Morgen- und Abendsonne lassen die südfranzösische Stadt Toulouse in einem leuchtenden Rot erglühen. Der Hauch der Geschichte durchweht sie den ganzen Tag, den man unter viel Jugend verbringen kann.
Es fällt schwer, keinen historischen Boden zu betreten in Toulouse, dieser pulsierenden Metropole mit ihren rund 450.000 Einwohnern im Südwesten von Frankreich. Das beginnt manchmal schon bei der Unterbringung: Mehr als hundert Jahre dürfte die knarrende, ausgetretene Holztreppe schon auf dem Buckel haben, die zu den Zimmern und Suiten des Grand Hotel de l'Opera führt, eines Vier-Sterne-Hauses, der in den Gemäuern eines ehemaligen Klosters aus dem 17. Jahrhundert eingerichtet wurde.
Ziemlich unklösterlich übrigens, mit Teppichböden, Wandverkleidungen, Sesseln und Betten in sattem Rot oder Gelb, die Assoziationen an eine Opernloge wachrufen oder solche an bestimmte Etablissements der Belle ?poque. „Die meisten Gäste verlieben sich augenblicklich in dieses Ambiente“, sagt Hotelmanagerin Sandra Baumgartner, eine Österreicherin, die es vor Jahren nach Frankreich verschlagen hat, „anderen hingegen ist es zu plüschig. Sicher eine Geschmacksache.“
Ziegel im Überfluss
Auch durch die nahe Brasserie Le Bibent, wie das Hotel de l'Opera am zentralen Place du Capitole gelegen, weht der Hauch der Geschichte. Riesige Gemälde, überbordende Ornamente und Plastiken zieren Decken und Wände des in einer Mischung aus Barock und Jugendstil gehaltenen Saals, der 1882 seine Pforten öffnete und mehr als ein Jahrhundert später eine nicht mehr wegzudenkende Institution der Garonne-Stadt ist. „Wir Toulouser bevorzugen einen Besuch am späteren Nachmittag. Da ist die Brasserie nicht mehr so überfüllt, und man kann in Ruhe den berühmten Schokoladekuchen genießen“, sagt Nicole Prandines von der regionalen Tourismusbehörde. Und den Blick durch die hohe Glasfront, wenn die Sonne sich am Abend dem Horizont nähert. Denn dann erstrahlen die den Place du Capitole umrahmenden Gebäude mit ihren vorgelagerten Arkaden in jenem rötlichen Glanz, dem die Metropole ihren Beinamen verdankt. „La ville rose“ wird sie genannt, wegen der vielen roten Backsteinbauten, die das Stadtbild prägen. Was heute das Auge erfreut, war einst eher einer Laune der Natur und Geldmangel geschuldet. „Den weißen Kalkstein, wie er für Paris typisch ist, hätte man aus weit entfernten Steinbrüchen über Hunderte von Kilometern herbeischaffen müssen, das überstieg die finanziellen Möglichkeiten der meisten. Lehm hingegen, das Grundmaterial der roten Ziegel, gibt es in den nahen Pyrenäen im Überfluss“, erzählt Prandines.
Rosa Marmorsäulen
Für Prestigebauten wie das Capitole, einen neoklassizistischen Palast an der Ostseite des Platzes, in dem neben dem Rathaus auch das gleichnamige Nationaltheater untergebracht ist, wollte man es sich dennoch nicht nehmen lassen, etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Hier wechselt sich der rote Backstein mit Ornamenten aus weißem Kalkstein und rosafarbenen Marmorsäulen ab, womit sich der Ville-rose-Effekt ausgerechnet beim Toulouser Machtzentrum etwas relativiert. Solche verspielten Elemente sucht man in den Backsteinfassaden der Klosteranlage des kaum zehn Minuten entfernten Jakobinerkonvents vergeblich. Wie eine in die Erde gerammte, uneinnehmbare Trutzburg gibt sich die gotische Jakobinerkirche, die im 13. und 14. Jahrhundert vom Dominikanerorden errichtet wurde. Und auch im Inneren wirkt das Bauwerk eher einschüchternd als kunstvoll; einzig ein palmenartig verzweigtes, gotisches Deckengewölbe mit 22 Rippen in der Apsis, „Palmier“ genannt, vermag die Strenge etwas zu relativieren.
Dieser Eindruck war von den Mönchen durchaus gewollt. Dem gerade erst gegründeten Dominikanerorden fiel nämlich die Aufgabe zu, die vom Katholizismus abgefallenen Katharer zu bekehren. Da durfte der eigene Auftritt durchaus etwas martialischer ausfallen. Deutlich freundlicher geriert sich die im 11. Jahrhundert erbaute Basilika Saint-Sernin, das umfassendste, noch erhaltene romanische Bauwerk der westlichen Welt. Die ebenfalls in Zentrumsnähe gelegene Kirche beherbergt nicht nur die Reliquien des heiligen Saturnin, sondern war über die Jahrhunderte eine unumgängliche Station auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Das Innere wartet unter anderem mit einem bemerkenswerten Kreuzgratgewölbe auf, und in der Krypta des seit 1998 zum Unesco-Welterbe gehörenden Baus kann man auf zwei Stockwerken zahlreiche Reliquien und kostbare religiöse Gegenstände aus Gold bewundern.
