Erotik in der Schuldebatte: Häupl will "Gymnasium für alle"

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"Offensichtlich hat die ÖVP ein semierotisches Verhältnis zum Begriff Gymnasium", sagt der Wiener Bürgermeister. Deshalb solle die Gesamtschule so heißen.

Ob er wohl weiß, dass diese Formulierung schon von der ÖVP gebraucht wurde? Die ehemalige Wissenschaftsministerin Beatrix Karl machte sich mit der Forderung nach einem "Gymnasium für alle" bei der eigenen Partei nicht unbedingt beliebt, jetzt kommt der Wiener Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) auf dieselbe Idee - und will damit die ÖVP von der Gesamtschule überzeugen.

"Wenn die ÖVP so am Gymnasium hängt, dann machen wir doch die Gesamtschulreform 'Gymnasium für alle'", sagte Häupl im Rahmen der Klubtagung der Wiener SPÖ. Und dass es sich hierbei um keinen Scherz handelt, betont er wenig später: Er wolle damit auf die Bedürfnisse der ÖVP eingehen.

ÖVP finde Befriedigung im Begriff Gymnasium

"Offensichtlich hat die ÖVP ein semierotisches Verhältnis zum Begriff Gymnasium", mutmaßte der Stadtchef - der keine inhaltlichen Hürden für eine Umsetzung sieht. Schon jetzt, so gab er zu bedenken, seien etwa Lehrpläne und Schulbücher in den jeweiligen Unterstufen (Gymnasium und Neue Mittelschule, Anm.) identisch. Laut Häupl müssten sowohl SPÖ als auch ÖVP mit der Lösung zufrieden sein: "Wir kriegen die gemeinsame Schule, die ÖVP den Begriff Gymnasium und findet darin Befriedigung."

Das Ergebnis der Schulreform sei "vom Prinzip her ein gutes". Dass allerdings Vorarlberg und das Burgenland die einzigen Bundesländer sein sollen, die die Möglichkeit haben, im ganzen Bundesland die gemeinsame Schule als Modellversuch umzusetzen und Wien nicht, sei "lächerlich", meinte Häupl in Bezug auf den Vorstoß von ÖVP-Bundesparteiobmann Reinhold Mitterlehner.

Vorarlberg: Unterstufe könnte aufgelöst werden

Während ÖVP-intern noch heftig diskutiert wird und auch innerhalb der Koalition noch keine Linie gefunden wurde, bereiten sich die gesamtschulaffinen Bundesländer – wie etwa Vorarlberg und Tirol – schon längst auf die ersten Schritte zur Einführung von Modellregionen vor. Mit der von Mitterlehner ins Spiel gebrachten Obergrenze von 5000 Schülern, die an einem Schulversuch zur Gesamtschule teilnehmen dürfen, könnte rein theoretisch sowohl in Vorarlberg als auch im Burgenland die AHS-Unterstufe aufgelöst werden. Mitterlehner will die Lockerung aber nur für Vorarlberg gelten lassen.

Dem Wiener ÖVP-Chef Gernot Blümel, der Mitterlehners Gesamtschulvorstoß kritisiert hatte, empfahl Häupl: "Blümel soll nicht daran denken, Wiener Bürgermeister zu werden, sondern kann vielleicht der Nachfolger vom Neugebauer (Vorsitzender der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst Fritz, Anm.) werden."

Auch im vergangenen Jahr hatte Häupl schon ordentlich die Werbetrommel für eine Gesamtschule gerührt: Er gehe davon aus, dass die Gesamtschule in Wien in zehn Jahren, also im Jahr 2025, die Regelschule sein wird, hatte er gesagt.

Auch die Grünen bleiben dabei, wie sie in einer Aussendung betonten: Die gemeinsame Schule für alle Kinder von zehn bis 14 Jahren sei jenes Modell, das für jedes Kind die besten Chancen bedeute: "Beste Bildung und Zukunftschancen werden in der gemeinsamen Schule ideal umgesetzt", versicherte Bildungssprecher und Klubobmann David Ellensohn.