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Die Bahn schafft sich ihre eigene Billigkonkurrenz

ÖBB Wien Hauptbahnhof
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Die ÖBB steigen ins Fernbusgeschäft ein. Der „Presse“ liegen schon die Details vor.

Wien. Rund zwei Milliarden Euro investieren die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) jedes Jahr in die Schieneninfrastruktur. Den Verkehr von der Straße auf die Schiene zu verlagern, ist erklärtes politisches Ziel, schon der Klimabilanz zuliebe. Das neueste Projekt will da nicht recht ins Konzept passen: Die Bahn plant den Einstieg in den Fernbusmarkt. Die Busse – rund 30 an der Zahl – sind bestellt, zu Jahresmitte soll der Startschuss fallen. Was aber genau geplant ist, war bisher ein großes Geheimnis.

Der „Presse“ liegen nun konkrete Fahrpläne und Preise vor. Und die zeigen: Die ÖBB-Fernbusse sind keineswegs nur eine Ergänzung zum bestehenden Schienenangebot. Die Bahn schafft sich vielmehr ihre eigene (Billig-)Konkurrenz. Von Wien aus sollen vier Städte angefahren werden: München, Berlin, Venedig und Zagreb. Zudem ist eine Buslinie von Linz nach Prag geplant. Ein Antrag auf Konzessionen wurde beim Verkehrsministerium eingereicht. Losgehen soll es am 1. Juli.

Bei Komfort und Geschwindigkeit können die Busse freilich nicht mit der Bahn konkurrieren. Bei den Preisen dafür umso mehr: Eine Fahrt von Wien nach Berlin soll mit dem ÖBB-Bus zwischen 21 und 65 Euro kosten. Mit dem Zug kostet die gleiche Fahrt bestenfalls 59 Euro, wenn man rechtzeitig ein Sparschiene-Ticket kauft, das nicht stornierbar ist. Regulär kostet das Ticket zwischen 134 und 200 Euro pro Richtung, mit der Vorteilscard zwischen 95 und 138 Euro.

 

Wien–München ab 20 Euro

Linz–Prag kostet mit dem Zug 50 bis 100 Euro (regulär), mit dem Bus zwischen 19 und 44 Euro. Von Wien nach Zagreb gelangt man mit dem Zug um 106 Euro, mit dem Bus schon ab 27 Euro. Wien–Venedig ist mit dem Zug keine attraktive Strecke, hier bietet sich die Busalternative an (42 bis 65 Euro).

Anders sieht es auf der Weststrecke aus: Sie wurde eben erst aufwendig erneuert. Allein der 2012 fertiggestellte Lainzer Tunnel kostete 1,3 Mrd. Euro. Jede Stunde fährt ein Railjet von Wien nach München. Trotzdem wollen die ÖBB die Strecke künftig auch mit dem Bus befahren. Der Konzern argumentiert, man wolle damit ein jüngeres, preissensibleres Publikum ansprechen. Das Busticket soll zwischen 20 und 50 Euro kosten, für den Zug berappt man ohne Vorteilscard 95 Euro.

Die ÖBB müssen sich auf dem Fernbusmarkt mit privaten Anbietern messen: Die deutsche Firma Flixbus etwa fährt in Kooperation mit Blaguss (Österreich) schon jetzt acht Mal täglich von Wien nach Berlin, bei früher Buchung schon um 22 Euro. Die Pläne der ÖBB sind höchst umstritten. Ein Vorwurf lautet, die Bahn grabe sich mit den Fernbussen selbst das Wasser ab, die Einnahmeausfälle auf der Schiene würden am Ende auf die Kunden abgewälzt.

Innerhalb der Branche rumort es. Der Tenor: Als privater Betreiber müsse man sein Geld mühsam verdienen, im Fernbusgeschäft sei das schwer genug. Und jetzt komme die mit Steuergeld gestützte Bahn daher und nehme einem das Geschäft weg. Wegen der angespannten Atmosphäre will sich aber niemand öffentlich dazu äußern. Tatsächlich haben die Privaten allen Grund, sich zu ärgern. Auf den internationalen Strecken herrscht zwar ein einigermaßen freier Wettbewerb. Innerhalb Österreichs aber ganz und gar nicht. Hier gelten andere Spielregeln: Das Gesetz begünstigt die Bahn massiv gegenüber Privaten und schützt sie so vor der Konkurrenz.

Wer eine Buslinie zwischen zwei Bundesländern anbieten möchte, muss eine Konzession beantragen. Dann wird ein „Ermittlungsverfahren“ eingeleitet. Dabei dürfen auch die Verkehrsverbünde sowie Arbeiter-, Wirtschafts- und Landwirtschaftskammern mitreden. Und die ÖBB: Kann die Bahn beweisen, dass sie beeinträchtigt wird, wird es nichts mit der Konzession. Die Verfahren dauern meist viele Jahre. Nach der Konzession wird zusätzlich noch über jede einzelne Haltestelle verhandelt. Warum eine Konzession vergeben wird oder nicht, ist nicht immer nachvollziehbar.

Wie absurd es im Verfahren zugehen kann, zeigt ein aktuelles Beispiel: Der Busunternehmer Ludwig Richard (Dr. Richard) beantragte in Salzburg eine Konzession für die Strecke Graz–Salzburg. Er bekam sie nicht. Die Begründung: Volkswirtschaftlich sei der Nutzen geringer als der Schaden. Richard hat Einspruch eingelegt. Auch das Unternehmen Blaguss, das mit der privaten Westbahn das Joint Venture Westbus betreibt, hat um Graz–Salzburg angesucht. Allerdings in der Steiermark (wo das Unternehmen ansucht, steht ihm frei). Es erhielt einen positiven Bescheid. Die ÖBB haben dagegen Einspruch eingelegt, er wurde aber abgewiesen. Blaguss wird den Betrieb in naher Zukunft starten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2016)