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Ein Zimmer für sich allein

Sie gehörte zur „ersten“ Gesellschaft der Monarchie. Und kritisierte sie scharf. Sie rang nach Anerkennung und erntete Spott. Vor 100 Jahren starb Marie von Ebner-Eschenbach. Daniela Strigl beschreibt ihr Leben als Signum der Moderne.

Iam Nobody! Who are you? / Are you nobody too?“ So beginnen zwei Vierzeiler der berühmtesten amerikanischen Lyrikerin Emily Dickinson. Fragen als Selbstgespräch. Nur eine Handvoll Gedichte hatte sie zu Lebzeiten in Druck gesehen. Erst nach ihrem Tod fand man über 1700 in ihren Schubladen. Dickinson wurde 1830 geboren und starb 1886. Die österreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach wurde ebenfalls 1830 geboren, lebte aber 30 Jahre länger. In ihre Tagebücher schrieb sie an sich selbst, über Jahrzehnte hinweg, viele Male ganz ähnliche Selbstherabsetzungen.

Daniela Strigls große Biografie spielt im Titel darauf an. Dickinson blieb unverheiratet, Marie von Dubsky heiratete mit 18 Jahren ihren Vetter Moritz von Ebner-Eschenbach. Dickinson isolierte sich, lebte als Klausnerin im Haus ihres Vaters, Marie von Ebner-Eschenbach hingegen gehörte der „ersten“ Gesellschaft der Monarchie an und blieb, kinderlos, ihr Leben lang in familiäre und gesellschaftliche Verpflichtungen eingebunden. Über lange Jahre hinweg, nach erfolglosen Versuchen, als Dramatikerin zu reüssieren, fühlte sie sich als Nobody im literarischen Leben ihrer Zeit. Sie lechzte nach Lob für ihre unermüdliche Arbeit und war dankbar, wenn eines daherkam.

Ebner-Eschenbach hatte immer ein eigenes Zimmer als Voraussetzung für das Schreiben als Frau; sie hatte auch ein eigenes Pferd, erlebte im Reiten – mit gelegentlichem Sturz – Freiheit und Selbstbestimmung (ähnlich, wie es Frauen um 1900 mit dem Fahrrad erfuhren). Sie hatte, so Familienangehörige und Besucher, genug eigene Zeit – und sie nahmen ihr viel von dieser, die sie lieber für das Schreiben verwendet hätte, weg. Ebner-Eschenbach hatte einen eigenen, ja eigenwilligen Kopf, der ihr schwere Leiden bescherte, aus dem heraus sie aber auch, man kann es nicht anders sagen, ein erstaunlich trotziges Stehvermögen mobilisierte. Spät erst, sie ging auf die 60 zu, erlangte sie Anerkennung, nicht als Dramatikerin, sondern als Erzählerin. Dann stellte sich, mit zahlreichen öffentlichen Ehrungen, etwa mit dem ersten Ehrendoktorat der Universität Wien an eine Frau (1900), die Berühmtheit ein.

In den Jahren nach ihrem Tod im Jahr 1916 blieb es zunächst dabei, dann aber nahm ihre Reputation ab, bis sie mit einigen Erzählwerken und ihren – von Anfang an geschätzten – Aphorismen einen gewissen Rang als österreichische Klassikerin behaupten konnte. Literaturwissenschaftlerinnen, zum Beispiel Germanistinnen in den USA, aber auch in Österreich, beschrieben dieFrauenbilder in ihrem Werk; und auch ihre Dramen, auf die sich ihr besonderer Ehrgeiz richtete, haben neue Aufmerksamkeit erfahren. Für sie sollte es nichts Geringeres als das Burgtheater sein, in dem sie zum ersten Mal als Elfjährige saß.

Mit Gewissheit wird Daniela Strigls Biografie dazu beitragen, mit dem Anspruch, dass es auch eine „andere“, moderne Ebner-Eschenbach zu entdecken gilt. Es ist die erste zusammenhängende Untersuchung von Leben und Werk seit 100 Jahren. Dem Darstellungsstil Strigls merkt man dankbar an, dass sie als Literaturkritikerin und Jurorin hervorgetreten ist, etwa beim Bachmann-Preis, bei dem vor Zuhörern nachvollziehbare Textbeschreibungen und verständliche Urteile zu formulieren sind.

