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Günter Brus kehrt in sein Exil zurück

BRUS
(c) APA/MARKUS LEODOLTER
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Ausstellung. „Störungszone“ im Berliner Gropius-Bau: Mit einer Werkschau kommt Günter Brus wieder in die Stadt, in die er einst flüchtete, um dem Gefängnis zu entgehen.

Berlin also wieder. Hierher floh Günter Brus einst, und hier findet nun im Martin-Gropius-Bau die erste große Werkschau des österreichischen Künstlers statt. Natürlich, es ist nicht mehr das Berlin, das Brus kennenlernte, als er 1969 in der damals noch geteilten Stadt ankam. Aber auch Österreich, das Land, aus dem er sich absetzte, ist nicht mehr das gleiche. Wegen „Herabwürdigung österreichischer Symbole und Verletzung der Sittlichkeit und Schamhaftigkeit“ war der gebürtige Steirer zu sechs Monaten verschärften Arrests verurteilt worden. Weil er 1968 bei der Aktion „Kunst und Revolution“ im Neuen Institutsgebäude der Uni Wien unter Absingen der Bundeshymne uriniert, onaniert und sich auf die österreichische Fahne erbrochen hatte. Genau jener Staat, der ihn damals einsperren wollte, verlieh ihm 1997 den Großen Österreichischen Staatspreis. Die Zeiten haben sich geändert.

 

Erregung öffentlichen Ärgernisses

„Störungszonen“, so der Titel der Ausstellung, soll einen Überblick geben über die Entwicklung des Künstlers, angefangen mit seinen aktionistischen Werken. Wien war – zumindest in den Augen vieler Künstler – eine provinzielle und engstirnige Stadt, in der Brus mit Aktionen provozierte. Etwa beim „Wiener Spaziergang“ 1965, bei dem er weiß bemalt und mit einem schwarzen Strich durch Gesicht und Körper vom Heldenplatz zum Stephansplatz gehen wollte. „Was, das soll Kunst sein?“, habe ein Polizist gesagt. Und ihn in die Wachstube mitgenommen. Es folgte eine Geldstrafe wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses. Als ihm schließlich 1969 wegen der „Uni-Ferkeleien“, wie der Boulevard die Aktion nannte, nach zwei Monaten in Untersuchungshaft endgültig der Gang ins Gefängnis bevorstand, wollte er nicht mehr.

Um drei Uhr morgens verließ er damals mit seiner Frau und seiner Tochter das Haus in Wien – möglichst unauffällig habe man verschwinden wollen. „Das ganze Haus hat damals schon eine Unterschriftenliste gemacht, dass uns unsere Tochter weggenommen werden soll.“ Und so landete er in West-Berlin, damals ein Refugium für viele Künstler und Kreative. Weil hier viele Dinge nicht so genau genommen wurden. Und das Ausleben der Kreativität deutlich leichter war.

Die Berliner Jahre machen einen großen Teil der Ausstellung aus. Wenig überraschend, schließlich verbrachte er hier rund sieben Jahre. Jahre, in denen er mit den ebenfalls geflohenen Kollegen Oswald Wiener und Gerhard Rühm gegen die Repressionen in Wien die „Österreichische Exilregierung“ gründete, eine Vereinigung, die im Kreuzberger Lokal Exil tagte – und von hier aus die Zeitschrift „Die Schastrommel“ herausgab. In München machte er 1970 auch seine letzte Aktion, die Zerreißprobe. Nachdem er sich dort beinahe lebensgefährliche Verletzungen zugefügt hatte, hörte er auf den Rat der Ärzte – und verabschiedete sich von den körperlich extrem fordernden Aktionen.

Und wandte sich anderen Ausdrucksformen zu. Etwa dem 1971 verfassten Text-Bildband „Irrwisch“ oder der von Armin Hundertmark herausgegebenen Text-Bild-Edition „Der Balkon Europas“. Und während Brus in Deutschland gefeiert wurde, brach auch in Wien der Widerstand auf. Wenn auch nur langsam. „Warum haben Sie einen Mann, der so eine furchtbare Kunst macht?“, fragte 1976 der damalige Bundespräsident Rudolf Kirchschläger die Frau des Künstlers, die mit einem Gnadengesuch bei ihm vorstellig geworden war. Immerhin, die Gefängnisstrafe wurde in eine Geldstrafe umgewandelt. Brus durfte nach Österreich zurück.

Der sehenswerte Rückblick auf die Werke des Künstlers von den 1960ern bis ins Jahr 2007 ist aber nicht die einzige Würdigung für den 77-Jährigen. Im April startet im Grazer Bruseum ebenfalls eine Schau mit dem Titel „Das gute alte Westberlin“. Dort wird es aber weniger um die Kunst gehen, als um die Szene, in der sich Brus in seinem Exil bewegt hat. Berlin also wieder.

„Störungszonen“: 12. 3. bis 6. 6., Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, 10963 Berlin, www.gropiusbau.de

„Das gute alte West-Berlin“: 8. 4. bis 10. 7., Neue Galerie Graz, 8010 Graz, www.museum-joanneum.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2016)