Montagehallen für Airbus
Den modernen Kontrapunkt zu so viel Historie findet man vor der Stadt, im Vorort Blagnac, in dem auch der lokale Flughafen liegt. Hier sind die Montagehallen für den Airbus A 380 angesiedelt, dessen einzelne Bauteile – vom Rumpf bis zu den Tragflächen – teils per Frachtflieger, teils per Schiff und Lkw „just in time“ aus den jeweiligen Fertigungsstätten in ganz Europa angeliefert werden. Bei speziellen Führungen durch einige Hallenbereiche kann man sich ein Bild von den technischen Herausforderungen in der modernen Luftfahrtindustrie machen. Dieses Fertigungszentrum, das eng mit den umliegenden Forschungsstätten und Universitäten verbunden ist, fungiert auch als Jungbrunnen der Garonne-Metropole. Es ist der Anziehungspunkt für mehr als 100.000 Studierende, die hoffen, später einmal in der französischen Luft- oder Raumfahrtindustrie beruflich Fuß fassen zu können. Entsprechend pulsiert das Leben in der Stadt. Etwa rund um den Place du Président Thomas Wilson mit seinen Cafés, Restaurants und Kinos, am idyllischen Canal du Midi, ebenfalls ein Unesco-Welterbe, oder entlang der Kais der Garonne, die zu den beliebtesten Flaniermeilen gehören und oft Schauplatz von Konzerten, Ausstellungen oder Märkten sind. Kurzum, überall dort, wo junge Menschen gern ihre Zeit verbringen.
Messerschmidt Me 262
Ganz ohne Geschichte geht es aber auch bei einer so modernen Industrie wie der Luftfahrt nicht. In unmittelbarer Nachbarschaft zu den Airbus-Fertigungshallen wurde Anfang 2015 das Aéroscopia eröffnet, ein Luftfahrtmuseum, in dem man mehr als 30 historische Fluggeräte besichtigen kann, von der legendären Concorde, deren Inneres zugänglich gemacht wurde, über die Caravelle bis hin zur berühmten Messerschmitt Me 262 „Schwalbe“, dem weltweit ersten serienmäßig gefertigten Flugzeug mit Strahltriebwerk. Die für Luftfahrt- wie Literaturinteressierte symbolträchtigste Adresse findet sich hingegen wieder am Place du Capitole in der Stadt. Im Hotel Grand Balcon, heute ein luxuriöses Fünfsternehotel, stiegen einst die französischen Luftpostpiloten der Garonne-Metropole ab, darunter auch der Flieger Antoine de Saint-Exupéry, der spätere Autor des „Kleinen Prinzen“. Er bevorzugte das Zimmer 32, in dem nach der Neueröffnung des Hotels Ende 2008, originalgetreu im Stil der 1930er-Jahre, die Suite Saint-Exupéry eingerichtet wurde.
TOUT TOULOUSE, IN DIE PYRENÄEN UND ANS MITTELMEER
Grand Hôtel de l'Opéra**** Renommiertes Boutiquehotel, untergebracht in einem ehemaligen Kloster aus dem 17. Jh. Place du Capitole. www.grand-hotel-opera.com
Fünfsternehotel Grand Balcon Geschichtsträchtiges, 2008 nach einer aufwendigen Renovierung und Sanierung neu eröffnetes Luxushotel am Place du Capitole, in dem einst die französischen Luftpostpiloten abgestiegen sind, darunter auch der „Kleine Prinz“-Autor Antoine de Saint-Exupéry. Zu seinen Ehren wurde eine Suite im Stil der 1930er-Jahre eingerichtet (Zimmer 32). 8/10 rue Romiguières, grandbalconhotel.com
Brasserie Le Bibent
Schöne, 1882 eröffnete Brasserie im Stil des Barock sowie des Jugendstils mit französischer Designerküche am Place du Capitole. 5 place du Capitole; www.maisonconstant.com/bibent
Flo Les Beaux Arts: Brasserie im Art déco- und Belle-?poque-Stil mit Blick auf die Garonne und bester südfranzösischer Küche. Treffpunkt für Künstler, Geschäftsleute und Politiker. 1 quai de la Daurade, www.brasserielesbeauxarts.com
Toulouse ist auch ein idealer Ausgangspunkt für Tagesausflüge in die Umgebung. Dazu gehört etwa Cordes-sur-Ciel, ein mittelalterliches Städtchen mit einer imposanten Wehranlage und liebevoll restaurierten Palästen aus dieser Zeit. In knapp zwei Stunden ist zudem die Bischofsstadt Albi mit der berühmten Kathedrale Saint-Cécile und dem Museum Toulouse-Lautrec zu erreichen. Nur 150 Kilometer sind es bis zu den Skigebieten in den Pyrenäen, 150 Kilometer bis zum Mittelmeer.
Reisedetails: „Geheimnisvolles Périgord – Naturerlebnis, Kunstgenuss und Gaumenschmaus auf den Spuren von Martin Walker“, buchbar auf www.ruefa.at und in allen Ruefa-Reisebüros.
Termine: z. B. 17.–24. 6.; 15.–22. 7.; 2.–9. 9. (7 Nächte); Preis p. P. ab 1398 € inkl. Linienflüge ab/bis Wien, Transfers und Ausflüge, U in Drei- bzw. Viersternehotels, als Gruppenreise und individuell buchbar.
Wien–Toulouse–Wien: Direktflüge mit Europe Airpost vom 15. 4. bis 17. 10. 2016 immer am Montag und Freitag.
Anreise: Direktflüge Wien–Toulouse (oder Bordeaux) mit ASL Airlines (15. 4–30. 9.) ab 79 Euro. aslairlines.fr
Infos: Atout France, info.at@france.fr, 01/503 28 92, www.france.fr