Strigl arbeitet heraus, wie Ebner-Eschenbachs Dramen, obwohl vom Publikum freundlich akklamiert, von der Theaterkritik zerzaust wurden. Ihr Rezensionsfeind war Ludwig Speidel von der „Neuen Freien Presse“, etwa anlässlich der Aufführung des von Heinrich Laube im Stadttheater inszenierten Stücks „Das Waldfräulein“ (1873). Danach war ihr Glaube an sich als Schriftstellerin erschüttert. Gar manche Spannungen mit Ehemann Moritz und ihren Brüdern hatten ihre Ursache darin, dass sie weitermachte.


Die ersten Schritte zur Schriftstellerin

Die Biografin konnte auf den demnächst erscheinenden, von Ulrike Tanzer, Lina Maria Zangerl und Gabriele Radecke edierten Briefwechsel zwischen Ebner-Eschenbach und Josephine von Knorr zugreifen. Das ermöglichte ihr, einen biografischen Abschnitt aufzuwerten, der bisher unterbelichtet war: die frühen Jahre Ebner-Eschenbachs mit ihren teils entschlossenen, teils unsicheren Schritten in die Schriftstellerei vor 1862, eine Phase, für die keine Tagebuchaufzeichnungen vorliegen. Aus dieser Zeit stammt Ebner-Eschenbachs anonym veröffentlichtes Erstlingswerk „Aus Franzensbad“, fiktive Kurbriefe an einen fiktiven Arzt (1858); Strigl würdigt es als Fingerübungen für stilistische Register in ihren späteren Werken.

Die darin enthaltene scharfe Kritik an den Schwächen der österreichischen Aristokratie trug der Autorin spitze Urteile ihrer Standesgenossinnen ein. Mehr und besser als bisher weiß man nach der Lektüre von Strigls Buch über Ebner-Eschenbachs Herkunft und die gesellschaftlichen Verflechtungen Bescheid, nicht nur, was die Lebensumstände betrifft, sondern auch, wie sich frühe Erlebnisse später auf die Wahl bestimmter Themen und auf die soziale Gesinnung ihrer Werke ausgewirkt haben – die immer wieder das Erstaunen ihrer Zeitgenossen, etwa Peter Roseggers, hervorgerufen hat. Anders als ihr Kollege Ferdinand von Saar („Wissen S' keinen Stoff für mich?“) entwickelte Ebner-Eschenbach ein literarisch ergiebiges Sensorium für Probleme ihrer Zeit, etwa in der Erzählung „Der Vorzugsschüler“ zum Thema Schülerselbstmord.

„Tout est l'histoire“ lautet das von Ebner-Eschenbach aus der Autobiografie der französischen Schriftstellerin George Sand zitierte Motto für die Erzählung „Das Gemeindekind“. Im Abschnitt „Ein Meisterwerk“ (als das es schon früh galt), in dem Strigl auch die nicht hoch genug einzuschätzende Mitarbeit von Ebner-Eschenbachs Freundin Ida von Fleischl würdigt, macht sie eine methodische Leitlinie klar, nach der sie auch bei anderen Erzählungen vorgeht: Themenfindung in der persönlichen Lebenswelt, Analyse des Textes, Verknüpfung mit Geschichte. Für die längeren Erzählungen, wie „Bozena“, „Lotti die Uhrmacherin“ und „Unsühnbar“ – Ebner-Eschenbach hat sich ungern auf Gattungsbezeichnungen festgelegt –, gilt dies in besonderem Maß.

Obwohl nicht alle Werke nach ihren besten Jahren auf gleicher Ebene stehen – die aus der englischen Literaturkritik bekannte Unterscheidung von „telling“ (reden über) und „showing“ (zeigen von) bietet sich an –, finden so gut wie alle ihre Berücksichtigung. Manche sind schon in der Themenwahl ergiebig und „modern“. Unter diesem Vorzeichen behandelt Strigl die Erzählung „Das tägliche Leben“ von 1908: Am Vorabend ihres silbernen Hochzeitstages erschießt sich eine mitten in einem aktiven Leben stehende, für glücklich erachtete Frau. Hier war, so darf man anmerken, die „Plötzlichkeit“ als Signum der Moderne (Karl-Heinz Bohrer) am Werk. Der Band wird gut in möglichstvielen Händen liegen. Ein Standardwerk. ■

Daniela Strigl

Berühmt sein ist nichts

Marie von Ebner-Eschenbach. Eine Biografie. 440 S., zahlreiche Abb., geb., € 26,90 (Residenz Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2016)