriegsgefangenen ist einer der 13 Punkte des Minsker Maßnahmenpakets zur Konfliktlösung. Eigentlich sollte der Austausch „aller gegen alle“ längst abgeschlossen sein. Doch die Verhandlungen gestalten sich zäh; zudem werden immer wieder neue Gefangene gemacht. Die ostukrainischen Separatisten sprechen von mehr als 1000 Kämpfern in ukrainischer Hand. Kiew gibt an, dass sich 131 Soldaten in der Gewalt der Separatisten befinden.

Sawtschenko wird als mögliche Tauschkandidatin für die beiden russischen Speznas-Angehörigen Jewgenij Jerofejew und Alexander Alexandrow gehandelt. Die beiden gaben unmittelbar nach ihrer Verhaftung an, russische Militärangehörige zu sein, später widerriefen sie ihre Aussage. Moskau erkennt die Männer offiziell nicht als Soldaten an. Derzeit stehen Jerofejew und Alexandrow vor Gericht; ein Urteil wird demnächst erwartet. Sawtschenko hat sich selbst negativ zu einem Gefangenenaustausch geäußert, wenn das bedeute, dass ein „Unschuldiger gegen einen Schuldigen“ eingetauscht werde. „Ich bin unschuldig. Ich will keinen Austausch, keinen Handel, keine Verzögerung. Ich werde nicht warten.“ Die Drohung ist wörtlich zu nehmen: Sawtschenko ist aus Protest gegen die Verzögerung ihres Verfahrens am 4. März zum zweiten Mal in Hungerstreik getreten. Ihrem Anwalt, Nikolaj Polosow, zufolge ist sie sehr schwach und herzkrank. Polosow befürchtete gestern gar, dass seine Mandantin das Ende des Gerichtsprozesses nicht mehr erleben könnte. (som/ag.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2016)